Medien

Schreiben, was ist

»Murder the Media«: Anhänger von Donald Trump zertrümmerten bei der Stürmung des Kapitols in Washington die Ausrüstung von Journalisten. Foto: picture alliance / Pacific Press

»Ich stehe vor Ihnen – als stolze Deutsche«, sagte Charlotte Knobloch am 27. Januar im Deutschen Bundestag. Ein überraschender, ein provokativer, ein mutiger Satz, der mir so wohl nie über die Lippen kommen würde. Klar bekannte sie sich zu ihrem Stolz »auf einen Staat, der die unverbrüchlichen Menschenrechte jeder und jedes Einzelnen verteidigt« und sagte damit jenem Ungeist den Kampf an, der schon einmal versucht hatte, ihr ihre Heimat zu nehmen.

Prozess Mit ihrem beeindruckenden Bekenntnis habe ich meinen letzten Kommentar in den ARD-Tagesthemen einen Tag nach ihrer Rede eingeleitet. Anlass war das Urteil im Prozess zur Ermordung des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke: lebenslang mit Feststellung der besonderen Schwere der Schuld für den rechtsextremistischen Hauptangeklagten Stephan E., aber Freispruch im zweiten Anklagepunkt, dem Messerangriff auf den Iraker Ahmed I. Der Mitangeklagte Markus H. erhielt eine Bewährungsstrafe wegen illegalen Waffenbesitzes. Enttäuschend vor allem für die Angehörigen Walter Lübckes und für Ahmed I., aber ein klarer Sieg genau des Rechtsstaats, auf den Charlotte Knobloch stolz ist. Das Gericht hatte Zweifel und entschied »im Zweifel für den Angeklagten«. Was auch sonst?

Die Entscheidung ist eine Aufforderung an uns alle, die Demokratie, die Würde jeder und jedes Einzelnen und unsere Freiheit zu verteidigen. Das lässt sich nicht delegieren. Nicht an die Justiz, nicht an die Politik und auch nicht an Journalisten. Schon einmal wurde in Deutschland die Demokratie erst ausgehöhlt und lächerlich gemacht, dann bekämpft und schließlich abgeschafft. Deshalb kommt es darauf an, rechtzeitig rote Linien zu ziehen und zu benennen, wenn sie verwaschen werden und zu verschwinden drohen.

»Die halbe Wahrheit ist eine ganze Lüge«, lautet ein altes jüdisches Sprichwort.

Das wiederum ist die Aufgabe von Journalisten, zumal im öffentlich-rechtlichen System. Wir müssen den Vereinfachern und Verführern, den Leugnern und Fälschern entgegentreten. Ich sage noch immer »wir«, obwohl ich von nun an keine aktive Redakteurin mehr bin. Aber nach 33 Jahren Arbeit in der ARD ist dieses »wir« Bestandteil meiner journalistischen DNA.

komplexität In meinem Büro im Hessischen Rundfunk hing für alle unübersehbar das Plakat der Amadeu Antonio Stiftung mit dem jüdischen Sprichwort »Die halbe Wahrheit ist eine ganze Lüge«. Es war für mich eine ständige Erinnerung daran, was unsere Aufgabe ist: Komplexität verständlich zu machen, aber eben nicht zu vereinfachen. Die Fälschung durch Halbwahrheiten ist die einfachste und häufigste Lüge. Je komplexer und unübersichtlicher unsere Welt wird, umso größer ist die Sehnsucht nach einfachen Erklärungen und nach Verkürzungen. Auch im Journalismus.

Der markante Kernsatz, die provokative These, der plakative Post – das garantiert Resonanz und zahlt sich aus in der so wichtigen Erfolgswährung. Früher war das die Einschaltquote, jetzt sind es die »Klicks«. Es ist verlockend, Applaus einzusammeln durch die Bedienung gefühlter Wahrheiten, durch die Lieferung der Bilder für die Bilder im Kopf. In der Berichterstattung über Israel finden sich dafür viele Beispiele. Auch in öffentlich-rechtlichen Medien. Es finden sich aber sehr viel mehr gelungene Beiträge.

In den drei Jahrzehnten meiner Arbeit als Autorin, Redakteurin und Kommentatorin habe ich in der ARD, vor allem in meinem Sender Hessischer Rundfunk, viel Unterstützung erfahren bei meinen Bemühungen, die Erinnerung an die Schoa wachzuhalten und auf den neuen Antisemitismus aufmerksam zu machen, egal ob aus islamistischem Furor gespeist, als »Israelkritik« getarnt oder als alter neuer rechtsextremer Judenhass. Was mich schon als junge Filmemacherin angetrieben hat – die Auseinandersetzung mit der Barbarei, mit Hetze, mit Diskriminierung –, hat bis heute nichts an Relevanz eingebüßt. Noch immer gilt es, Geschichten von Menschen zu erzählen, die zur Zielscheibe des Hasses werden, weil sie ausgegrenzt und verfolgt werden als Juden, als Ausländer, als Schwule, als »die anderen«.

anfeindungen All diese Themen haben in den öffentlich-rechtlichen Medien eine Heimat. Die hier arbeitenden Journalisten können gesetzlich geschützt angstfrei ihrer Arbeit nachgehen. Ein Privileg und eine Verpflichtung. Pressefreiheit ist ein essenzieller Baustein jeder freien Gesellschaft. Weltweit werden Kollegen verfolgt und inhaftiert dafür, dass sie die ganze Wahrheit erzählen wollen. Mindestens 50 Journalisten wurden 2020 getötet.

Die Arbeitsbedingungen für Journalisten werden immer bedrohlicher. Staatliche Repression gibt es mittlerweile aber nicht nur in China, Russland, Ägypten oder einem der vielen anderen Unrechtsregime, sondern auch in europäischen Ländern wie Ungarn, Malta oder Polen. Vor allem jedoch werden Journalisten von selbst ernannten »Volksvertretern« auf der Straße angegriffen. NOS, die öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt der Niederlande etwa, ist nur noch mit Übertragungswagen im Land unterwegs, die kein Logo des Senders mehr tragen. Eine Niederlage für den freien Journalismus.

Auch in Deutschland nimmt der »Volkszorn« auf Journalisten zu. In nüchternen Zahlen des Bundesinnenministeriums ausgedrückt, heißt das: Im vergangenen Jahr gab es 252 Straftaten, die sich »gegen Medien« richteten. Darunter waren 22 Körperverletzungen, 33 Sachbeschädigungen, Brandstiftungen, zahlreiche Fälle von Bedrohung und Nötigung, Volksverhetzung, Erpressung und diverse Propagandadelikte. Damit hat sich die Zahl der Attacken auf Journalisten im Vergleich zu den Vorjahren mehr als verdoppelt – im Jahr 2019 gab es 104 solcher Gewalt- und Straftaten, 2018 waren es 93.

Je komplexer unsere Welt wird, umso größer ist die Sehnsucht nach einfachen Erklärungen.

Und die Zeiten werden noch deutlich ungemütlicher werden. Wenn es darum geht, wer die Corona-Rechnung zahlt, werden in der Gesellschaft heftige Verteilungskämpfe beginnen. Dann werden einmal mehr Sündenböcke gesucht, die für die unvermeidbaren Zumutungen verantwortlich gemacht werden. Keine guten Aussichten für die jüdische Gemeinschaft und für alle Vertreter des verhassten »Systems«. In brauner Tradition richtet sich der Hass schon jetzt gegen die »Lügenpresse«, es bleibt nicht bei der verbalen Hetze im Nazijargon. Zwar gab es auch früher schon Drohbriefe gegen unliebsame Journalisten, wie ich aus eigener Erfahrung weiß. Sie kamen aus der islamistischen und aus der rechtsextremen Ecke, und sie waren anonym.

Hetzer Heute aber wird schamlos gegen die »Systemmedien« gehetzt, auf der Straße und von AfD-Politikern. Sie maßen sich an, für »das deutsche Volk« zu sprechen, fühlen sich als Vollstrecker des imaginierten Volkswillens. Kollegen sind gut beraten, für die Berichterstattung über Pegida oder »Querdenker«-Demonstrationen Personenschutz dabeizuhaben.

Wer das für übertrieben hält, möge sich die Bilder des 6. Januar aus Washington ins Gedächtnis rufen. In feinen Großbuchstaben stand dort unmissverständlich auf eine Bürotür im Innersten des Kapitols in Washington geschrieben: »Murder the Media«. Draußen standen Männer und Frauen um einen Scheiterhaufen aus zertretenem und klein geschlagenem Equipment der Kollegen von Associated Press und anderer Medienvertreter. »Es sah aus, als wollten sie alles anzünden«, berichtete ein Augenzeuge, der tunlichst verschwieg, selbst Journalist zu sein. Er nahm das Bild von der modernen Version der Bücherverbrennung heimlich auf. Eine Frau grinst darauf in die Runde, stolz ein Mikrofon des ZDF in der Hand, ein Souvenir.

»Wir sind jetzt die Presse«, hätten andere gegrölt, erzählen Augenzeugen. Aus einem Sendekabel wurde ein Strick für den Galgen geknüpft. Früher haben wir unseren Mitarbeitern kleine Notizblöcke mit auf den Weg gegeben, jetzt bekommen sie Gasmasken und Schutzwesten mit, sagt die Bürochefin der »Los Angeles Times« in Washington, Kimbriell Kelly. Wohlgemerkt zur Inauguration des 46. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika.

Nur wenige Wochen zuvor stürmten sogenannte Querdenker die Stufen des Reichstags in Berlin. Wie gesagt, die Zeiten sind ungemütlich, und es ist unsere Aufgabe, »die unverbrüchlichen Menschenrechte jeder und jedes Einzelnen« zu verteidigen.

Taten Das beginnt bei der entschiedenen Demaskierung der Worte. »Fake News«, »Lügenpresse«, »Systemmedien«, »Volksschädling« – das ist die rohe Sprache der Gewalt, deren Worte am Ende zu Taten werden. Es gibt keine harmlose Beleidigung, keine hinnehmbare Häme. Mit der Verengung des Meinungskorridors hat das übrigens nichts zu tun. Dem folgenlosen Tabubruch der Gemeinheit im Netz und auf der Straße müssen wir uns in offener Debatte stellen. Gerade die jüdische Erfahrung lehrt uns, was passiert, wenn wir Freiheit und Menschenrechte nicht rechtzeitig und entschlossen verteidigen. »Für Werte einstehen« nannte es der ermordete Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke. Für Werte und für die Wahrheit.

Übrigens – das Plakat der Amadeu Antonio Stiftung habe ich bei meinem Auszug nicht mitgenommen. Es hängt jetzt in einem anderen Redaktionsbüro im Hessischen Rundfunk.

Die Autorin hat mehr als drei Jahrzehnte als leitende Redakteurin beim Hessischen Rundfunk gearbeitet, ist Filmemacherin und Publizistin. Zuletzt erschien von ihr das Buch »Israel ist an allem schuld. Warum der Judenstaat so gehasst wird« (Eichborn 2015).

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