Cannes

Stars unter Palmen

Außer Konkurrenz: Alden Ehrenreich als Han Solo in »Solo: A Star Wars Story« Foto: Lucasfilm Ltd.

Zum 71. Mal werden am 8. Mai die Internationalen Filmfestspiele in Cannes eröffnet, und in diesem Jahr ist die Spannung im Vorfeld des wichtigsten Filmfestivals der Welt größer denn je. Werden sich die Stars auf dem roten Teppich wirklich an das erstmals verhängte Selfie-Verbot halten?

Wird der dänische Regisseur Lars von Trier für einen neuen Skandal sorgen, nachdem er vor sieben Jahren an gleicher Stelle nach geschmacklosen Scherzen über Hitler und israelfeindlichen Kommentaren in einer Pressekonferenz zur »persona non grata« erklärt wurde und nun mit seinem Film The House That Jack Built zurückkehrt?

All diese Fragen harren der Beantwortung. Nur eines steht bereits fest, bevor der jüdische französische Komiker und Schauspieler Édouard Baer am kommenden Dienstag auf der glamourösen Auftaktveranstaltung das Festival als maître de cérémonie eröffnet: Auch in diesem Jahr wird sich nichts daran ändern, dass noch nie ein israelischer Regisseur die Goldene Palme mit nach Hause nehmen durfte.

kammerspiel Unter den Hunderten Filmen, die bis zum 19. Mai an der Croisette zu sehen sein werden, sind israelische Produktionen in diesem Jahr anders als sonst nicht gerade üppig vertreten. Aber jene, die gezeigt werden, lohnen eine nähere Betrachtung. Fündig wird man in einer Programmreihe mit dem Namen Cinéfondation, die sich der nächsten Generation von Filmemachern widmet und eine Auswahl von Studentenfilmen aus aller Welt präsentiert.

Dort ist in diesem Jahr Ori Aharon von der Steve Tisch School of Film and Television der Tel Aviv University vertreten. In seinem 28-minütigen Film Dolfin Megumi erzählt der Regisseur, der auch Leiter des Internationalen Studenten-Filmfestivals in Tel Aviv ist, eine schwule Liebesgeschichte, die kammerspielartig ausschließlich in einer Einzimmerwohnung spielt.

Zu seinen Konkurrenten um die drei Kurzfilm-Preise in Cannes, über die eine aus Filmschaffenden wie Bertrand Bonello oder Valeska Grisebach bestehende Jury entscheidet, gehört auch Oren Gerner mit seinem französischsprachigen Kurzfilm Gabriel. Gerner, der in Israel schon diverse TV- und Web-Produktionen entwickelte und für seinen ersten Kurzfilm bereits beim Festival in San Sebastian ausgezeichnet wurde, ist Absolvent der Minshar School of Art in Tel Aviv.

Anwärter Wiederum in die Cinéfondation eingeladen ist außerdem die jüdische Amerikanerin Jamie Dack mit ihrem Film Palm Trees and Power Lines. Die Studentin der New Yorker Tisch School of the Arts schaffte es – so viel Zeit für Randnotizen muss sein – schon als 13-Jährige in die »Washington Post«: Damals spendete sie die 2000 Dollar, die sie zu ihrer Batmizwa geschenkt bekam, der Israel Emergency Campaign der Jewish Federation, nachdem ein Freund ihrer Mutter im Nahostkonflikt schwer verletzt wurde.

Ganz ohne jüdische Beteiligung kommt aber natürlich auch der Wettbewerb nicht aus, dem mit seinen Galapremieren beim Festival traditionell die größte Aufmerksamkeit entgegengebracht wird.

Um die Goldene Palme konkurrieren nicht nur Kino-Legende Jean-Luc Godard, Oscar-Gewinner Asghar Farhadi (der mit seinem spanischsprachigen Thriller Todos lo saben mit Penélope Cruz und Javier Bardem das Festival eröffnet) oder der Türke Nuri Bilge Ceylan, sondern auch der in London lebende jüdische Pole Pawel Pawlikowski.

Sein neuer Film Zimna Wojna erzählt eine Liebesgeschichte vor der Kulisse des Kalten Krieges, zwischen Polen, Berlin, Jugoslawien und Paris. Der Regisseur wurde 2016 für seinen Film Ida über eine jüdische Nonne während der NS-Zeit mit dem Oscar geehrt. In Cannes gilt Pawlikowski diesmal als vielversprechendster Anwärter auf die Goldene Palme.

hollywood US-Filmemacher sind in diesem Jahr lediglich zwei im Wettbewerb vertreten, und in beiden Fällen bringen sie die erste Riege der Hollywood-Stars mit ans Mittelmeer. Die Hauptrolle in Under the Silver Lake, einem psychedelischen Noir-Thriller von David Robert Mitchell, spielt Andrew Garfield, dessen Großeltern väterlicherseits Garfinkel mit Nachnamen hießen und aus Osteuropa nach Großbritannien einwanderten.

An seiner Seite wird Zosia Mamet zu sehen sein, die mit der Serie Girls bekannt wurde und Tochter des Pulitzer-Preisträgers und Drehbuchautors David Mamet (Wag The Dog, Meyer Lansky) ist.

Eine Nebenrolle spielt außerdem Topher Grace, der mit der Sitcom Die wilden Siebziger berühmt wurde. In Cannes schiebt er gleich eine Doppelschicht, denn auch in Spike Lees Wettbewerbsbeitrag BlacKkKlansman ist er mit von der Partie.
Auch in den Nebenreihen wird es jüdische Prominenz aus den USA zu sehen geben, etwa den ebenso genialen wie verrückten und wandelbaren Jake Gyllenhaal als Hauptdarsteller im Ehedrama Wildlife, dem Regiedebüt seines guten Freundes und Kollegen Paul Dano (12 Years a Slave, Ewige Jugend).

In der Reihe »Quinzaine des Réalisateurs« dürfte Debra Granik schon allein deswegen viel Aufmerksamkeit entgegengebracht werden, weil Filmemacherinnen auch in diesem Jahr im Cannes-Programm wieder deutlich unterrepräsentiert sind. Abgesehen davon wurde Leave No Trace, der neue Film von Granik, bereits bei seiner Weltpremiere in Sundance gefeiert. Nach Winter’s Bone (2010) mit Jennifer Lawrence in der Hauptrolle als Einsiedlerin erzählt die Regisseurin nun die Geschichte von einem Vater und seiner Tochter, die zurückgezogen und unentdeckt in den Weiten von Portland, Oregon, leben.

star wars Nicht unerwähnt bleiben darf aber natürlich auch Alden Ehrenreich: Der 28-jährige Schauspieler, der einst von Steven Spielberg bei der Batmizwa einer Freundin entdeckt wurde, dürfte in Cannes endgültig zum Star werden. Schließlich spielt er als Nachfolger (beziehungsweise Vorgänger) von Harrison Ford die Rolle des Han Solo in Solo: A Star Wars Story, der außer Konkurrenz zu sehen sein wird.

Apropos Science-Fiction: Legendäres von jüdischen Filmemachern gibt es in diesem Jahr in der Sektion »Cannes Classics« zu sehen, wo gemeinhin nicht nur die Geschichte des Festivals, sondern auch des Kinos allgemein gefeiert wird. Dort wird, passend zum 50. Jubiläum des Films, Stanley Kubricks Meisterwerk 2001: Odyssee im Weltraum in einer frisch aufbereiteten 70mm-Kopie präsentiert.

Zum Screening am 12. Mai wird Kubrick-Fan Christopher Nolan (Inception) nicht nur eine Masterclass geben, sondern auch Kubricks Tochter Katharina sowie seinen Schwager und Produzenten Jan Harlan mit nach Cannes bringen.

Ein weiterer Höhepunkt der Cannes Classics: die restaurierte Fassung von Billy Wilders Oscar-prämierter Komödie Das Appartement mit Jack Lemmon und Shirley MacLaine.

Die Internationalen Filmfestspiele von Cannes dauern vom 8. bis zum 19. Mai.

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