Judaistik

»Trotz allem«

»Wenn man älter wird, kehrt man an seine geistigen Ursprünge zurück«, sagte der Religionswissenschaftler und Publizist Ernst Ludwig Ehrlich (1921–2007) vor über 25 Jahren. Am kommenden Sonntag, den 27. März, begehen Ehrlichs Freunde im Berliner Centrum Judaicum seinen 90. Geburtstag.

Der Ort ist Symbol für die geistigen Ursprünge, von denen Ehrlich sprach. Als Student an der benachbarten Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums nahm er bis 1942 an den Gottesdiensten in der Neuen Synagoge teil. Im Juli 2007, gut drei Monate vor seinem Tod, wurde er im Centrum Judaicum für seine Verdienste um das liberale Judentum mit dem Israel-Jacobson-Preis ausgezeichnet.

Die prägende Persönlichkeit in Ehrlichs Leben war sein Lehrer Leo Baeck, über den er sagte: »1940, als neunzehnjähriger Student in Berlin, war Leo Baeck das große menschliche Erlebnis, damals, während des Krieges, zur Zeit der Judenverfolgung und des gelben Sterns. … Ein vitaler Siebzigjähriger, der angesichts des Untergangs der Juden in Deutschland von der Aufgabe des Tages sprach, von der Größe des Judentums und von seiner Hoffnung, trotz allem.«

dialog Dieses »trotz allem« bestimmte auch die Haltung Ehrlichs, der dank katholischer Helfer vor der Deportation bewahrt wurde und sich 1943 in die Schweiz retten konnte, im Gespräch mit den Kirchen. Es ist in großem Maße sein Verdienst, dass sich Christen und Juden nach der Schoa nähergekommen sind. So hatte Ehrlich großen Anteil an der Diskussion, die zur Erklärung »Nostra Aetate« des Zweiten Vatikanischen Konzils von 1965 führte, dem Durchbruch im Verhältnis von Juden und Katholiken.

Mit ersten Erfolgen gab er sich aber nie zufrieden. So resümierte er drei Jahre später: »Zahlreiche Fragen treten auf: Wer soll was unternehmen? Wozu können sogenannte ›Dialoge‹ führen? Wer kann Partner in den ›brüderlichen Gesprächen‹ sein? Müssen sich Priester nun auf die Jagd nach Rabbinern begeben (je orthodoxer, desto besser), um der Konzilsdeklaration in etwa Genüge zu tun?« Ehrlich wies auch darauf hin, dass man auf christlicher Seite oft über die Vielfalt der Möglichkeiten im Unklaren sei, Jude zu sein. »Zur Wirklichkeit des Judentums gehört sein Pluralismus.«

Ein besonderes Anliegen war Ehrlich die Erneuerung jüdischen Lebens in Osteuropa und die Rabbinerausbildung am Potsdamer Abraham-Geiger-Kolleg: »Nur so wird es gelingen, den Tausenden von Juden, die in den letzten Jahrzehnten nach Deutschland gekommen sind, eine geistige jüdische Identität zu vermitteln, die ihnen bisher verwehrt war«, erklärte er 2006.

Nach seinem Tod sind zwei Aufsatzsammlungen von ihm erschienen, Was uns trennt, ist die Geschichte und Von Hiob zu Horkheimer. Gesammelte Schriften zum Judentum und seiner Umwelt. Und sein Vermächtnis lebt fort: Heute sind es der Ernst-Ludwig-Ehrlich-Studiengang für Geschichte, Theorie und Praxis der Jüdisch-Christlichen Beziehungen an der Freien Universität Berlin sowie das jüdische Begabtenförderungswerk in Deutschland, das Ernst-Ludwig-Ehrlich-Studienwerk, die sein Lebenswerk fortführen.

Von Hartmut Bomhoff erschien soeben »Ernst Ludwig Ehrlich. Ein Leben für Dialog und Erneuerung« in der Reihe »Jüdische Miniaturen«. Hentrich & Hentrich, Berlin 2011, 80 S., 8,90 €

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