Kino

Sehnsucht nach Baghdad

Samir Naqqash kann sich noch genau an den Moment erinnern, als er Anfang der 50er-Jahre aus dem Irak nach Israel kam. Denn der Empfang in dem fremden Land mit der unbekannten Sprache war wenig herzlich und hieß DDT. Ein Insektizid, mit dem alle Neuankömmlinge besprüht wurden, gegen mögliche Infektionen. Für den Abkömmling einer gut situierten Bagdader Familie war dieses Willkommen mehr als seltsam. Naqqash, der bis zu seinem Tod 2004 in Petach Tikwa lebte, wurde in Israel ein anerkannter Autor. Doch zeitlebens sah er sich als jüdischen Araber, der »aus einem Palast in ein Zelt« gekommen war. Das sagt Naqqash in dem Dokumentarfilm Forget Baghdad, in dem sechs Juden aus dem Irak auf Arabisch erzählen, wie schwer es war, ein neues Leben in Israel anzufangen.

Forget Baghdad ist einer von insgesamt 13 Filmen, die die Heinrich-Böll-Stiftung auf ihren israelischen Filmtagen zeigt. Die Reihe, die vom 28. bis 31. Januar in der Berliner Kulturbrauerei im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg stattfindet, steht in diesem Jahr unter dem Titel »Israel im Orient – Orient in Israel« und widmet sich den sogenannten Mizrachim – Juden, die aus arabischen Ländern wie Jemen, Marokko und Irak nach Israel einwanderten und dort auf die Welt der Aschkenasen, den aus Europa stammenden Juden, trafen.

arabischer akzent Der Dokumentarfilm Café Noah aus dem Jahr 1996 eröffnet die Filmtage. Regisseur Duki Dror begleitet jüdische Musiker, die 1948 aus Bagdad und Kairo nach Israel kamen. Sie brachten damals ihre Instrumente und ihre Musik mit, die sie über viele Jahre im Tel Aviver Cafe Noah spielten. Der kleine Saal wurde zum Treffpunkt für arabisch-jüdische Kultur. Hinreißend und mit viel Witz erzählen die älteren Herren mit klanghaftem arabischen Akzent, wie sie bis zum Morgengrauen musizierten und, wenn ihnen die langen Konzertabende zu viel wurden, auch schon mal selbst zur Polizei gingen, um sich über die Lautstärke zu beschweren. Dem 26-minütigen Film folgt eine zweite Produktion von Dror. In My Fantasia erzählt der Sohn irakischer Einwanderer die Geschichte der einst florierenden Menora-Fabrik seiner Familie und versucht, hinter das Schweigen seines Vaters zu kommen, der vor seiner Alija fünf Jahre in einem irakischen Gefängnis saß.

Auf dem Programm steht auch ein Klassiker: Ephraim Kishons Sallah Shabati aus dem Jahr 1964. Der Schriftsteller erzählt in dem Satirefilm die Geschichte eines jemenitischen Juden, der mit seiner kinderreichen Familie nach Israel kommt. Ohne Beruf, ohne Geld, aber mit viel Vergnügen am Scheschbesch, dem Backgammon des Nahen Ostens. In The Barbecue People von David Ofek aus dem Jahr 2002 erlebt der Zuschauer, wie eine alte Liebe die Gefühlswelt einer verheirateten Frau und Mutter durcheinanderbringt – und wie wichtig die irakische Küche für viele Familien, die nach Israel einwanderten, war und immer noch ist.

Ganz vorbehaltlos wird das Programm der Filmtage allerdings nicht aufgenommen. Anfang Januar schrieben »Kritische Juden und Israelis«, wie sich die Unterzeichner selbst nennen, einen offenen Brief, in dem sie der den Grünen nahestehenden Stiftung »Geschichtsfälschung« vorwarfen. So würden »viele äußerst problematische Formulierungen« wie »Orient« und »orientalisch« verwendet. Bernd Asbach, Leiter des Referats Naher und Mittlerer Osten der Heinrich-Böll-Stiftung, sieht für diese und andere Kritik Platz bei der Diskussionsrunde »Die Rückkehr Israels in den Nahen Osten«, die den Abschluss der Filmtage bildet. Dort spricht unter anderem Yossi Yonah, Leiter des Department of Education der Ben-Gurion-Universität, über soziale und ökonomische Probleme der Mizrachim in Israel.

Die Israelischen Filmtage der Heinrich-Böll-Stiftung finden vom 28. bis 31.Januar im Kino in der Kulturbrauerei, Schönhauser Allee 36, 10437 Berlin statt. Karten kosten 5,50 € (ermäßigt (4,50 € )

www.boell.de/filmtage

Solingen

100 Porträts jüdischer Künstlerinnen im Zentrum für verfolgte Künste

Die Ausstellung erzählt von künstlerischen Lebenswegen zwischen Krieg, Verfolgung und Neubeginn, wie das Museum ankündigte

 11.03.2026

Programm

Kakaniens Kinder, Jakobs Zelte und Israels Superfood: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 12. bis zum 19. März

 11.03.2026

Filmfestival von Cannes

Barbra Streisand erhält Ehrenpalme

Das jüdische Multitalent gewann zehn Grammy Awards, zwei Oscars und elf Golden Globes. Nun kommt eine weitere Ehrung hinzu

 11.03.2026

TV-Tipp

»Doctor Strange in the Multiverse of Madness« bei ProSieben

Fortsetzung des Superheldenfilms um den titelgebenden Magier

von Jan Lehr  11.03.2026

Lanz und Precht

»Irgendwie so bombt man sich das Ganze am Ende zurecht«

In ihrem wöchentlichen Podcast versuchen sich Talkmaster Markus Lanz und Philosoph Richard David Precht an einer Analyse der Hintergründe des Irankriegs – und scheitern gewaltig

von Michael Thaidigsmann  11.03.2026

Berlin-Neukölln

Wer ist dieser Mann?

Er lehrte arabische Schüler die Geschichte des Holocausts, organisierte einen Austausch mit Israelis und hielt Drohungen stand. Hudhaifa Al-Mashhadanis Geschichte faszinierte die Medien, begeisterte Politiker und schenkte ihm das Vertrauen jüdischer Organisationen. Aber ist alles daran wahr?

von Mascha Malburg  11.03.2026

TV-Tipp

Die Puppe mit dem Hitlergruß: Das turbulente Leben der Unternehmerin Käthe Kruse

»Ich kauf‘ Euch keine Puppen - macht Euch selber welche!« Max Kruses junge Geliebte nahm diese brüske Absage wortwörtlich und wurde berühmt. Arte zeichnet die bewegte Biografie von Käthe Kruse nach

von Manfred Riepe  11.03.2026

Amulette

Erfurter Ausstellung zeigt israelische Kunst

Die Galerie Waidspeicher zeigt Werke israelischer Künstlerinnen und 555 Hamsa-Amulette aus Jerusalem. Das Motiv der Hamsa in Form einer geöffneten Hand ist im Judentum, im Islam und im Christentum gebräuchlich

von Matthias Thüsing  10.03.2026

München

Ermittlungen zu Nazi-Parole gegen Fleischhauer eingestellt

Der Kolumnist bedient sich bei einem Podcast eines Slogans der Nationalsozialisten, um damit den AfD-Nachwuchs zu kritisieren. Deshalb wird gegen ihn ermittelt - jedoch nicht besonders lang

 10.03.2026