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TV-Premiere von »Waldheims Walzer«

»Die Waldheim-Affäre war der Wendepunkt in Österreich«: Regisseurin Ruth Beckermann Foto: Noise Film

Für den Beschuldigten handelte es sich um die größte Verleumdungskampagne, die Österreich nach dem Krieg je erlebt habe. Er sei stets ein Nazi-Gegner gewesen, behauptete Kurt Waldheim eisern bis zu seiner Wahl als österreichischer Bundespräsident. Niemals sei er bei der SA oder an Gräueltaten beteiligt gewesen, wie es ihm das Magazin Profil, die New York Times und der Jewish World Congress vorwarfen. Im Krieg habe er »korrekte und anständige Tätigkeiten« ausgeführt; gemeint waren seine Unterschriften unter die Befehle zur Hinrichtung von Partisanen auf dem Balkan oder die Zuarbeit bei Deportationen von Juden aus Griechenland.

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Für einen Teil der Öffentlichkeit bewirkte die Causa Waldheim den längst fälligen Bruch mit dem Mythos, dass Österreich das erste Opfer des Nationalsozialismus gewesen sei. Andere bezeichneten hingegen die jüdischen Ankläger als »ehrlose Gesellen«. Für Wähler der FPÖ ist es auch heute noch nicht ungewöhnlich, wenn ihre Kandidaten mit den gleichen Slogans antreten wie einst der begnadete Opportunist Kurt Waldheim.

Der Kompilationsfilm von Ruth Beckermann, selbst Tochter zweier Holocaust-Überlebender, rekonstruiert die Affäre entlang von Archivaufnahmen, ORF-Material und Ausschnitten ausländischer Sender, die überwiegend aus dem Jahr 1986 stammen. Ergänzt werden sie durch Filmbilder, die Beckermann als junge Aktivistin drehte, als sie das Geschehen aufseiten der Kritiker hautnah dokumentierte, sich aber auch mitten ins demonstrierende Lager der Waldheim-Anhänger traute.

Der frühere Wehrmachtsoffizier Waldheim kommt in Fernsehinterviews ausführlich zu Wort. Er betont unablässig, dass er sich nicht mehr erinnern könne und lächelt beinahe mitleiderregend, als sei er das eigentliche Opfer einer aus dem Ausland initiierten Verschwörung. Seine Antworten umschiffen wiederholt den Kern der Fragen; er weicht aus, relativiert oder schlüpft in die Rolle des aggressiv Trauernden, wenn ihm die Argumente ausgehen. Dann möchte er an den massenhaften Tod der deutschen Soldaten erinnern, begleitet von einem impulsiven Schlag auf den Tisch.

Man sieht Waldheim als UN-Generalsekretär bei Besuchen in Israel und Auschwitz, sieht ihn die Hände von Jassir Arafat und Saddam Hussein schütteln, Blaskapellen anfeuern und von christlichen Werten reden. Man hört aber auch die entsetzten Stimmen von Holocaust-Überlebenden, die eine andere Version der Geschichte erlebt haben, während die Journalisten des ORF dem respektablen Politiker gegenüber beinahe schüchtern und verständnisvoll ihre Einwände zuflüstern.

So wird man dank einer selbstsprechenden Montage in die Eigendynamik eines fatalen, über das Individuelle hinausreichenden Lügengebäudes eingesogen. Waldheim konnte sich nicht nur auf seine Familie verlassen. Sein Sohn, ein in den USA tätiger Banker, verteidigte seine Amnesie vor dem US-Kongress und verhedderte sich in absurden Mutmaßungen. Auch die Mehrheit der Österreicher war nicht gewillt, die eigenen Verwicklungen in die Taten des NS-Regimes zu thematisieren.

Obwohl österreichischer Bundespräsident, erlebte Waldheim nach den Enthüllungen eine beispiellose internationale Ächtung. 1987 kam er als potenzieller Kriegsverbrecher auf die Watchlist der USA. Trotzdem blieb er bis 1992 im Amt. Die Kräfte, die sich hinter ihm scharten, finden sich heute in Wien an der Macht.

Umso mehr staunt man über die gefasst distanzierte Stimmlage der Regisseurin Ruth Beckermann, die aus dem Off den Bilderreigen kommentiert und sich immer wieder wundert, warum Waldheims auffällig lückenhafte Biografie nicht schon vor dem Präsidentschaftswahlkampf genauer durchleuchtet wurde. Man wundert sich mit ihr, über die erstaunliche Rollenumkehrung etwa, die den Österreichern den Status eines in Stolz und Ehre verletzten Volkes zugestand, das sich keiner Verfehlungen bewusst war, und deshalb dem angeblich zu Unrecht verfolgten Waldheim zum höchsten Staatsposten verhalf.

Der Filmessay ist eine glänzende Lehrstunde politischer Verantwortungsabwehr, ausgetragen anhand eines Empörungsmantras, das jede Schuld von sich weist, selbst wenn die medial jedermann zugänglichen Beweise noch so zwingend sind. Der Wille zur Verdrängung ist beinahe körperlich spürbar; niemals zeigt Waldheims trotziges Gesicht irgendeinen Anflug von Zweifel. Diese vollkommene Abwesenheit von Selbstkritik hält die Wunde offen, an der sich Ruth Beckermann immer noch abarbeitet, in nach rechts rückenden Zeiten, die der rückblickenden Befragung kollektiver Befindlichkeiten eine alarmierende Dringlichkeit verleihen.

»Waldheims Walzer«, Mittwoch, 3. Juni, 23.50 - 01.25 Uhr, Arte

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