»Evolution«

Traumatisches Erbe

Dritte Generation: Goya Rego (r.) als Jónás Foto: © 2021 – Match Factory Productions/Proton Cinema

Wie besessen schrubben die drei Männer Boden und Wände der Betonkammer. Die Furcht in ihren Augen wird untermalt von erratischen Streichinstrumenten. Die Kamera folgt hastig ihrer unheimlichen Choreografie durch den düsteren Raum – eine Inszenierung, wie man sie von Horrorfilmen kennt. Was ist hier geschehen?

HORROR Aus einem Duschkopf an der Decke zieht einer der Männer eine Haarsträhne hervor. In Wandspalten, Löchern und hinter Lüftungsgittern noch mehr Haare. Bergeweise Haare. Plötzlich schreit ein kleines Kind. In einer Einsenkung im Boden liegt es versteckt. Die Männer, fassungslos, tragen es heraus, drücken es einem Rotarmisten in die Arme, der es mit einem Motorrad wegbringt. Vorbei an schier unendlichen Reihen hölzerner Baracken.

»Eva« heißt das erste der drei Kapitel von Kornél Mundruczós neuen Film Evolution. So wie das nicht einmal zweijährige Mädchen, das gegen jede Wahrscheinlichkeit die Grauen von Auschwitz überlebte.

Im zweiten Kapitel des Films ist Eva bereits eine alte Frau und hat ein Leben geführt, das von ihrem frühkindlichen Trauma bestimmt war. Auch ihre (für diesen Filmabschnitt titelgebende) Tochter Lena litt noch unter der Paranoia, der Obsession und den Zwängen ihrer Mutter. »Der Holocaust hat mein Leben geprägt«, wirft sie Eva an den Kopf, als sie sie in ihrer Budapester Wohnung besuchen kommt.

KAMMERSPIEL Lena lebt seit Kurzem in Berlin, wo sie sich mit ihrem Sohn Jónás ein neues Leben aufbauen will. Sie ist zurück nach Budapest gekommen, um Dokumente zu sammeln, die beweisen, dass ihre Vorfahren jüdisch sind. Die Entschädigungszahlungen könnte die alleinerziehende Mutter gut gebrauchen. »Wir nehmen kein Geld für die Toten an«, verweigert sich Eva dem Wunsch ihrer Tochter. Es entspinnt sich ein Kammerspiel zwischen den beiden Protagonistinnen, in dessen Verlauf die verschiedenen Perspektiven von Mutter und Tochter aufeinanderprallen.

»Ich will keine Überlebende sein, ich will leben«, fasst Lena ihre Frustration über das traumatische familiäre Erbe zusammen, das für sie vor allem bedeutete, eine kaltherzige Mutter zu haben und von den Nachbarn als »dreckige Jüdin« beschimpft zu werden. Nur einmal möchte sie auch etwas davon haben, all das durchgemacht zu haben. Das Problem: Es ist schwierig, ihre jüdische Herkunft zu beweisen. »Wir waren jüdisch, als wir es nicht sein durften. Jetzt, wo wir es dürfen, sind wir es nicht.«

Evolution ist ein Film über drei Generationen – Eva, Lena, Jónás –, die sich auf ihre ganz eigene Art von der jeweils vorherigen absetzen müssen, um einen individuellen Umgang mit ihrer verschütteten jüdischen Tradition und der Schoa zu finden, die auch 80 Jahre danach noch fortwirkt. Es ist ein Film über Antisemitismus, der an den drei Orten des Geschehens – Auschwitz, Budapest, Berlin – seine Kontinuität genauso wie seine Wandlungsfähigkeit offenbart.

COMING-OF-AGE-FILM Gestalterisch finden die drei Episoden des Films einen jeweils ganz eigenen Stil – von Horrorszene über Kammerspiel bis zum Coming-of-Age-Film im letzten Kapitel, das dem jugendlichen Jonas gewidmet ist. Was die drei Teile des Films zusammenhält, ist die fulminante Arbeit von Kameramann Yorick Le Saux, der (fast) ohne Schnitt auskommt, sowie das zur entfesselten Kamera im Kontrast stehende einengende 4:3-Bildformat.

Es ist dieser Widerspruch zwischen einer großen Dynamik einerseits und einem Rahmen andererseits, der sich scheinbar nicht sprengen lässt und den ganzen Film prägt – auch sein letztes Kapitel »Jónás«. In diesem versucht Evas Enkel ein Leben als ganz normaler Teenager zu führen. Gleichzeitig lässt ihn das Trauma seiner Familie nicht los. Wird es Jónás gelingen, beides miteinander zu versöhnen?

Der Spielfilm läuft ab dem 25. August in den Kinos.

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