Kunst

Strich für Strich

Mit ihrer farbenfrohen Strahlkraft versetzen sie die Besucher umgehend in ihren Bann: Mehr als drei Jahre lang hat die New Yorker Künstlerin Gail Rothschild an neun monumentalen Bildern gearbeitet, die nun in einer Ausstellung im Berliner Bode-Museum präsentiert werden. Think Big! heißt die Schau passenderweise, in der Rothschild spät-antike Textilfunde aus Ägypten »porträtiert«, wie sie sagt – und diese somit in zeitgenössische Kunst verwandelt.

Wer die Motive betrachtet, fühlt sich an historische Gobelins erinnert, an Textilien, wertvolle Teppiche oder Mosaike aus der Antike. All diese Assoziationen sind von der Künstlerin durchaus erwünscht. Rothschild spielt mit den Projektionen ihrer Betrachter.

INSPIRATION In den raumfüllenden Gemälden werden winzige Textilfragmente, Reste von gewebtem oder besticktem Geschmeide aus dem spätantiken Ägypten des 4. bis 9. Jahrhunderts auf der Leinwand bis zur Überkenntlichkeit dargestellt. Die Textilien aus der Sammlung des Museums für Byzantinische Kunst im Bode-Museum waren für Rothschild eine reiche Quelle der Inspiration.

»Think Big!« ist Gail Rothschilds erste Ausstellung in Europa.

In akribischer Kleinstarbeit wurden Details der Artefakte auf riesige Leinwände gepinselt. Dabei handelt es sich nicht um detailgetreue Abbildungen. Rothschild interpretiert vielmehr, womit sie sich so intensiv beschäftigt hat. Dabei stand sie im engen Austausch mit dem Museum. Die wertvollen Original-Exponate werden in der Ausstellung in kleinen Schaukästen vor den dazugehörigen Gemälden präsentiert.

COMICS Aus vielen kleinen Details wird ein übergeordnetes Ganzes. Wenn man die Konturen betrachtet, ganz gleich, ob es sich um Gesichtszüge, Blumen oder Früchte handelt, sind sie alle sehr schlicht, fast schon abstrakt. »Dadurch wirken manche beinahe wie Comics«, sagt die zierliche Künstlerin mit der extravaganten Brille.

Trotz eines tiefen Respekts vor den historischen Exponaten und ihrer Geschichte ist es Rothschild ein Anliegen, dass die Besucher ihre Werke mit Freude betrachten, durchaus auch mit Humor. Das spiegelt sich ebenfalls in den Titeln ihrer Werke wider. »Head and Shoulders«, so der augenzwinkernde Titel eines Gemäldes, welches einigen Betrachtern ein Lächeln entlockt – erinnert es doch an eine Shampoo-Reklame. »Bad Hair Day« heißt ein anders Werk.

Wie ist die Künstlerin auf ihr Sujet gekommen? »Nach vielen Jahrzehnten des Reisens kehrte ich Anfang/Mitte der 2000er-Jahre zu meiner großen Liebe zurück, zur Malerei!«, sagt Rothschild. Sie habe sich schon immer für Strukturen begeistert, doch irgendetwas fehlte.

INITIALZÜNDUNG »Bis ich eines Tages ein Schwarz-Weiß-Foto in einem Buch von Elizabeth Wayland über archäologische Textilien entdeckte.« Die Abbildung eines sich auflösenden Stück Stoffs aus Leinen aus einer der frühesten ägyptischen Zivilisationen sei eine Art »Initialzündung« gewesen. »Für mich sah es wie ein abstrakt-expressionistisches Gemälde aus.«

Rothschild, geboren in New York, aufgewachsen in Connecticut, stammt aus einer alten jüdischen Familie.

Sie begann, die sich kreuzenden Fäden zu zeichnen: Strich für Strich, bis sich daraus eine gewebeartige Struktur ergab. Einer Archäologin gleich sezierte sie die Struktur, bis schließlich etwas Neues und Eigenes daraus entstanden war. »Dies war mein erstes Porträt von einer antiken, historischen Leinenstruktur.« Aus den anfänglichen Grafitzeichnungen wurden schließlich immer dynamischere, größer werdende Acrylgemälde.

FAMILIE Gail Rothschild, geboren in New York, aufgewachsen in Connecticut, stammt aus einer alten jüdischen Familie. Auf ihren Nachnamen wird sie seit ihrer Ankunft in Deutschland oft angesprochen. Ihre Vorfahren waren bereits 1870 aus Deutschland ausgewandert. Während sie aufwuchs, spielten jüdische Traditionen oder die Religion indes kaum eine Rolle.

Was hingegen eine Rolle spielte, war die Kunst. Ihr Vater Richard Rothschild, ein Ingenieur und Bildhauer, fertigte abstrakte Tierfiguren aus recycelten Holzbalken. Als zweites von insgesamt fünf Kindern bekam sie Folgendes mit auf den Weg: »Mach, was auch immer du machen möchtest, um glücklich zu sein, aber mache es gut!« »Tatsächlich mache ich meine Kunst nicht nur aus purer Freude, ich lebe auch davon!«, sagt Rothschild.

Think Big! ist ihre erste Ausstellung in Europa. Und wie fühlt es sich an, als Jüdin mit deutschen Vorfahren in Deutschland zu sein? »Seltsam vertraut und schön«, antwortet Rothschild spontan. »Meine Großeltern wären vermutlich nicht einmal bereit gewesen, mit dem Flugzeug über Deutschland zu fliegen, und nun bin ich hier, fühle mich willkommen und wohl. Fast habe ich das Gefühl, nach Hause zu kommen, obwohl ich nie zuvor hier gewesen bin.« Es wird nicht ihr letzter Besuch in Deutschland sein.

Die Ausstellung ist bis 31. Oktober im Bode-Museum in Berlin zu sehen.

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