Musik

Und dann kam Uschi

»Ich geb’ mein Herz nie mehr her. Kommt futsch zurück nachher«: Stephan Sulke ist wieder da. Foto: dpa

Diesmal hat er vorsorglich einen Brief geschrieben. »Liebe Journalisten, Euch ein Dankeschön, dass Ihr dann und wann mal was über mich schreibt. Besonders denen ein Dankeschön, die mit meinen Songs nichts anfangen können.« Das ist nicht die Feder, sondern schon das Florett und die erste Finte mit Stich.

Stephan Sulke hatte es nicht leicht. Er war der sympathische Schnuffel am Klavier, der näselnde Nerd, der im Hemd und Pullover mit V-Ausschnitt 1982 herrlich blödelte: »Uschi mach kein Quatsch/ Uschi komm sei lieb zu mir/ Uschi mach kein Quatsch/ weil ich sonst noch den Kopf verlier/ Ich werd dich auch nie wieder küssen/ ohne erst zu fragen/ nie wieder mich an deinen Busen wagen/ und nie mehr sagen/ dass ich was versäum’/ obwohl ich oft von mehr als Händchenhalten träum’.«

chanson Das war so herrlich anders als der Herzschmerz der Chanson- und Schlagerszene seiner Zeit, und Sulke verzauberte mit hängenden Lidern und Schlafzimmerblick die Nation, obwohl er das so gar nicht vorhatte. Nur weil ihm noch zwei Minuten fehlten, habe er den Song noch mit aufs Album genommen, sagt er von sich selbst. Stolz sei er dennoch. Der Hit von damals machte ihn berühmt und stigmatisierte ihn zugleich.

»Liebe Journalisten« also schreibt er zum Start seines neuen Albums Liebe ist nichts für Anfänger, »in Wirklichkeit gibt’s auch nicht so viel zu erzählen.« 1943 in Shanghai geboren, »weil eben 1943«. Seine Eltern, Berliner Juden, waren vor den Nationalsozialisten in das Shanghaier Ghetto geflüchtet, ein Areal von rund 2,5 Quadratkilometern, in dem mehr als 20.000 jüdische Flüchtlinge lebten. Dort habe der Vater »Baumwollabfälle an die Japaner verkauft«.

1949 starb sein Vater, und Sulke wuchs in der Schweiz auf, wo seine Mutter wieder geheiratet hatte. Leider verkaufte sie damals die deutschen Aktien, die der Vater noch erworben hatte, »lauter unbekannte Firmen: Siemens, Daimler und, und, und. Sie hätte gescheiter die Aktien behalten sollen, dann wäre ich wohl später nie auf die Idee gekommen, Musik zu machen, sondern wäre so ein kleiner Rothschild oder Rockefeller geworden«.

Mit 14 kaufte sich Stephan Sulke eine Gitarre. Sechs Jahre später, 1963, erschien seine Single »Mon Tournedisque« in Paris. Seine ersten Lieder veröffentlichte er in Frankreich und den USA, wo er als »A Swiss to watch« bei einer Plattenfirma in Nashville landete. »Wäre abgekürzt Swatch. Klingt irgendwie bekannt. Dann hatte ich vom amerikanischen Showgeschäft die Nase voll.«

erfolg Zurück in der Schweiz, unternahm er Ausflüge in die Jazz- und Popszene, studierte Rechtswissenschaft und gründete in London eine Firma für Studiotechnik. Ab 1974 erschienen seine Songs auch auf Deutsch, er schrieb unter anderem Texte für Katja Ebstein und Erika Pluhar – und dann kam »Uschi«.

Nach diesem Erfolg verschwand er 1987 weitgehend aus der Szene, und ab da wird es auch in seinem Leben komisch. Zusammen mit einem Architekten widmete er sich in Berlin verschiedenen Bauprojekten und machte 1994 von sich reden, als er mit einer Kopfwunde in Frankfurt an der Oder Anzeige bei der Polizei erstattete: Er sei entführt und verprügelt worden. Wenig später fand die Polizei seinen ausgebrannten Wagen, der Boulevard tippte auf »die Auto-Mafia«.

1999 brachte er eine CD heraus, ging auf Tournee und geriet ein weiteres Mal unfreiwillig in die Schlagzeilen. Ein Immobiliengeschäft Sulkes mit dem MDR habe der Rundfunkanstalt Verluste in Millionenhöhe beschert, hieß es. Irgendwann, so im Jahre 2000, schreibt er uns Journalisten jetzt, »hielt ich’s nicht mehr aus und bin wieder da«.

Silbersträhnen Ein wenig länger dauerte es dennoch. Er sei nun im »Edelmetallalter« angelangt, und er besingt es auch gleich, diesen Zustand, »wenn dich der Rummel auf der Straße plötzlich irritiert, und findest jeden unter 20 Jahren geistig amputiert«. Der Mensch wird zum wandelnden Ersatzteillager. Er habe Titan in den Hüften, »Silbersträhnen in den Haaren, Gold, um Zähne zu bewahren«.

Aber die Ironie und Fabulierlust dieser deutsch-schweizerischen Edelfeder sind geblieben. Regelrecht wütend klingt das sogar zwischen manchen Zeilen: »Wenn einer so wie ich erzogen worden ist/ Kein Wunder, wenn der mal den guten Ton vermisst«. Nein, »Liebe ist nichts für Anfänger«, blickt er im titelgebenden Song zurück (oder auch nur um sich, so genau weiß man das bei ihm ja nie): »Man sucht und zerreißt sich/ Man irrt und verbeißt sich …/ Und dann, in den Trümmern/ da weiß keiner mehr/ woher kam der Krieg und wie kam er her.«

Stephan Sulke ist traurig ohne Fernsehen (»Dann mach das Ding doch wieder an«), besingt eine Jugendliebe (»Sie hatte so ’nen Hauch von Marilyn/ vielleicht ihr viel zu blondes Haar/ und ich hielt mich damals für James Dean«), läuft in dem Song »Blöde« zu blödelbardisch hintersinniger Höchstform auf und wird politisch, wenn er sich über in Fernost produzierte Handys und Billigtextilien aufregt: »Hey Leute/ ich wohn’ in Eu-Ro-Pa/ Und der Rest ist mir scheißegal!«

Zuweilen poppig bis jazzig, ist das neue Album vor allem eines: ein ehrlicher, manchmal melancholischer Mann am Klavier. »Ich geb’ mein Herz nie mehr her/ Kommt futsch zurück nachher«, singt Stephan Sulke, und doch hat er es wieder getan, sein Herz hergegeben, und zwar an seine Hörer und Fans. Selbst an die Journalisten, die mit seinen Songs nichts anfangen können.

Stephan Sulke: »Liebe ist nichts für Anfänger «. Staatsakt (Universal Music) 2017

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