Nachruf

Trinker aus Angst

Olivier Ameisen (1953–2013) Foto: Frank Ferville

Nachruf

Trinker aus Angst

Zum Tod des Mediziners und Suchtexperten Olivier Ameisen

von Sophie Neuberg  22.07.2013 18:06 Uhr

Olivier Ameisen war Alkoholiker – und wurde deshalb zum Suchtexperten. 1953 in Paris geboren, war er musikalisch hochtalentiert und wollte zunächst als Pianist Karriere machen. Doch seine Eltern bestanden auf einer schulischen Ausbildung. Olivier machte sein Abitur bereits mit knapp 16 Jahren. Trotzdem war es schon zu spät für eine Orchesterkarriere. Ameisen studierte stattdessen Medizin. Auch auf diesem Gebiet war er sehr begabt, und seiner Laufbahn schien nichts im Wege zu stehen.

Ameisen ging in die USA und arbeitete in New York zunächst als Forschungsassistent, später als Dozent an der Cornell University. Zudem eröffnete er eine eigene Praxis in Manhattan. Doch immer wurde er von Ängsten geplagt, die er mit Alkohol zu bekämpfen versuchte – mit fatalen beruflichen und gesundheitlichen Folgen.

Holocaust Wegen seiner Alkoholabhängigkeit gab Ameisen 1997 seine medizinische Tätigkeit auf und widmete sich seiner eigenen Behandlung. Trotz mehrerer Entziehungskuren kam er jahrelang nicht von seiner Sucht los. Die existenzielle Angst, die ihn in die Alkoholabhängigkeit geführt hatte, erklärte sich Ameisen mit seiner Familiengeschichte. »Meine Eltern waren Auschwitz-Überlebende, und ich lebte in ständiger Furcht vor einem neuen Holocaust. Aus Angst vor Antisemitismus bin ich überhaupt nach Amerika gekommen«, erzählte er einmal.

Doch im Jahr 2001 las er einen Artikel über den Einsatz von Baclofen, einem Mittel zur Muskelentspannung, bei der Behandlung eines Kokainabhängigen. In Eigenregie machte er einen Versuch der Selbstbehandlung mit diesem Mittel – und hatte Erfolg. Von da an setzte Ameisen sich mit aller Kraft für den Einsatz von Baclofen in der Behandlung von Alkoholismus ein. Ende 2004 veröffentlichte er seine Ergebnisse in der Fachzeitschrift »Alcohol and Alcoholism«. Doch bekannt wurde seine Entdeckung durch sein populärwissenschaftliches Buch Le Dernier Verre (»Das letzte Glas«) von 2008.

Alkohol Olivier Ameisen fand sowohl Unterstützer als auch Kritiker: Während einige Wissenschaftler in seiner Entdeckung einen Durchbruch und eine wichtige Hilfsmöglichkeit für Alkoholiker sahen und immer noch sehen, waren andere skeptisch. Olivier Ameisen kritisierte sie als dogmatisch. Für ihn war Alkoholismus eine körperliche Erkrankung, und Baclofen ermögliche es den Patienten, dem Alkohol gegenüber »gleichgültig« zu werden. Das Mittel eröffne ihm zufolge gar die Perspektive, ohne 100-prozentige Abstinenz zu leben – das Gegenteil der Lehrmeinung zur Behandlung von Alkoholikern.

Ameisens jahrelanger Kampf für den Einsatz von Baclofen in der Suchttherapie führte dazu, dass die französische Arzneimittelbehörde inzwischen den Einsatz des Mittels in Einzelfällen empfiehlt und im vergangenen Jahr wissenschaftliche Studien dazu erlaubt hat. Eine mögliche Zulassung für die Behandlung von Sucht wird Olivier Ameisen nicht mehr erleben können. Er verstarb am 18. Juli, drei Wochen nach seinem 60. Geburtstag, in Paris.

Berlin

Ruin und Rausch - Schau zeigt Berlin-Leben der 1910er und 20er Jahre

Glamour, Armut, Aufbruch: Die Neue Nationalgalerie Berlin zeigt mit »Ruin und Rausch«, wie Berlin in den 1910er und 20ern zwischen Glanz und Absturz, Chaos und Ekstase lebte. Was das »Babylon Berlin«-Lebensgefühl prägte

von Karin Wollschläger  24.04.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der Jüdischen Welt

von Katrin Richter, Sabine Brandes, Imanuel Marcus  24.04.2026

Gesundheit

Brauchen Babys Fleisch?

Forscher der Ben-Gurion-Universität werfen ein neues Licht auf weit verbreitete Vorstellungen

von Sabine Brandes  24.04.2026

Kunst

Der Augenmensch

In Frankfurt zeigt das Jüdische Museum in einer Kabinettausstellung mehr als 200 Werke des Malers und Zionisten Armin Stern

von Eugen El  24.04.2026

Aufgegabelt

Schnelle Atayef

Rezept der Woche

von Katrin Richter  24.04.2026

Film

Maggie Gyllenhaal wird Jury-Chefin der Filmfestspiele von Venedig

In dieser Rolle darf die Regisseurin und Darstellerin sie über den Goldenen Löwen entscheiden

 24.04.2026

Venedig

Jury der Biennale schließt Israel und Russland von Preisvergabe aus

Solange Farkas und die anderen vier Jurorinnen erklären, sie wollten Staaten nicht in die Preisentscheidung einbeziehen, deren Regierungschefs vom Internationalen Strafgerichtshof angeklagt seien

 24.04.2026

Augsburg

Neue »Initiative Antisemitismuskritik & Theater« geplant

Theaterleute wollen sich gemeinsam gegen Judenhass im Kontext Bühne stellen. Dazu planen sie die Gründung einer neuen Initiative in Augsburg. Beteiligt sind auch Akteure aus anderen Teilen Deutschlands

von Christopher Beschnitt  23.04.2026

In eigener Sache

»Jüdische Allgemeine« kooperiert mit katholischer »Tagespost«

Ein Zeichen gegen Antisemitismus: »Die Tagespost« legt ihren Abonnenten die »Jüdische Allgemeine« kostenlos bei. Hinter der Aktion steckt unter anderem ein rundes Jubiläum

von Hannah Krewer  23.04.2026