Krimi

Tatort Fasanenstraße

Das Jüdische Gemeindehaus in der Berliner Fasanenstraße Foto: picture alliance / Bildagentur-online/Schoening

Ende Juni 1946, rund 20 Jahre bevor der Anarcho-Syndikalist Daniel Cohn-Bendit in Paris auf die Barrikaden steigen sollte, traf sich der vietnamesische Premierminister Ho Chi Minh im Pariser Hotel Royal Monceau zu vertraulichen Gesprächen mit dem zionistischen Revolutionär David Ben-Gurion. Die Briten hatten gerade begonnen, fast die gesamte zionistische Führung in Palästina zu verhaften. Die Gründung eines jüdischen Staats in der historischen Heimat, so schien es, war nun ferner denn je.

Ho Chi Minh schlug Ben-Gurion vor, in Vietnam eine zionistische Exil-Regierung einzurichten. Ben-Gurion lehnte den Vorschlag des vietnamesischen Premiers zwar ab, war aber gerührt von diesem Zeichen praktischer internationaler Solidarität.

68er Hätten die deutschen 68er ihr Idol Ho Chi Minh, dessen Konterfei sie lauthals und ständig durch die Straßen der Republik trugen, doch einmal gefragt, wie dieser zum Zionismus steht – seine Antwort hätte sie überrascht. Und sicherlich hätte sie ihnen nicht gefallen: Denn seit dem Sechstagekrieg stand für die Mehrheit der SDSler fest, dass Israel ein Teil des »US-Imperialismus« und das »zionistische Gebilde« damit ein politischer Feind ist.

Der damals bereits hinlänglich berühmt-berüchtigte Kommunarde Dieter Kunzelmann trieb die politische »Analyse« noch weiter ins Absurde und forderte »eindeutige Solidarität mit AL FATAH, die im Nahen Osten den Kampf gegen das Dritte Reich von Gestern und Heute und seine Folgen aufgenommen hat. Wir müssen den Judenknax überwinden!«
Es war nur eine Frage der Zeit, wann den Worten Taten folgen würden.

Kunzelmann und einige seiner Genossen waren jedenfalls dazu entschlossen, Stadtguerilla zu spielen, gründeten die Gruppe »Tupamaros West-Berlin« und ließen sich in einem paramilitärischen Camp in Jordanien von Palästinensern das Bauen von Bomben beibringen. Am 9. November 1969 sollte dann während der Gedenkveranstaltung im Jüdischen Gemeindehaus eine Bombe explodieren. Dass der Sprengsatz doch nicht hochging und Dutzende Opfer forderte, war bloßer Zufall.

recherche Der Anschlag vom 9. November 1969 steht im Zentrum des Kriminalromans Teufelsberg, der Anfang der Woche bei Ullstein erschienen ist. Geschrieben wurde das fast 350 Seiten umfassende Buch laut Cover von Lutz Wilhelm Kellerhoff. Diesen Autoren gibt es allerdings nicht. Wen es allerdings gibt, sind die Autoren, die sich hinter diesem Pseudonym verbergen: der Investigativjournalist Martin Lutz, der Drehbuchautor Uwe Wilhelm und der Historiker Sven Felix Kellerhoff.

Da viele Köche bekanntlich den Brei verderben, hat sich das Trio auch bei seinem zweiten Roman auf die im Kibbuz bewährte Methode der differenzierten Kollektivarbeit verlassen: Kellerhoff richtet die Küche ein und fabriziert das Rezept, Lutz geht einkaufen, und Wilhelm kocht. Dass dem Schreibprozess sehr viel Recherchearbeit vorangegangen ist, merkt der Leser zwar, es wird ihm aber nicht aufdringlich präsentiert.

Die sparsame Würze macht’s. Herausgekommen ist schließlich, was es in Deutschland viel zu selten gibt: ein spannender und intelligenter Unterhaltungsroman, der es streckenweise sogar mit seinen angelsächsischen Vorbildern aufnehmen kann.

Dass der Sprengsatz nicht hochging und Dutzende Opfer forderte, war bloßer Zufall.

Unter dem Pflaster liegt der Plot: Wolf Heller, Oberkommissar beim Kriminalreferat M in der Keithstraße, Abteilung M I, Mordinspektion, observiert die Wohnung von Joachim Hirsch, dem Präsidenten des Amtsgerichts Tiergarten, und dessen Ehefrau Rebecca. Hirsch, wie auch seine Ehefrau ein Überlebender der Schoa, wurde seitens Studenten ein Bombenattentat angekündigt.

Ins Fadenkreuz der Studenten hatte Hirsch die Verurteilung eines Studenten zu einer zehnmonatigen Haftstrafe gebracht. Jedenfalls: Der Oberkommissar vermasselt die Observierung, die Ehefrau Hirschs wird erdrosselt, und Heller geht auf die Jagd nach dem Mörder. Motiv und Täter liegen zwar zunächst im Dunkeln, doch dass es letztlich um einen Anschlag auf die Jüdische Gemeinde und um den mörderischen Antisemitismus von »links« geht, wird dem Leser bereits im Ankündigungstext des Verlags verraten. Nun ist nur noch die Frage, wie alles mit allem zusammenhängt, wie und ob Heller die Sache aufklärt.

»israelkritik« Zwar ist auch diesem Roman die Versicherung vorangestellt, die Figuren in diesem Roman seien frei erfunden und Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen seien rein zufällig, doch sollte sich der Leser davon nicht abschrecken lassen: Die von den Autoren erdachten Protagonisten agieren in einem Berlin, das mit der damaligen Hochburg der 68er eine Menge gemein hat.

Dass Teufelsberg ein historischer Roman ist, sollte uns nicht beruhigen und in falsche Sicherheit wiegen, denn dieser Krimi ist leider aktueller denn je. Antisemitische Ansichten – die heute unter dem Chiffre »israelkritisch« laufen – sind auch im Lager der Linken weiterhin verbreitet. Sogar Kunzelmanns Gleichsetzung von Israel mit Nazi-Deutschland ist inzwischen fast gesellschaftsfähig geworden.

Lutz Wilhelm Kellerhoff: »Teufelsberg«. Wallstein, Berlin 2021. 384 S., 14,99 €

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