EILMELDUNG! Likud-Bündnis mit 53 Sitzen vorn. Eisenkots Bündnis kommt auf 48 Sitze

Kulturkolumne

Poesie statt Pillen

Bauen Sie zunächst Schutzwälle aus geeigneten Büchern um Bett, Couch und Sessel herum auf. Foto: Getty Images

Parallel wohnen in zwei Leben? Parallel fühlen in zwei Stimmungen? Kurz den Krisen entfliehen, vielleicht auch länger, um innerlich zu genesen? Dies darf ich Ihnen heute empfehlen als kleine Arznei in bewegten Zeiten. Die Medikation gegen Furcht und Entsetzen ob des Weltgeschehens ist garantiert nebenwirkungsfrei, erstaunlich billig und sofort wirksam.

Verscheuchen Bilder vom 7. Oktober Ihren Schlaf? Sind die Gedanken an das Schicksal der Familie Bibas so traurig, dass Musik nicht mehr tröstet? (Der Pianist Igor Levit mag sich seither kaum mehr ans Klavier setzen.)

Ängstigen Sie Handelskriege und wirtschaftlicher Abstieg? Poesie statt Pillen, so lautet das hier beworbene und beste Rezept.

Poetische Mauer mit Sorgenabwehrgarantie

Die Einnahmevorschriften: Bauen Sie zunächst Schutzwälle aus geeigneten Büchern um Bett, Couch und Sessel herum auf. Über der legendenumwobenen Bibliothek von Alexandria prangte einst wie über der Bibliothek von St. Gallen noch heute der Schriftzug »Psyche Iatreion«, Heilstätte der Seele. Wichtigste Ingredienzen oder dringende Empfehlungen für diese poetische Mauer mit Sorgenabwehrgarantie wären (neben Goethe und Gernhardt) Heinrich Heine, Hilde Domin, Rose Ausländer, Else Lasker-Schüler und unbedingt Itzik Manger.

Der bedeutendste Dichter jiddischer Sprache im 20. Jahrhundert tröstet mit seinem »Owntlid«, Abendlied. So heißt eines der schönsten Gedichte des »jiddischen Villon«. Es ist Balsam nach bewegten Tagen.

»schtiler ownt. tunkl-gold.
ich sitz bajm glesl wajn.
woss is geworn fun majn tog?
a schotn un a schajnsol
schotsch a rege tunkl-gold
in majn lid arajn.«

Wunderschön aus dem Jiddischen übersetzt hat es Efrat Gal-Ed:

»Stiller Abend. Dunkelgold.
Ich sitz beim Gläschen Wein.
Was ist geworden aus meinen Tagen?
Ein Schatten und ein Schein –,
Ein Augenblick von Dunkelgold
Soll in mein Lied hinein.
Lassen wir das Dunkelgold in die Abende nach schweren Tagen
fließen.«

Es wirkt. Ähnlich wie eines meiner liebsten, instanttrostgewährenden HeineGedichte:

»Werdet nur nicht ungeduldig,
Wenn von alten Leidensklängen
Manche noch vernehmlich tönen
In den neuesten Gesängen.
Wartet nur, es wird verhallen
Dieses Echo meiner Schmerzen
Und ein neuer Liederfrühling
Sprießt aus dem geheilten Herzen.«

Lesen und getröstet sein ist fein. Noch mehr Wirkung entfaltet Poesie jedoch durch eine kleine Anstrengung: Lernen Sie dieses Gedicht auswendig. Oder mehrere. Oder viele. In der Antike galt dies als Heilmittel schlechthin. Bereits der römische Arzt Antullius hat dazu geraten, mit einer altertümlichen, aber bildhaften Diagnose: Wer niemals Verse auswendig lerne, sondern auf Bücher zurückgreifen müsse, könne sich seiner giftigen Säfte nur unter großen Mühen und durch übermäßiges Schwitzen entledigen, während Menschen mit einem geschulten Gedächtnis diese Säfte mit dem Atem ausstießen.

Also, ruhig atmen, die Reime genießen und stetig lernen, denn Poesie schafft Glück und vertreibt die Ängste, bis sie wenigstens für ein paar Stunden im Nichts vergehen.

Philologie

Mehr als Dolmetscher

Jüdische Übersetzer haben nicht nur zwischen den Sprachen vermittelt, sondern dabei auch eigene Denkformen geprägt

von Katharina Hillmann  27.10.2026

Bucerius Kunst Forum

Verstreute Meisterwerke

Eine Ausstellung in Hamburg vereint rund 100 Gemälde, Grafiken und Skulpturen aus 15 jüdischen Sammlungen und erinnert an den Kunstraub der Nationalsozialisten

von Edgar S. Hasse  27.10.2026

Kino

Wiener Blut

Ulrike Ottinger lädt in der Horrorkomödie »Die Blutgräfin« zum morbiden Vampirvergnügen und schwelgt in opulenten Bildern. Isabelle Huppert geht perfekt gestylt auf Beutezug

von Anna Maria Pahlke und Sophie Albers Ben Chamo  27.10.2026

Jerusalem

Cohen interpretiert Cohen

Der israelische Jazz-Musiker Avishai Cohen hat sich für sein neues Album ein Buch des legendären Singer-Songwriters Leonard Cohen vorgenommen

von Imanuel Marcus  27.10.2026

Nachruf

»Star Trek«-Star Walter Koenig ist tot

Seine Rolle als Pavel Chekov hatte eine humoristische Funktion. Der Charakter sollte jüngere Zuschauer ansprechen

 27.10.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Rote Bänke, erschöpfte Katzen – ein Nachmittag in Amsterdam

von Margalit Edelstein  26.10.2026

Düsseldorf

50 Jahre Kiss in Deutschland: Doro Pesch feiert ihre Helden

Wegen Kiss fing Doro Pesch mit der Musik an. Später wurde der jüdische Bassist, Sänger und Bandleader Gene Simmons ihr Mentor. Seither ist ein halbes Jahrhundert vergangen

von Philip Dethlefs  26.10.2026

Entgleisung

Kein Skandal ist der Skandal

Milo Rau macht aus Wagners »Fliegendem Holländer« an der Deutschen Oper Berlin eine groteske Abrechnung mit Israel – und erntet dafür kaum einen Buh­ruf

von Maria Ossowski  26.10.2026

Brüssel/Gütersloh

Lucky Luke wird in Jubiläums-Comic zum Heiligen

Ein Cowboy kann nach acht Jahrzehnten noch viel erleben. Zwischen Saloon und Prärie warten in dem lange von einem jüdischen Texter dominierten Comic häufig Gegenwartsthemen

von Shireen Broszies  26.10.2026