BDS

»Ve­hi­kel einer antisemitischen Kampagne«

In der Kritik: Ruhrtriennale-Intendantin Stefanie Carp Foto: dpa

Jüdische Verbände kritisieren Ruhrtriennale-Intendantin Stefanie Carp für die Wiedereinladung der Band »Young Fathers«. »Sie möchten dabei den Versuch unternehmen, die Musik der Band von der Einstellung der Musiker zu trennen«, schrieben die jüdischen Vertreter in einem am Freitag veröffentlichten Brief an Carp. »Dies zeugt von einer Naivität, die eines Festivals von der Größe, Popularität und Reichweite der Ruhrtriennale nicht würdig ist.«

Carp hatte vor zwei Wochen die schottische Band »Young Fathers« ausgeladen, weil sie sich nicht von der israelfeindlichen BDS-Bewegung (Boycott, Divestment and Sanctions) distanziert hatte. Am Donnerstag hatte die Ruhrtriennale-Intendantin nun erklärt, die Musikgruppe doch wieder einzuladen. Sie lade die »Young Fathers« ein und nicht die BDS-Bewegung.

credo Die Musiker hätten in vielen Interviews glaubhaft gemacht, dass sie Antisemitismus in jeder Form ablehnten, so Carp in ihrer Erklärung am Donnerstag. »Ich bin der Meinung, dass wir die unterschiedlichen Perspektiven und Narrative zulassen müssen, da diese Offenheit das dramaturgische Credo unseres Programms ist«, hatte Carp erklärt. Die Musiker hatten daraufhin erklärt, trotz der Wiedereinladung kein Konzert im Rahmen des Festivals zu geben.

Die Landesverbände der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein, von Westfalen-Lippe, der Progressiven Jüdischen Gemeinden von NRW und die Synagogen-Gemeinde Köln bedauerten diese Entscheidung. »Unter dem Deckmantel der Kunstfreiheit betrachten Sie den Boykott und aktive Aufrufe des BDS, israelische Künstlerinnen und Künstler weltweit nicht auftreten zu lassen, als ›Narrative‹ und ›Perspektiven‹, die gehört werden sollten«, schrieben die jüdischen Vertreter.

Damit legitimiere Carp Antisemitismus und verharmlose Kräfte, die das Existenzrecht Israels infrage stellten, betonten die jüdischen Verbände. Sie appellierten an die Ruhrtriennale-Intendantin, ihre Entscheidung zu überdenken und die Band erneut auszuladen. »Wäre es Ihnen wirklich um einen Dialog gegangen, hätten Sie sich um Künstler von beiden Seiten bemüht, anstatt sich als Vehikel einer antisemitischen Kampagne ausnutzen zu lassen.«

Auch NRW-Kulturministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen (parteilos) kritisierte die erneute Einladung der »Young Fathers« scharf, weil BDS in ihren Handlungen und Zielen das Existenzrecht Israels infrage stelle. »Dies ist gerade vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte nicht akzeptabel«, sagte Pfeiffer-Poensgen. »In Zeiten zunehmender antisemitischer Straftaten und anderer Vorfälle, leider auch in Nordrhein-Westfalen, ist dies ein falsches Signal.«

Rücktritt Thomas Nückel, kulturpolitischer Sprecher der FDP-Fraktion im Landtag von NRW, fordert unterdessen den Rücktritt von Ruhrtriennale-Intendantin Stefanie Carp. »Sie sollte die Konsequenzen ziehen, und sofort zurücktreten«, sagte Nückel dem Blog Ruhrbarone. »Dass die Intendantin eine Band wie die ›Young Fathers‹, deren Haltung ja bekannt war, eingeladen hat, war bereits ein Fehler. Die Gruppe dann, als Kritik aufkam, auszuladen, um nun vor der BDS-Kampagne einzuknicken, weil ein paar antisemitischer Hetzer sich im Internet beklagen, zeugt von mangelndem Rückgrat.« Carp habe die Ruhrtriennale beschädigt.

BDS wurde im Jahr 2005 auf den Aufruf von über 170 palästinensischen Nichtregierungsorganisationen hin ins Leben gerufen. Ihr Ziel ist es, durch gezielte Boykottaufrufe Israel international zu isolieren und als angeblichen »Apartheidstaat« zu diffamieren. Dabei hat die Bewegung sowohl israelische Firmen und Institutionen als auch Wissenschaftler und Künstler im Visier. ­

In der deutschen Politik ist die BDS-Bewegung aufgrund ihres von Experten als antisemitisch charakterisierten Engagements in jüngster Zeit zunehmend unter Druck geraten. Auf ihrem Parteitag Ende 2015 verabschiedete die CDU einstimmig eine deutliche Resolution gegen BDS. Der Aufruf zum Boykott israelischer Waren sei »nichts anderes als plumper Antisemitismus, wie ihn schon die Nationalsozialisten instrumentalisiert hatten«, begründete die Partei ihren Beschluss. Die Berliner SPD folgte im vergangenen Jahr.

Jüngst hatten die Städte München, Frankfurt und Berlin beschlossen, BDS zu ächten. Künftig soll in diesen Städten sichergestellt werden, jeglichen Aktivitäten von Institutionen, Vereinen oder Einzelpersonen, die BDS unterstützen, weder Räumlichkeiten der Stadt noch der städtischen Gesellschaften zur Verfügung zu stellen oder Zuschüsse zu zahlen. epd/ja

Kommentar

Absage an Danger Dan und Igor Levit: Das ZDF hat absolut richtig gehandelt

Nicht alles, was nicht justiziabel ist, muss auch gesendet werden. Schon gar nicht unverhohlene Aufrufe zur linksextremen Gewalt und Verherrlichung der »Hammerbande«-Terroristen

von Philipp Peyman Engel  17.07.2026 Aktualisiert

WM-Nachlese mit Marcel Reif

»Man muss Infantino zum Teufel jagen und die FIFA auflösen«

Der Moderator und Fußballexperte spricht im Interview über seine persönlichen Highlights und Enttäuschungen der WM, über surreale Argentinier und die Sinnhaftigkeit der Trinkpausen

von Michael Thaidigsmann  17.07.2026

Aufgegabelt

Zum Dippen: Tarator

Rezepte und Leckeres

 17.07.2026

Forum

Leserbriefe

Kommentare und Meinungen zu aktuellen Themen der Jüdischen Allgemeinen

 17.07.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Sommerfrische oder Warum die Blütezeit dieses nostalgischen Wortes vorbei ist

von Nicole Dreyfus  17.07.2026

Lesen

Welches Buch am Strand?

Redakteurinnen und Redakteure der Jüdischen Allgemeinen geben Tipps für die Urlaubslektüre

 17.07.2026

TV

Danger Dan contra ZDF: Ein Songtext und seine Folgen

Die Satiresendung »Die Anstalt« beschäftigt sich mit Radikalisierung. Der Rapper Danger Dan, der sich seit Jahren gegen Rechtsextremismus engagiert, sollte auftreten. Doch das ZDF lädt ihn aus

 17.07.2026

USA

Billy Joel erklärt Rückzug aus dem Popgeschäft

Als Interviewer entlockte der Produzent Rick Beato dem jüdischen Sänger und Songschreiber so manche Anekdote

 17.07.2026

ZDF

ZDF verbietet Igor Levit und Danger Dan zu singen

Auf Social Media werfen die Musiker Igor Levit und Danger Dan dem öffentlich-rechtlichen Sender ZDF Zensur vor. Dabei geht es um ein gemeinsames Lied für die Sendung »Die Anstalt«

 17.07.2026 Aktualisiert