Literatur

Um Worte ringen

Die Hamas-Massaker hinterlassen in der israelischen Literatur und Gesellschaft tiefe Spuren.

Wenn die Kanonen donnern, dann schweigen die Musen. Doch nicht in Israel. Der Schock des 7. Oktober 2023, das Schicksal der von Terroristen nach Gaza Verschleppten und der darauffolgende Krieg haben die meisten Literaten nicht verstummen lassen, ganz im Gegenteil.

Das Bedürfnis, über das Erlebte zu reflektieren, manifestiert sich in kurzen individuellen Prosatexten, Gedichten oder Monodramen. Ein Verlangen, miteinander über den Krieg und seine Folgen nachzudenken, lag bereits dem kurz nach dem Sechstagekrieg (1967) publizierten, zudem auch ins Deutsche übersetzten Band Man schießt und weint zugrunde.

Schutzraum – so lautet der bezeichnende Titel einer nun erschienenen Sammlung kurzer Texte, darunter auch drei, die ins Hebräische übersetzt wurden (unter anderem von Maxim Biller). Die Ich-Erzählerin in Tehila Hakimis »Die Zeitrechnung« ist eine von Sorgen geplagte Mutter, die mit ihrem kleinen Kind zum Schutzraum eilt und dabei über das neue Zeitgefühl sinniert: »Tage und Stunden, die plötzlich und unerwartet ein neues Webmuster haben.«

Ein Bild Israels nach einem verheerenden Krieg

Asaf Schurr, dessen letzter Roman Der Bär ein Bild Israels nach einem verheerenden Krieg (erschienen Mai 2023!) liefert, beginnt seinen Beitrag »Die Reise« im sarkastischen, gleichzeitig leidvollen Ton: »Diese Sammlung widert mich an, und mein Wunsch, daran teilzunehmen, widert mich ebenso an. Alles widert mich an, mehr als normalerweise, trauriger als normalerweise.« Oded Wolkstein, Herausgeber des 69-seitigen Bandes, der vom »Israeli Institute for Hebrew Literature« publiziert wurde, bezeichnet die daran Beteiligten als Autoren, die um Worte ringen.

Ähnlich kurz (65 Seiten) ist der Band Worte umarmen, den man, wie auch den oben genannten, gratis aus dem Internet herunterladen kann. Dieser liefert, so der Untertitel, »Ein Lagebild: die besten israelischen Autoren«. Unter ihnen sind Yishai Sarid und Tamar Marin. Ron Dahan erzählt in »Supernova«, wie er, Vater eines achtjährigen Sohnes, ablehnte, am Festival teilzunehmen, da er zum ersten Mal »die tiefe seelische Erfahrung« eines Vaters spürte. So rettete ihn die Nähe und Verbundenheit mit seinem Sohn am Tag des Massakers.

Die Dramatikerin Maya Arad Yasur schreibt: »Auch auf der anderen Seite gibt es Mütter.«

Auch Maya Arad, die als Kind in einem Kibbuz unweit des Gazastreifens aufwuchs, schreibt »Wir gingen verloren in Gaza« bezeichnenderweise in der ersten Person Singular. Jahrelang bezauberten Geschichten aus ihrer Kindheit die eigene Tochter. So die »Legende« über den Abendspaziergang mit ihren Klassenkameradinnen.

Als die Mädchen den Wald erreichten, warnte sie der Gruppenleiter, sie seien irrtümlich im Gazastreifen. Nein, es stimmt nicht, widersetzte sich die Erzählerin, die als Spielverderberin bekannt war. Jahre später wollte ihre Tochter diese Geschichte nicht mehr hören. Doch die Mutter wartete sehnsüchtig darauf, dass der Gruppenleiter sagen würde, sie habe recht gehabt: »Und alles war nur ein Spiel.«

Arad, Verfasserin mehrerer hebräischer Romane, lebt in den USA. So auch Ruby Namdar, einer der Teilnehmer an dem vom Heksherim-Institut initiierten »Panas«-Projekt. In Persönliche Aufsätze aus den Kriegstagen erzählen bekannte Autoren und Literaturwissenschaftler von Texten, zu denen sie in den dunklen Tagen zurückkehrten. So fand Namdar im biblischen »Kohelet« »ein besonderes helles Licht, das die Dunkelheit vertreibt«; Tali Asher beschreibt, wie sie »zu den Worten zurückkehrte, um diese zu retten«.

Trauma und Trauer, Schweigen und Klagerufe

Trauma und Trauer, Schweigen und Klagerufe durchziehen die Texte. Spürbar sind die Einsamkeit und zugleich das Bedürfnis, an der kollektiven Stimme teilzuhaben. Im Nationaltheater Habima zeigen neun Episoden unterschiedlicher Bühnenautoren, was sich im Schutzraum, nachdem die Sirenen heulen, abspielt. Bereits im Dezember fand im Jaffa-Theater die Uraufführung von Wie man nach einem Massaker humanistisch bleibt in 17 Schritten statt.

Die bekannte Bühnenautorin Maya Arad Yasur (nicht identisch mit der bereits erwähnten Maya Arad), deren kurzes Stück inzwischen auch in Deutschland und Österreich aufgeführt wurde, reflektiert über Bewältigungsstrategien der Zivilbevölkerung angesichts der Unmenschlichkeit und des Grauens. In diesem Einpersonenstück wiederholt die Frau, eine Mutter, mehrfach den Satz: »Auch auf der anderen Seite der Grenze gibt es Mütter.«

Der bekannteste israelische Dramatiker Jehoschua Sobol nannte sein neues Stück Bis an die Grenze der Angst. In der Haft schreibt Dan, der von Terroristen verschleppt wurde, Lieder, die seine Geliebte, eine Sängerin, aufführt. Doch sie ist tot, von Terroristen ermordet. Die Lieder singt sie in Dans Fantasie, als wäre sie noch immer bei ihm.

Das Bedürfnis zu reflektieren, sich zu äußern, den Schmerz mit anderen zu teilen, ist deutlich spürbar. Es wird jedoch noch geraume Zeit dauern, bis man den nötigen Abstand gewinnt. Die Rückkehr zum »normalen« Schreibmodus ist schwierig. Einige Autoren ziehen es sogar vor, ihre fertigen Manuskripte zurückzuhalten. »Wen sollte es zurzeit interessieren?«, fragen sie sich.

Zum Schreiballtag zurückzukehren, fällt auch Zeruya Shalev schwer. »Stattdessen verfasse ich nur Artikel, Reden, Ansprachen. Wörter und Sätze ausdenken für einen Roman, das erscheint mir im Moment dermaßen irrelevant.«

Die Autorin wurde in Tel Aviv geboren. Sie ist Literaturwissen­schaftlerin.

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