Maerzmusik

»Trommeln nach Noten«

Joey Baron und Robyn Schulkowsky Foto: Frank Dietsche

Herr Baron, was bringt zwei so unterschiedliche Perkussionisten wie Sie und Robyn Schulkowsky dazu, gemeinsam Musik nach Noten zu spielen?
Joey Baron: Das machen wir schon sehr lange. Ich habe Robyn vor zwölf Jahren bei einem Konzert in Potsdam kennengelernt. Für mich als Jazzschlagzeuger war das eine komplett neue Erfahrung. Ich war seinerzeit noch Teil von John Zorns Masada-Projekt und habe sogenannte Radical Jewish Culture gespielt. Als Jazzschlagzeuger in New York bist du es gewohnt, sehr intensiv für ein paar Stunden zu proben und anschließend wieder nach Hause zu gehen. Aber dort in Potsdam haben die Musiker ein paar Takte gespielt und haben dann erst einmal ein Kaffepäuschen gemacht. Das hat mich anfangs amüsiert. Dabei hatte ich überhaupt noch nicht kapiert, worum es bei dieser Art von Musik geht. Nach einer Weile lief es mir dann eiskalt über den Buckel. »Holy Shit«, dachte ich mir, es geht ja gar nicht um die Noten, sondern um das Gesamtbild. Es geht um das Zuhören.

Wie kam es zur gemeinsamen Uraufführung von Christian Wolffs Werk?
Robyn Schulkowsky: Ich spiele die Musik von Christian Wolff schon sehr lange. Er ist der letzte Lebende der sogenannten New York Four, jener revolutionären Gruppe um John Cage, Morton Feldman und David Tudor. Wir haben schon ein paar Platten zusammen gemacht. Die Zusammenarbeit enstand über John Cage, als ich 1990/1991 in der Neuen Pinakothek in München eine Konzertreihe und eine Ausstellung zu Cage gemacht habe. Dann bin ich nach Berlin gezogen, und Wolff hat glücklicherweise damit angefangen, viel für Schlagzeug zu komponieren. Später hat er auch speziell für mich Stücke geschrieben. Und natürlich bietet es sich dann an, dass ich mit Joey Baron, der auch im richtigen Leben mein Partner ist, Wolffs Stücke spiele. Gerade eben ist bei New World Records eine CD erschienen, auf der – neben uns beiden – die Grammy-Preisträgerin Kim Kashkashian Duos von Christian Wolff spielt.

Welchen gemeinsamen Nenner haben ein Jazz-Schlagzeuger und eine klassisch ausgebildete Perkussionistin?
Joey Baron: Ich habe Christian Wolff vor ein paar Jahren durch Robyn kennengelernt und dann ein paar Projekte gemacht. Seine Musik zu spielen, ist sehr schwer für mich als Jazzer, weil ich diese Art von Disziplin nicht gewöhnt bin. Aber jedes Mal, wenn ich seine Sachen spiele, dann habe ich den Eindruck, etwas unglaublich Wertvolles getan zu haben. Das hat großen Einfluss auf alles, was ich musikalisch sonst so mache. Wolff ist ein wunderbarer Komponist. Und seine Musik ist eine große Herausforderung. Wenn ich diese bestehe, dann ist es für mich eine herrliche Erfahrung. Und es ist ebenfalls eine wunderbare Erfahrung, mit einer so routinierten Musikerin wie Robyn aufzutreten. Ein bisschen wie im Falle meiner Kollaboration mit der Jazzikone Ron Carter – als spiele man mit einem Giganten. Im Falle von Christian Wolffs Musik ist Robyn dieser Gigant!

Was schätzen Sie an Christian Wolff?
Robyn Schulkowsky: Seine Stücke sind nicht im klassischen Sinne tonal geschrieben. Die völlig altmodische Idee von Harmonik, die sprengen wir sowieso jedes Mal. Sprengen – das ist sozusagen unserer Spezialgebiet. Wir lassen uns auch nicht in ein künstlich erzwungenes Zwölftonsystem zwängen. Unserer Klänge können alles, auch was zwischen den Tönen, darunter und darüber, liegt. Das alles kann Perkussion im Gegensatz etwa zum Klavier! Es kommt mir total befremdlich vor, wenn die Leute heutzutage mit mir über Harmonik in der Neuen Musik sprechen möchten.

Was gefällt Ihnen an seiner Musik?
Joey Baron: Wenn du willst, dass Wolffs Musik gut klingt, dann musst du darauf achtgeben, was just in diesem Moment mit den Musikern passiert, mit denen du spielst. Das sollte man ohnehin tun, auch im Jazz. Doch speziell in Wolffs Musik musst du auf den Klang achten, auf die Klangqualität. Und beim Jazz haben die meisten Musiker eine Art Klang-Diarrhö: Sie hören niemals auf zu spielen oder nehmen ihr Saxofon nicht eine einzige Sekunde aus dem Mund. Sie lassen einfach keine Stille zu. Und das ist es, was ich von Robyn und Christian gelernt habe – wie wichtig Stille in der Musik ist.

Welche Rolle spielt die Jüdischkeit in der Musik von Christian Wolff, Robyn Schulkowsky und Joey Baron?
Joey Baron: Jüdisch ist, wie ich geboren wurde. Es ist eine Kultur und eine Religion. Es gibt so viele schöne Dinge an dieser Kultur, die Art und Weise, das Leben zu betrachten. Doch die religiösen Aspekte habe ich abgelegt. Ich bin nicht sehr religiös. Es ist doch geradezu klassisch in jeder Religion: Die Leute gehen einmal im Jahr zur Kirche oder in die Synagoge. Aber sobald der Feiertag zu Ende ist, laufen sie wieder als Arschloch herum.

Robyn Schulkowsky: Meine Familie stammt aus Ost-Polen, Richtung Litauen. Mein Großvater kam als 16-Jähriger am Ende des 19. Jahrhunderts in die USA. Doch seine Jüdischkeit hat er genauso abgelegt wie seinen Pass, weshalb wir seinerzeit Probleme mit seiner Beerdigung hatten. Meine Mutter ist protestantisch, hat also mit Judentum nichts am Hut. Genauso wenig wie mit meiner Musik, die ihr völlig fremd ist.

Was ist für Sie jüdische Musik?
Joey Baron: John Zorns Masada und die sogenannte Radical Jewish Culture gibt es noch, aber die Auftritte sind selten geworden. Ich arbeite immer wieder mit Zorn. Es ist eine Verbindung, die über Jahre anhält, aber ich habe eine Menge anderer Dinge zu tun. Dabei weiß ich nicht einmal, was Jüdische Musik ist. Es ist eine Frage wie: Was ist Schwarze Musik? Ich glaube viel mehr an Menschen, nicht an Religion. Ich glaube nicht an einen Gott. Göttlichkeit steckt viel eher in jedem Wesen. Ein Ettikett zu verwenden wie Jüdische Musik oder Schwarze Musik ist doch nicht entscheidend – ich meine, wenn du Musiker bist, dann ist es deine wichtigste Aufgabe, gute Musik zu machen und nicht so sehr auf die Ettiketten zu achten.

Robyn Schulkowsky: Komische Frage, »Was ist jüdische Musik?«, ähnlich wie: »Was ist weibliche Musik?«. Warum sollten Frauen nicht Musik machen und warum nicht Schlagzeug spielen? Zugegeben, es gibt wenige Frauen mit diesem Instrument, weshalb ich keine weiblichen Vorbilder habe. Doch ich habe einfach immer schon Schlagzeug gespielt, auch am Konservatorium, wo ich außerdem Oboe und Klavier gespielt habe. Das »musste« ich spielen, aber Schlagzeug »wollte« ich immer spielen. Es gab immer nur dieses eine Instrument und die Klänge, die man aus diesen Instrumenten herausholt. Mehr kann ich eigentlich gar nicht sagen. Hat mich einfach immer fasziniert!

Mit Robyn Schulkowsky und Joey Baron sprach Jonathan Scheiner.

Das Stück wird bei der MaerzMusik im Haus der Berliner Festspiele am 15. März uraufgeführt.

www.maerzmusik.de

Robyn Schulkowsky wurde 1953 in Eureka/South Dakota geboren. Sie kam in den 80er-Jahren nach Köln, das damals wegen Komponisten wie Karlheinz Stockhausen oder Mauricio Kagel einen vergleichbar hohen Rang in der Musikwelt inne hatte wie Berlin heute. Schulkowsky ging jedoch schon Anfang der 90er-Jahre vor dem großen Hype an die Spree. Sie gilt als wichtigste Perkussionistin der Neuen Musik.

Joey Baron wurde 1955 in Richmond/Virginia geboren. Er ist wesentlicher Bestandteil der sogenannten Radical Jewish Culture, die Teil der New Yorker Downtown Avantgarde ist. Der Mann mit dem herzhaften Lachen beim Spielen taucht als Sideman auf mehr als 100 Alben auf. Er ist einer der wichtigsten Jazzschlagzeuger unserer Zeit.

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