»Serge«

Tragik und Komik

Die Schriftstellerin Yasmina Reza lebt in Paris. Foto: imago/ZUMA Press

»Serge«

Tragik und Komik

Yasmina Reza schildert die Reise einer jüdischen Familie aus Frankreich in die Vergangenheit

von Eva Lezzi  29.01.2022 18:57 Uhr

Gleich auf der ersten Seite von Yasmina Rezas druckfrisch auf Deutsch erschienenem Roman Serge kommen Fans von ihren Theaterstücken und Romanen auf ihre Kosten: Witzig, beobachtungsgenau bis in die kleinsten Details und mit perfekt sitzenden, knappen Dialogen evoziert die Autorin Situationen und Menschen anschaulich und eindringlich. Es geht hier um einen Monsieur, der schon lange nicht mehr im Schwimmbad war. Die Moderne hat ihn, den Ich-Erzähler des Romans, überholt.

»Ihre Badehose ist aus Stoff.«
»Ja, klar.«
»Die muss aus Lycra sein.«
Schließlich leiht sich dieses Ich für zwei Euro eine grüne Badehose und registriert ebenso ernüchtert wie voller Diätvorsätze den blassen, weichen Bauchring, der über die Hose quillt.

BESCHNEIDUNG Der Mann hat Angst vor Keimen und um seinen Penis, der in dieser Badehose zu verschwinden hat. Er ist vermutlich beschnitten, auch wenn dies nicht ausdrücklich gesagt, sondern nur indirekt angedeutet wird.

Vieles in dem Roman wird nicht ausdrücklich gesagt. Der Text bleibt auf der Oberfläche, doch wird diese aus der Tiefe des Erzählraums heraus beleuchtet, wirft Schatten, irrlichtert, fasziniert. Bisweilen aber geht die Leserin auch verloren zwischen den vielen zufälligen Gesprächen, den zahlreichen Figuren und Begebenheiten, den Alltagsfloskeln, den eingefahrenen Verhaltensmustern und eingefrorenen Gefühlen.

Die Autorin entwirft eine in Paris lebende assimilierte jüdische Familie. Im Zentrum stehen die drei mittlerweile gut 60-jährigen Geschwister Popper sowie deren Partnerinnen und Partner (aktuelle und verflossene) und Kinder (leibliche und aus Patchwork-Konstellationen).

perspektive Erzählt wird aus der Perspektive des mittleren Jean, der seinen älteren Bruder Serge zur zentralen, Titel gebenden Figur stilisiert. Serge ist beziehungsweise war der Lebemann und Frauenheld; er hat als Jugendlicher die großen Konflikte mit dem cholerischen, bisweilen gewalttätigen Vater geführt. Sich selbst beschreibt Jean eher als unauffällig und wenig risikobereit.

Er ist der Vermittler, der gerne Harmonie stiften möchte – bei dieser, wie wohl den meisten Geschwisterkonstellationen, ein Ding der Unmöglichkeit. Nicht zufällig fühlt sich Jean dem autistisch und hilflos wirkenden Kind seiner Ex (und Gelegenheitsgeliebten) besonders nahe.

Das dritte der Popper-Geschwister ist Nana, eine einst verwöhnte und hübsche Nachzüglerin, die einen sozial unpassenden katholischen und spanischen Mann geheiratet hat, mit dem sie immerhin als Einzige ein beständiges Familienleben führt. Aber auch sie ist alt geworden, wie der Ich-Erzähler beim gemeinsamen Besuch der Gedenkstätte Auschwitz melancholisch feststellt und später erinnern wird.

SIEFELETTEN Das Bild der Schwester mit der roten, schräg umgehängten Handtasche, den zu engen Stiefeletten, dem bereits etwas gerundeten Nacken und den hoch gezogenen Schultern wird sich für ihn unauslöschlich mit der Erinnerung an die »Judenrampe«, mit dem Wort »Judenrampe« selbst verbinden.

Die gemeinsame Fahrt nach Auschwitz erfolgt nach dem Tod der Mutter, die nie über die Schoa und die ermordeten ungarischen Verwandten gesprochen hat und von ihren Kindern auch nie befragt wurde.

Angeregt, begleitet und geleitet wird die Fahrt von Serges Tochter Joséphine, die ihren widerwilligen Vater von einem der »unfassbaren« Tat- und Gedenkorte zum nächsten schleifen möchte und nicht akzeptieren kann, dass sich dieser lieber hinter der Windschutzscheibe des Autos verbarrikadiert. Nicht zuletzt im ausführlich geschilderten Besuch von Auschwitz erfolgt das für den Schreibstil der Autorin so typische Zusammenspiel von Tragik und Komik.

Das Buch ist auch ein Abschied von einer Generation, ja, einer ganzen Epoche.

Nun ist Yasmina Reza nicht die erste Autorin, die den Touristenrummel in Auschwitz mit bissigem Humor dekons­truiert. Zu erinnern ist etwa an Ruth Klügers Autobiografie weiter leben. Eine Jugend, die 1992 erschienen ist und in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde. Bereits Klüger – und nicht nur sie – stand vor der Herausforderung, dass selbst für eine Überlebende Auschwitz kaum noch ein authentischer Ort sein kann, sondern als Chiffre für den Holocaust x-fach durch kulturelle Erinnerungs- und materielle Restaurationsschleifen gedreht wurde.

ABRAHAM BOMBA Wenn Yasmina Reza nun mit der Stimme ihres Protagonisten Jean an Claude Lanzmanns Film Schoa erinnert und hierfür eine der berühmtesten Szenen, nämlich die mit dem Friseur Abraham Bomba, nacherzählt, so wird diese Beschreibung erst dann von Neuem packend, wenn Jean sie auf eine ganz eigentümliche Weise mit der Erinnerung an den eigenen Vater verknüpft.

Bomba, einer der wenigen Überlebenden von Treblinka, und der Vater der Geschwister Popper hatten eine ähnliche Weise, laut und überbetont in Mikros und Kameras zu sprechen, weil sie der Technik ansonsten misstrauten. Hier ist sie wieder, die feine Beobachtungsgabe von Yasmina Reza, die ihre Sätze zu einem Erlebnis und einem Tor zu neuen Sichtweisen machen.

Das Buch ist auch ein Abschied von einer Generation, ja, einer ganzen Epoche, in der Überlebende noch erzählen konnten – aber vielleicht nicht erzählt haben. Dieser Abschied, diese Würdigung ist Reza in allen Ambivalenzen, in der Überlagerung von verschiedenen Stimmungen und Tonlagen beeindruckend und zeitgemäß gelungen.

Und die Geschwister Popper? Sie kehren aus Auschwitz ratloser, stummer und einander entfremdeter zurück, als sie es ohnehin schon waren. Erst der bei Serge diagnostizierte Lungenkrebs (auch dieses Wort wird nicht wirklich ausgesprochen) führt die Geschwister wieder zusammen – so nahe jedenfalls, wie es für sie nur möglich ist.

Yasmina Reza: »Serge«. Aus dem Französischen von Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel. Hanser, München 2022, 208 S., 22 €

London

Boy George unterstützt Israel online und erntet dafür Hass-Kommentare

»Es ist gerade sehr trendy, Israel zu hassen. Aber ich habe immer gesagt: ›Mode ist für die Zerbrechlichen, Stil für die Mutigen‹«, schreibt das Multitalent. Die Antworten lassen nicht lange auf sich warten

 14.04.2026

Essay

Schoa-Erinnerung ohne Juden

Gunda Trepp über ihren verstorbenen Ehemann Leo Trepp, die Vereinnahmung der Schoa und Wege jüdischen Erinnerns

von Gunda Trepp  14.04.2026

Hollywood

Scarlett Johansson: Rollen für Frauen heute besser

Wenn sie auf ihre Zwanziger zurückblickt, spricht die jüdische Schauspielerin von einer harten Zeit. Frauen hätten viel weniger interessante Rollenangebote bekommen als heute. Was ihr Ausweg war

 14.04.2026

Israel

Zeit, Zionist zu sein!

Fünf Gründe, den jüdischen Staat zu lieben – mit all seinen Stärken und Schwächen

von Daniel Neumann  13.04.2026

Berlin

Auschwitz-Überlebende fordern Konzertverbote für Kanye West

Kanye Wests geplante Shows in Polen und Italien sorgen für Empörung. Holocaust-Überlebende fordern von Regierungen und Veranstaltern ein klares Signal - wie zuletzt aus Großbritannien

 11.04.2026

Essay

Zwischen Räumen

Wenn der Maler Navot Miller im Flugzeug sitzt, ist er in einer Welt, die ihn für eine kurze Zeit vor der Schwere der Realität schützt. Gedanken von unterwegs

von Navot Miller  10.04.2026

Iran-Krieg

Europa darf Israel nicht im Stich lassen

Während die USA und Israel der Bedrohung durch das Mullah-Regime militärisch begegneten, standen die Europäer an der Seitenlinie und übten Kritik. Die nun herrschende Feuerpause gibt ihnen Gelegenheit, ihre Haltung zu überdenken

von Rafael Seligmann  10.04.2026

Netflix-Dokumentation

Der Mann, der die Chili Peppers Red Hot machte

Man kann ohne weiteres behaupten, dass die Rockwelt ohne Hillel Slovak weniger bunt wäre. Eine Streaming-Doku hat dem in Israel geborenen ersten Gitarristen der Chili Peppers ein Denkmal gesetzt

von Richard Blättel  07.04.2026

Antisemitismus

London verweigert US-Skandalrapper Kanye West die Einreise

US-Skandalrapper Kanye West darf nach seinen antisemitischen und rassistischen Aussagen nicht nach Großbritannien reisen. Das hat auch gravierende Auswirkungen auf das mit ihm geplante Festival

 07.04.2026