Geschichte

Vordenker der Vernichtung

Im 19. Jahrhundert begannen antijüdische Autoren eine heftige literarisch-agitatorische Kampagne gegen die jüdische Minderheit. Die Ideologen warnten vor einer bürgerlichen Gleichstellung der Juden mit dem Hinweis auf die angeblich unausrottbare Verderbtheit des jüdischen Charakters und wiesen den Juden – biologisch-rassische Scheinargumente späterer Antisemiten vorwegnehmend – kollektive und unveränderbare negative Eigenschaften zu.

Am weitesten ging dabei der Publizist Hartwig von Hundt-Radowsky in seinem 1819 erschienenen Judenspiegel. Hundt dämonisierte die Juden bereits als »Untermenschen«, als »unmenschliches Ungeziefer«, dem es gelungen sei, durch teuflische Künste an die Schalthebel der Macht zu kommen. Schon die Bezeichnung als »Ungeziefer« impliziert die Möglichkeit des Vertilgens. Die Erstauflage des Judenspiegels mit 5.000 Exemplaren war sofort vergriffen, nach nur drei Wochen kam eine zweite in der gleichen Stückzahl heraus.

pogrome Über diesen furchtbaren Demagogen hat Peter Fasel eine Biografie verfasst, die zeigt, wie Hundt-Radowsky vorbereitete, was die Nazis 120 Jahre später in die Praxis umsetzten. Hundt-Radowsky regte an, alle Jüdinnen ins Bordell zu stecken, alle Juden zu kastrieren, sie in Bergwerken nur noch unter Tage arbeiten zu lassen oder sie an die Engländer zu verkaufen, die sie in ihren Kolonien als Sklaven einsetzen sollten. Die Tötung eines Juden hielt er weder für eine Sünde noch für ein Verbrechen. Hundts Forderung, die Juden auszurotten und Deutschland von dem »Ungeziefer« zu reinigen, wurde erstmals 1819 in der Hepp-Hepp-Bewegung blutige Wirklichkeit.

»Die gänzliche Entsittlichung der Juden, ihr unbezwingbarer Hang zum Wucher, zum Betrug, Diebstahl, Müßiggang, zur Sodomiterei ... macht sie unfähig, Bürger zu werden.« So steht es 1822 in Hundts Judenschule. In vielen deutschen Städten kam es zu Hundts Zeiten zu Pogromen mit Plünderungen, Misshandlungen und Morden. Vorgedacht findet sich buchstäblich alles in den Kampfschriften des ehemaligen mecklenburgischen Rittergutsbesitzers und Juristen Hartwig von Hundt-Radowsky: Mit Judenspiegel, Judenschule und Christenspiegel schuf er ein geschlossenes Welterklärungsmodell, mit dem er zum Vater des modernen Vernichtungsantisemitismus wurde.

Muslime Hundt ist auch der erste Antisemit, der die Muslime, die er »Ismaeliten« oder »beschnittene Halbbrüder« der Juden nennt, als potenzielle Helfer bei der Auslöschung der Juden ins Spiel bringt. Lange vor dem Aufkommen des modernen Islamismus ist dieser Einfall, so wenig durchdacht er scheinen mag, immerhin bemerkenswert. Der Historiker Heinrich Graetz beschreibt Hundt als einen Mann, der sämtliche Judenfeinde, die seit Erfindung des Buchdrucks die Vertilgung der Juden »als Herzensangelegenheit« behandelt hätten, übertroffen habe. Hundts Brandschriften, so Graetz, seien von der deutschen Lesewelt gieriger verschlungen worden als seine schlechten Romane.

paranoia In seinen Pamphleten tat Hundt-Radowsky im Grunde nichts anderes, als die seit Jahrhunderten durch zahllose Schriften verbreiteten und im Volk zirkulierenden Bruchstücke des Judenhasses zu kompilieren. Allein die Zusammenfassung und relative Systematisierung der bereits vorhandenen Elemente steigerte die Radikalität des Antisemitismus, der bei Hundt unverkennbar paranoide Züge angenommen hatte.

Dem Biografen Fasel dürfte es nicht immer leicht gefallen sein, ein sachliches Lebensbild zu rekonstruieren, zumal es an brauchbarem Quellenmaterial mangelt: Es fehlt ein Nachlass, die Zahl der überlieferten Briefe Hundts ist gering. Nicht einmal ein Porträt des Mannes existiert. Diese historiografische Forschungsleistung, die ihren Ertrag allein aus den Hundt’schen Schriften zieht, verdient größten Respekt.

Hundt entwickelte ein hermetisches, auf die Ausrottungspolitik des Nationalsozialismus vorausweisendes ideologisches System. Keiner der vielen Judenhasser in Deutschland hat in diesem Zeitraum über Jahre hinweg publizistisch so obsessiv agitiert wie Hundt-Radowsky. Fasels einfühlsame Studie belegt, dass bereits der Antisemitismus Hundts sich kaum mehr radikalisieren lässt.

Peter Fasel: Revolte und Judenmord: Hartwig von Hundt-Radowsky (1780–1835). Biografie eines Demagogen. Metropol, Berlin 2010, 319 S., 22 €

Auszeichnung

Duisburger Musikpreis für Igor Levit

Die Stadt Duisburg ehrt den jüdischen Pianisten Igor Levit mit ihrem Musikpreis. Gewürdigt wird nicht nur das künstlerische Können des 39-Jährigen, sondern auch sein gesellschaftliches Engagement

 21.06.2026

Aufgegabelt

Israel »Dot Cake«

Rezepte und Leckeres

 21.06.2026

Zahl der Woche

170 Delegierte

Fun Facts und Wissenswertes

 21.06.2026

Glosse

Der Rest der Welt

YouTube-Clips mit Tefillin oder »Mehr Licht in der Welt«

von Margalit Edelstein  21.06.2026

Essay

Fallstricke des Wokeismus

Gegenerzählungen zur westlichen Kolonialgeschichte bilden ein berechtigtes Korrektiv, aber was über Israel verbreitet wird, bedarf grundlegender Korrekturen

von Richard Blättel  20.06.2026

Glosse

Deutschland sucht den Nazi

Der »Spiegel« und die »Zeit« helfen den Deutschen, die Nazis unter den Vorfahren aufzuspüren - und verdienen damit ganz nebenbei gutes Geld. Richtig so, findet unser Autor

von Michael Thaidigsmann  19.06.2026

Fußball

»Ich weiß, wer Weltmeister wird«

Uri Geller über die Weltmeisterschaft, den Gewinner des Turniers und seinen fatalen Einfluss auf einen verschossenen Elfmeter bei der EM 1996

von Detlef David Kauschke  19.06.2026

»Imanuels Interpreten« (22)

Herbie Mann: Der Klangsetzer

Sein Motto: »Wenn du die Musik von jemandem spielen willst, gehe zu ihm nach Hause.« Er setzte dies um, hatte dann aber die Jazz-Polizei am Hals

von Imanuel Marcus  19.06.2026

Kommentar

Nimm die Wahrheit an, von wem auch immer sie gesagt wurde

Bisweilen wirkt die Debatte um KI-generierte Texte absurd. Denn die Qualität eines Arguments sollte entscheidender sein als sein Urheber

von Leeor Engländer  18.06.2026