Regretting Motherhood

Trügerischer Kindersegen?

Kleine Kinder sind niedlich, machen aber viel Arbeit. Foto: Thinkstock

Nur eine Mutter weiß allein, was lieben heißt und glücklich sein.» Diese Zeilen verfasste vor gut 200 Jahren der Dichter und Naturforscher Adalbert von Chamisso und legte noch eins drauf: «Oh, wie bedaure ich doch den Mann, der Mutterglück nicht fühlen kann.»

Einmal das Wort «Mutterglück» bei Google eingegeben, und schon wird man von einer wahren Kitschlawine geradezu überrollt. Und wer in der Frühlingssonne auf dem Ben-Gurion-Boulevard in Tel Aviv oder dem Helmholtzplatz in Berlin die zahlreichen Frauen mit ihren Kinderwagen und gelegentlich leicht verklärtem Blick spazieren gehen sieht, mag diese Zeilen vielleicht auch noch für bare Münze nehmen.

Doch der Eindruck täuscht, so jedenfalls lautet das Fazit der vor wenigen Monaten veröffentlichten Studie Regretting Motherhood, zu Deutsch: «Mutterschaft bedauern», von Orna Donath, einer an der Universität von Tel Aviv lehrenden Soziologin.

Sie hatte 23 israelische Mütter aus der Altersgruppe von Mitte 20 bis Mitte 70 in ausführlichen Interviews zu ihrem Selbstbild als Mutter ausgehorcht und ihnen dabei die folgende Frage gestellt: «Wenn Sie die Zeit zurückdrehen könnten, würden Sie mit dem Wissen von heute noch einmal Mutter werden wollen?»

Die einhellige Antwort darauf war ein klares: «Nein!» Alle befragten Frauen erklärten zwar explizit, ihre Kinder über alles zu lieben. Doch ihre Mutterrolle empfanden sie als grauenvoll und als Zumutung, eine Identifikation im positiven Sinne wollte sich partout nicht bei ihnen einstellen.

Geburtenrate «Wie in den meisten anderen Ländern der Welt gilt auch in Israel eine solche Haltung als absolut inakzeptabel, und zwar bis zu dem Grad, dass bereits die Existenz eines derartigen Gefühls des Bedauerns in Abrede gestellt wird», kommentiert Donath die Ergebnisse. «Schließlich wird Mutterschaft in allen Gesellschaften als etwas geradezu Mythisches betrachtet, das ganz klar jenseits aller negativen Zuschreibungen steht.»

Das gilt insbesondere für den jüdischen Staat, der von allen OECD-Ländern die mit Abstand höchste Geburtenrate verzeichnet und darüber hinaus zu den Pionieren bei der Reproduktionsmedizin gehört. Wer dort keine Kinder will, wird schnell schief angesehen.

«Einige Frauen gaben an, dass sie aufgrund des hohen Stellenwerts der Mutterschaft in Israel vielleicht ein Gefühl der Leere und Sinnlosigkeit empfunden hätten, wenn sie keine Kinder bekommen hätten», ergänzt Donath. «Heute würden sie das wohl anders sehen.»

Die Soziologin hat sich mit ihrer Forschungsarbeit auf ein wissenschaftlich schwieriges Terrain gewagt, das zudem hochgradig emotional aufgeladen ist. Denn sehr wohl kennt die Entwicklungspsychologie das Phänomen der postnatalen Depression, gerne auch «Babyblues» genannt, das sich durch ambivalente Gefühle der Mutter gegenüber dem Neugeborenen auszeichnet, die im Extremfall sogar zur Tötung des eigenen Sprösslings führen können.

Wer aber als Frau generell bereut, Mutter zu sein, läuft schnell Gefahr, als Rabenmutter und gefühlskalte Person abgestempelt zu werden. Deshalb bleibt man lieber anonym. Äußerungen wie die von Doreen, immerhin dreifache Mutter, gelten als gesellschaftlich wenig hoffähig: «Ich könnte sofort auf sie (die Kinder) verzichten, aber wirklich. Ohne mit der Wimper zu zucken.»

Katastrophe Dabei kam keine der von Donath interviewten Frauen aus problematischen Verhältnissen. Eher das Gegenteil war der Fall, fast alle stammten aus der Mittelschicht, einige waren Alleinerziehende, andere hatten einen Partner. Bloß das mit dem Muttersein klappte irgendwie nicht.

So wie bei Tirza. «Schon in den ersten Wochen nach der Geburt empfand ich das als Katastrophe», fasst die zweifache Mutter und mittlerweile sogar Großmutter zusammen. «Allein dieses Konzept, wenn ein Kind mich Mama ruft. Ich drehe mich um und schaue, wer damit wohl gemeint sein könnte. Bis zum heutigen Tag.»

Aussagen wie diese haben die israelische Wissenschaftlerin dazu bewogen, Mutterschaft als kulturelles und historisches Konstrukt zu bezeichnen. Zugleich warnt sie vor falschen Schlussfolgerungen oder gar einer moralischen Verurteilung der Frauen. Auch haben Tirza, Doreen & Co. ihre Kinder weder emotional vernachlässigt noch ihnen physische Gewalt angetan. Vielmehr gaben sie ihnen ein liebevolles Zuhause. «Schließlich sind sie ganz normale Frauen, die aber ihre Rolle als Mutter mit einer anderen emotionalen und kognitiven Haltung bewerten, als der gesellschaftliche Konsens es vielleicht wahrhaben will.»

Illusion Hand aufs Mutterherz, die perfekte Mama, die ständig präsent ist und rund um die Uhr nur Liebe für die Frucht ihres Schoßes empfindet, dürfte wohl sowieso eher dem Reich der Illusion angehören. Das jedenfalls schreiben auch die beiden israelischen Psychologinnen Rivka Tuval-Mashiach und Shirit Shaiowitz-Gourman von der Bar-Ilan-Universität in ihrem kürzlich erschienenen Aufsatz Maternal Ambivalence and «Ideal Mothering»: Can the Two Go Together?.

Wie recht Orna Donath mit ihren Thesen offensichtlich hat und welche mitunter heftigen Reaktionen sie damit auslöste, das belegen derzeit gerade die Diskussionen im Internet, die unter dem Hashtag #regrettingmotherhood geführt werden.

Wutmütter und Gutmenschen kreuzen dort mitunter recht meinungsstark die Klingen. «Wenn ihr keinen Bock habt, Kinder zu bekommen, dann lasst das doch einfach sein», ist dort zu lesen. «Ich dachte immer, ich wäre unnormal, weil ich ähnlich empfinde», schreiben dagegen andere, wie die Mutter eines 15-jährigen Sohnes, die lieber anonym bleiben will. Aber bald ist ja wieder Muttertag.

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