They tried to kill us, we survived, let’s eat!

Foto: Getty Images

They tried to kill us, we survived, let’s eat!

Der Satz ist wie kein anderer mit jüdischer Essenstradition verbunden. In unserer Generation bekommt er eine neue Dimension

von Laura Cazés  16.03.2025 10:59 Uhr

Es gibt eine Ecke im Internet, die für mich den Begriff der »Wholesomeness«, der »Heilsamkeit«, perfekt beschreibt. Wenn die Nachrichtenlage mich abstumpft und ich lange Storys produziere, gehe ich im Anschluss an meinen »Happy Place« auf Instagram.

Personen wie ich, die auf über acht Stunden Bildschirmzeit pro Tag kommen, brauchen diesen Ort. Er kann ganz unterschiedlich aussehen. Nach dem 7. Oktober schickte mir eine Freundin täglich ein süßes Tiervideo: hüpfende Lamas, kauende Äffchen, rappende Ziegen.

Flechtmuster von Challah Prince oder Matzo Ball Soup von Alison Roman

Ein ganz besonderer Ort im Netz ist für mich aber Jewish Food Content. In den vergangenen Jahren erfreuten sich die Videos mit Flechtmustern von Challah Prince oder die Matzo Ball Soup von Alison Roman weit über die jüdische Online-Community hinaus immer größerer Beliebtheit. Viele Creators haben mittlerweile Hunderttausende Follower weltweit, die wissen, was Babka ist und wie man Chraime zubereitet. Das jüdische und israelische Food Game auf Instagram und TikTok hat den Mainstream erreicht.

Wenn Ben Siman Tov (YASSS!), Ruhama Shitrit oder Eitan Bernath mit ihren typischen Sätzen im einminütigen Zeitraffer ihre Küchengeräte in Gang werfen, Teig kneten oder Silan, Baharat, Zitrone und Knoblauch zum Fisch geben und das Essen in den Ofen schieben, dann rieche ich es, stelle mir den nächsten Abend vor, an dem ich genau diese Dinge auch koche, oder ich sitze wieder in den Küchen meiner Großmütter.

Die »Jewish Food Society« will ein Archiv erarbeiten, das die jüdische Küche der ganzen Welt samt Ursprungsgeschichten revitalisieren soll.

Das irakische T’beet, das marokkanische Couscous, das jemenitische Jahnun, der polnische Kigel, der österreichische Strudel und der ukrainische Borschtsch sind zu unserem Eigenen geworden. Es ist die Praxis, Erinnerung über Zeiten und Orte hinweg festzuhalten, in einer Familie zusammenzuführen und damit den Schmerz des Verlustes zu verarbeiten.

Die »Jewish Food Society« hat sich zum Ziel gesetzt, ein Archiv zu erarbeiten, das die jüdische Küche der ganzen Welt samt ihren Ursprungsgeschichten revitalisieren soll. Auf ihrer Website finden sich zahlreiche, über Generationen überlieferte Rezepte. Auch einige Instagram Creators wurden mit ihren viralen Speisen mittlerweile dort festgehalten.

Wenn ich sehe, mit wie viel Sinnlichkeit diese Creators, für die auch der legendäre Koch Yotam Ottolenghi den Grundstein legte, unsere Kultur zu einem multimedialen Erleben verarbeiten, dann spüre ich nicht nur einen kurzen Moment der Hoffnung, sondern ich erinnere mich auch daran, warum ich es liebe, diese jüdischen Herkunftsgeschichten trotz aller Schwere in mir zu tragen.

Die Weinblätter der Großmutter von Omer Shem-Tov

Sie erinnern die aufgeheizte Social-Media-Welt daran, dass hinter dem Reizwort »Israel« auch Menschen stecken, die einfach gutes Essen lieben. Nach der Katastrophe des 7. Oktober begannen viele israelische Creators, die Geschichten der Geiseln über ihr Lieblingsessen zu erzählen.

Ein Kreis schloss sich, als die Großmutter der freigelassenen Geisel Omer Shem-Tov nur Minuten nach der perversen Übergabezeremonie, bei der ihr Enkel zwischen den Terroristen widerständig in die Kamera jubelte, verkündete, sie habe Omer bereits seine geliebten Weinblätter zubereitet. Und auch, wenn man ihm zunächst nicht erlauben würde zu essen: Sie werde ihm die Lieblingsspeise einfach in den Mund stecken.

Sie wusste genau, was er jetzt brauchte: den Geschmack von Zuhause. Ein Zuhause, das da ist, wo wir riechen, schmecken und fühlen können – und somit wissen, dass wir am Leben sind. So bekommt der Satz, der wie kein anderer mit jüdischer Essenstradition verbunden ist, auch in unserer Generation eine neue Dimension: They tried to kill us, we survived, let’s eat!

Meinung

Wir haben ein Problem – und wir müssen endlich darüber reden

Ein Weckruf über verfehlte Migration, ausländische Einflussnahme und das ohrenbetäubende Schweigen der »Progressiven«

von Jacques Abramowicz  02.05.2026

Los Angeles

William Shatner kündigt Heavy-Metal-Album mit Starbesetzung an

Der jüdische Schauspieler und Musiker will mit 95 Jahren nicht leiser treten, sondern lauter: Sein neues Album soll prominente Musiker aus der Metalszene zusammenbringen

 01.05.2026

Archäologie

Rätsel um antikes Baby-Massengrab

Wissenschaftler der Universität Tel Aviv haben Knochenreste aus der Perserzeit gefunden, die in Tel Aseka bestattet wurden. Etwa 70 Prozent stammen von Kindern unter zwei Jahren

von Sabine Brandes  01.05.2026

Howard Rossbach

Wanderer zwischen Ostküste und Oregon

Er ist Spross einer Familie bekannter Politiker und Bankiers. Doch seit 50 Jahren reüssiert der gebürtige New Yorker Howard Rossbach am anderen Ende Amerikas als Winzer. Ein Porträt

von Michael Thaidigsmann  01.05.2026

Literatur

Herkunft, Schuld und der lange Schatten der Vergangenheit

Krieg, Flucht, Schuld. Diplomat Rüdiger von Fritsch hat ein Buch über seine Familie geschrieben - und über das schwere Erbe deutscher Geschichte

von Christiane Laudage  01.05.2026

Jubilar

Architektur als Zeichen der Hoffnung - Daniel Libeskind wird 80

Das Jüdische Museum Berlin, der Masterplan für Ground Zero in New York: Für den Amerikaner ist Bauen Teil der Erinnerungskultur

von Sigrid Hoff  01.05.2026

Kino

»Nürnberg«: Russell Crowe und Rami Malek locken mit Star-Power

Die Oscar-Gewinner Russell Crowe und Rami Malek glänzen als Nazi-Kriegsverbrecher und Psychiater mit ausgefeiltem Schauspiel. Das ist faszinierend – und problematisch

von Peter Claus  01.05.2026

Zahl der Woche

154.369 Drusen

Fun Facts und Wissenswertes

 01.05.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Marathon oder Volcano Race – von Schnelligkeit und meiner Unsportlichkeit

von Katrin Richter  01.05.2026