Sound

Schmalz, Pop und Klassik

Und was singt diese (offenbar reformjüdische – man beachte die fehlenden Kippot) Familie? Foto: Thinkstock

Sie sind die klassischen musikalischen Begleiterscheinungen von Chanukka: das »Maos Zur« oder der unvermeidbare »Dreidl Song«, den sogar hierzulande Nichtjuden kennen, seit das Lied einmal in einer Episode von South Park zu hören war. Dieser üblichen Chanukka-Kakophonie ist mindestens genauso schwer zu entkommen wie der zeitgleichen Endlosschleife an Weihnachtsliedern, von denen übrigens viele von jüdischen Musikern komponiert wurden.

Doch es gibt auch Alternativen zum traditionellen Liedgut. Wie wäre es zum Beispiel mit dem Deutsch-Briten Georg Friedrich Händel? Der hat neben seinem Messias mit dem allseits bekannten »Halleluja« eine Reihe weiterer großartiger Oratorien biblischen Inhalts komponiert, darunter – passend zu Chanukka – Judas Makkabäus von 1747. Das Libretto von Thomas Morell basiert auf dem biblischen Buch der Makkabäer, angereichert mit Passagen aus Flavius Josephus’ Der jüdische Krieg.

Maccabiah Natürlich war Händel kein Jude; seine Musik hat explizit christlichen Charakter. Dass Judas Makkabäus dennoch auch für die Zwecke der Kinder Israels taugt, beweist die Tatsache, dass Aharon Ashman 1932 für die Maccabiah in Tel Aviv das Oratorium in drei Akten ins Hebräische übersetzte. In Israel erfreut es sich seither zum Lichterfest großer Popularität.

Aus Händels Werk stammt auch das in Deutschland als kirchliches Weihnachtslied beliebte »Tochter Zion, freue dich«, das Kurt Tucholsky einmal als jüdische Promotionshymne »Doktor Zion, freue dich« persifliert hat. Unter dem hebräischen Titel »Hava Narima« kennt es fast jedes israelische Kind.

verdi Nicht direkt mit Chanukka zu tun hat Verdis Oper Nabucco von 1841. Aber ein bisschen doch schon. Außerdem feiern wir in diesem Jahr den 200. Geburtstag des italienischen Komponisten, allein, um zu vergessen, dass auch der üble Antisemit Richard Wagner 2013 sein Jubiläumsjahr hat. Dass zu dessen Hochzeitsmarsch aus Lohengrin einst unzählige jüdische Paare unter die Chuppa traten, zählt zu den tragikomischen Seiten der Geschichte.

Doch zurück zu Verdi. Aus dessen Nabucco stammt die berühmte Arie »Va pensiero«, die in Italien fast jedermann zumindest summen kann. Erst einer, dann zwei, dann drei und dann Abertausende stimmten das Lied an, als Verdi im Jahr 1901 in Mailand zu Grabe getragen wurde. Seither gilt die hierzulande als »Gefangenenchor« geläufige Melodie als eine Art inoffizielle Nationalhymne Italiens. Heerscharen von Pizzabäckern, Badewannen-Carusos und Italo-Popstars haben das Lied geträllert.

Dabei geht es in Nabucco nicht um Risorgimento und Bella Italia. Die Oper handelt von den biblischen Juden in babylonischer Gefangenschaft. Verdi hatte zwar mit dem Volk Israel rein gar nichts am Hut. Aber seine Arie, die hat es in sich:
»Verweil an Zions frech entweihten Thoren,/Und walle still dem Jordan-Ufer zu;/O zaubrisch schöne Heimat, mir verloren!/O schmerzlich süßes Angedenken Du.«

Ein Wunder, dass die frühen Zionisten daraus nicht die Nationalhymne Israels gemacht haben. Zwar geht es in Nabucco um den ersten Tempel und an Chanukka um den zweiten. Den Geist der Makkabäer atmet »Va pensiero« dennoch. Es geht um jüdischen Stolz und jüdische Freiheit. Da soll uns auch nicht weiter stören, dass der französische Rechtsextremistenführer Jean-Marie Le Pen seine Kundgebungen stets mit »Va pensiero« musikalisch einleitete und den Gefangenenchor zu seiner Erkennungsmelodie machte. Verdi kann nichts dafür.

populärkultur Als Chanukkalied geeignet wäre auch die inoffizielle Nationalhymne der Juden, das »Hava Nagila«. Der Gründungsvater der israelischen Musikforschung, Abraham Zvi Idelsohn, hat den Ohrwurm anlässlich der britischen Besetzung Palästinas im Ersten Weltkrieg aus dem Hut gezaubert. Das Lied geht auf ein chassidisches Niggun zurück.

Idelsohns Text ist so simpel wie eingängig: »Lasst uns glücklich und fröhlich sein, lasst uns singen und fröhlich sein.« Passt zum Lichterfest wie Sufganiot und Dreidel. Und die nichtjüdischen Gäste können problemlos mitsingen. Hava Nagila kennen alle, und so gut wie jeder Musiker hat dieses Lied schon interpretiert, von Bob Dylan über Harry Belafonte bis zu Hans Rolf Rippert aus Berlin-Spandau, den meisten besser unter seinem Künstlernamen Ivan Rebroff bekannt.

Überhaupt bietet die Populärkultur ein scheinbar unerschöpfliches Reservoire an Chanukkasongs. Selbst der kürzlich verstorbene Avantgarderocker Lou Reed hat sich mit »Holiday I.D.« in diesem Metier kurz versucht (der Song ist nur rund 30 Sekunden lang), ebenso wie der legendäre Woody Guthrie, der vor allem für seine linken Protestlieder berühmt war. Der Dustbowl-Balladeer hatte auch eine jüdische Seite, weil er in zweiter Ehe mit der Tänzerin Marjorie Greenblatt verheiratet war.

Für sie und seine jüdischen Kinder hat er eine Vielzahl von Chanukkaliedern geschrieben. Sie wurden erstmals 2006 aufgenommen, von der berühmtesten aller Klezmer-Bands, den Klezmatics. Auch das in den 60er- und 70er-Jahren bekannte Folktrio Peter, Paul & Mary hatte mit »Light One Candle« ein Chanukkalied im Repertoire.

matisyahu Ein moderner Klassiker ist Adam Sandlers ironischer »Hannukah Song« mit seinem namedropping bekannter Ganz-, Halb-und Vierteljuden. In amerikanischen Hitlisten beliebter Chanukkalieder belegt Sandler regelmäßig den ersten Platz. Nicht fehlen darf, wenn es um Satire geht, natürlich »Hannukah in Santa Monica« von Altmeister Tom Lehrer.

Für die musikalische Variationsbreite zu Chanukka empfiehlt sich auch der moderne Ohrwurm »Ocho Kandelikas«, übersetzt »Acht Kerzen«. Der Text ist auf Ladino, der Sprache der mittelalterlichen Sefardim. Komponiert wurde das Lied im Tangorhythmus aber erst 1983 von der jugoslawischstämmigen Amerikanerin Flory Jagoda.

Bekannte Interpreten sind Jasmin Levy und Alberto Mizrahi; aber auch die Rocker der Gruppe Hip Hop Hoodios haben den Song im Programm. Und schließlich hat auch der Rapper Matisyahu ein eigenes Chanukkalied 2011 unter der Kippa hervorgezaubert, die er damals noch ständig trug: Sein Song heißt »Miracle« und beschreibt das Wunder des Lichterfestes in seiner Heimatstadt New York und weit darüber hinaus. Ganz ohne Schmalz und Schmonzes. Chanukka sameach!

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