Bayreuth

»Wagner ist mir unheimlich«

Der israelisch-amerikanische Regisseur Yuval Sharon inszeniert bei den Festspielen die Oper »Lohengrin«

von Axel Brüggemann  09.07.2018 18:42 Uhr

Kommt aus der Neuerfindung der Oper an einen Ort der absoluten Tradition: Yuval Sharon (39) Foto: Getty Images

Der israelisch-amerikanische Regisseur Yuval Sharon inszeniert bei den Festspielen die Oper »Lohengrin«

von Axel Brüggemann  09.07.2018 18:42 Uhr

Zum Glück endet das jüdische Ringen mit Richard Wagner und den Bayreuther Festspielen nicht immer so dramatisch wie bei dem jüdischen Pianisten Joseph Rubinstein. Der vergötterte den »Meister« und blieb Wagner, trotz dessen antisemitischen Schikanen, treu bis in den Tod. Das Ableben des Komponisten erschütterte Rubinstein derart, dass er sich 1884 an Wagners Grab das Leben nahm.

Bis heute gehört der Ringkampf mit Wagner zur Pflichtübung für jeden (nicht nur jüdischen) Musiker. Etwa für Daniel Barenboim, der die Musik von der Ideologie trennen will und Wagners Musik zurück nach Israel brachte. Oder den britischen Regisseur und Schauspieler Stephen Fry, der vor zwei Jahren für SKY vom Grünen Hügel berichtete und seiner Wagner‐Besessenheit in der Dokumentation Wagner & Me freien Lauf ließ, in der er fast in Ohnmacht fiel, als er den Wagner‐Erben die Hand schütteln durfte.

Buhrufe Weitaus selbstbewusster ging letztes Jahr Regisseur Barrie Kosky mit dem »Meister aus Bayreuth« um, als er auf seiner Meistersinger-Bühne einen gigantomanisch großen Plastikkopf eines Mannes mit Kippa und Pejes aufblasen, den Beckmesser ausbuhen und Wagner den Nürnberger Prozess machen ließ.

Und auch in diesem Festspielsommer kommt zur Neuinszenierung wieder ein jüdischer Regisseur in den fränkischen Opern‐Gral: Der 39‐jährige Yuval Sharon, dessen Eltern aus Israel stammen und der bei Chicago geboren wurde, wird ausgerechnet die Erlöseroper Lohengrin im Bühnenbild von Neo Rauch inszenieren. Christian Thielemann wird dirigieren.

Während Kosky und Co. noch mit dem Wagner‐Wahn zwischen Genie und Judenhass gerungen haben, mit der Besetzung seines Werkes durch Hitler und damit, dass Bayreuth heute wieder Laufsteg der bundesdeutschen Politik ist, macht Sharon schon während der Probenphase klar, dass seine Generation ganz andere Probleme hat.

Hitler »Bayreuth ist für ihn immer ein Ziel für die ferne Zukunft gewesen«, sagt er. Dass Katharina Wagner ihn schon jetzt angerufen habe, dass er plötzlich und eher spontan für Alvis Hermanis einspringen sollte, der sich ausgerechnet durch nationalistische und menschenverachtende Äußerungen zur Flüchtlingskrise disqualifiziert hat, war für ihn zunächst einmal ein Schock. Aber dann hat sich Sharon gedacht, dass Bayreuth, wo Hitler einst als »Onkel Wolf« empfangen wurde, ein guter Ort sei, »um die Vergangenheit mit der Gegenwart zu vereinen«.

Sharon will »eine Art Versöhnungsversuch« unternehmen, »einen Weg finden, um in Zukunft weiter gehen zu können«.
Auch ein Teil von Sharons Familie wurde von den Nazis verfolgt. Aber der Umgang des Regisseurs mit der Vergangenheit ist ein neuer. »Irgendwie muss man weitergehen«, sagt er. Und betont, dass Verdrängung nicht immer nur etwas Destruktives sein muss.

Weitergehen, ausgerechnet bei Lohengrin! Jener Oper, die sowohl Ludwig II. als auch Hitler zu Tränen rührte. Die Oper, die von den Nationalsozialisten auch deshalb geliebt wurde, weil der Held als von Gott gesandter Weltenretter die Bühne betritt und keine Fragen des Volkes zulässt.

Gesamtkunstwerk »Wagner ist mir unheimlich, aber er ist eben auch unheimlich inspirierend«, sagt Sharon. Während Kosky sich in seinen Meistersingern mit Wagners Judenhass, der Vereinnahmung seiner Musik durch die Nazis und mit den Nürnberger Prozessen auseinandergesetzt hat, scheint es Sharon um etwas ganz anderes zu gehen: »Wagners Idee vom Gesamtkunstwerk ist, was mich interessiert.«

Tatsächlich hat Wagners Idee, dass nicht nur Musik, Text und Bild miteinander verschmelzen, sondern dass Bühne und Realität eins werden, viel mit jenen Opernkonzepten zu tun, für die auch Yuval Sharon steht. Früher hat sein Vater ihn oft mit in die Oper von Chicago genommen. Schon damals begeisterte den Sohn diese Kunstform, ebenso wie sie ihn langweilte, weil sie nichts mit seinem Leben, seiner Zeit, seinem Denken zu tun hatte. Und genau das hat er als Regisseur geändert.

Sharons Operntruppe, »The Industry«, veranstaltet Musik‐Theater‐Produktionen der ganz anderen Art. Für die Produktion von Invisible Cities bekam das Publikum in Los Angeles Kopfhörer aufgesetzt, die Vorstellung fand in der U‐Bahn, in Autos und an Bahnhöfen statt. Zum Teil aus der Kopfhörer‐Retorte, zum Teil als reale Inszenierung, immer unter Menschen, immer in der Welt. Genauso wie Wagner ist es Sharons Traum, den Vorhang zwischen Opern‐Fiktion und dem Schauspiel unserer Wirklichkeit zu durchbrechen.
Sharon kommt aus der Neuerfindung der Oper an einen Ort der absoluten Tradition.

konventionell Ob ihm all das in den Bühnenbildern von Neo Rauch gelingen wird? Rauch hat, so hört man, in erster Linie Gemälde geschaffen. Und Sharon will sie durch seine Personenregie zum Leben erwecken. Dabei muss er – Festspielhaus hin oder her – eher konventionell vorgehen, kann den Theaterraum nicht aufbrechen und wird wahrscheinlich auf eher traditionelle Mittel des Theaters zurückgreifen müssen.

Vielleicht ist es genau das, was den neuen Lohengrin diesen Sommer in Bayreuth so spannend machen könnte: Da kommt jemand aus der Neuerfindung der Oper an einen Ort der absoluten Tradition, die ihn grundsätzlich eher weniger interessiert als die Revolution. Mit anderen Worten: Da kommt ein Wagner‐Geist, um dem inzwischen selbst zum historischen Geist mutierten Wagner die Leviten zu lesen.

Die große Frage wird sein, wie fruchtbar es ist, wenn ein Neudenker auf die traditionellen Mittel der Bühne zurückgeworfen wird und ein Uralt‐Meister wie Wagner, der oft nur auf seine politische Dimension reduziert wird, wieder neuen Atem durch ein modernes Verständnis von Gesellschaft bekommt. Wir werden es wissen, sobald am 25. Juli die Opern‐Festspiele beginnen.

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