Berlin

»Sorgfalt ist oberstes Gebot«

Auf dem Podium: Peter Raue, Hermann Parzinger, Ingeborg Berggreen-Merkel, Hermann Simon (v.l.) Foto: Rolf Walter

Am Mittwochabend lud die Jüdische Volkshochschule Berlin zu einer Podiumsdiskussion mit dem Titel »Zum Umgang mit NS-Raubkunst – Der Fall Gurlitt und seine Folgen« ins Centrum Judaicum. Unter der Leitung von Hermann Simon, dem Direktor der Stiftung Neue Synagoge – Centrum Judaicum, sprachen Ingeborg Berggreen-Merkel, Leiterin der »Taskforce Schwabinger Kunstfund«, der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, sowie der Berliner Kunstmäzen und Rechtsanwalt Peter Raue über den aktuellen Stand der Provenienzforschung.

Als im November 2013 bekannt wurde, dass der Kunsthistoriker und Sammler Cornelius Gurlitt in seiner Münchner Wohnung mehr als 1200 Kunstwerke hortete, die zum Teil aus jüdischem Besitz stammten und von den Nationalsozialisten ihren rechtmäßigen Eigentümern gestohlen oder abgepresst wurden, entzündete sich eine emotional aufgeladene Diskussion, wie man zukünftig mit sogenannter Raubkunst verfahren müsse.

Mittlerweile hat das Berner Kunstmuseum zwar die Erbschaft des Gurlitt-Nachlasses angetreten, doch damit ist das grundsätzliche Problem der Debatte keineswegs gelöst: Wem gehörten diese Kunstschätze einst, und wie kann eine gerechte Rückerstattung an eventuelle jüdische Erben aussehen?

taskforce Ingeborg Berggreen-Merkel, Leiterin der Taskforce zum Schwabinger Kunstfund, die die Herkunft der Kunstwerke klären soll, sei während ihrer Arbeit im Fall Gurlitt unter anderem auch damit beschäftigt, Falschmeldungen der Presse zu korrigieren. Zum einen handle es sich beim Schwabinger Fund nicht nur um Gemälde, sondern auch um Drucke, Grafiken und andere Kunstwerke. Zudem habe sie ihre Zweifel, dass es dabei um einen Milliardenwert ginge. Vor allem aber wies sie in ihren Ausführungen die Forderung nach schneller Rückgabe der Kunstgegenstände an mögliche jüdische Erben zurück. Es dürften keine Fehler begangen werden, sondern bei der notwendigen Provenienzrecherche sei Sorgfalt oberstes Gebot.

»Bis jetzt sind nur drei Kunstwerke eindeutig als Raubkunst klassifiziert«, führte Berggreen-Merkel aus. Rund 300 Schreiben von Betroffenen seien bei der Taskforce eingegangen, die nun bearbeitet und geprüft würden. Es bestehe aber allein schon das Problem der Erst- und Zweitschädigung jüdischer Besitzer, das vor allem dann auftrete, wenn eine Familie aus verfolgungsbedingten Gründen ihre Sammlung an einen jüdischen Freund verkaufen musste. »Dem wurden die Bilder dann beschlagnahmt und weggenommen. Nun muss man entscheiden, wem es zu restituieren ist«, erläutert die Verwaltungsjuristin Berggreen-Merkel.

Ihr pflichtet auch der Rechtsanwalt und Kunstmäzen Peter Raue bei: »Wann ist ein Werk als verfolgungsbedingt einzustufen? Gilt das auch noch, wenn jemand ein Bild mit in die Schweiz mit genommen hat?«, fragte Raue. Die 14-köpfige Taskforce, die erst im November letzten Jahres gebildet wurde, sei eine Aufklärungsstelle. Restituieren, also entschädigen, könne nur die Bundesrepublik Deutschland. Es sei ein einmaliger Fall, dass nach einer Vereinbarung zwischen dem Bund, dem Land Bayern und dem Berner Museum, das nun das Erbe des Nachlasses von Cornelius Gurlitt antritt, die Restitutionsverpflichtung auch für diese Privatsammlung bindend ist.

privateigentum Nicht bei allen Werken aus der Sammlung Gurlitt handelt es sich um Raubkunst. Es gibt Bilder und Grafiken der sogenannten »entarteten Kunst«, die von den Nazis 1937 als »undeutsch« aus Museen entfernt wurden. Gurlitt besaß in seiner Sammlung Bilder, die erst nach 1945 entstanden und somit zum Privateigentum gehörten. Der Fall Gurlitt zeige aber, dass eine lückenlose Aufklärung zwingend notwendig sei, so Raue weiter. Zumindest in den deutschen Museen werde dies gewissenhaft geprüft.

»Die Kultureinrichtungen, das sind nicht nur Museen, sondern auch Bibliotheken und Archive stehen in der Pflicht«, gab Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, zu bedenken. Zwar seien die Mittel inzwischen erhöht worden, aber Provenienzforschung könne nicht jeder machen. Sachverstand und Erfahrung seien unabdingbar, es fehle an Fachpersonal. Allerdings seien die Museen bereits von sich aus aktiv und würden an potenzielle Erben herantreten, so der Museumschef.

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