Sprachgeschicht(en)

Schickern, bis man molum ist

Leicht beschwipst ins Purim-Vergnügen Foto: Thinkstock

Der französische Schriftsteller Georges Perec beschrieb in seinem Roman Das Leben. Gebrauchsanweisung (1978; dt. 1982) einen mysteriösen »Wörtertöter«: »Während andere Redakteure auf der Suche nach neuen Wörtern und neuen Bedeutungen waren, musste er, um ihnen Platz zu schaffen, alle Wörter und alle Bedeutungen eliminieren, die veraltet waren.«

Gibt es in unseren Lexikonverlagen ähnliche Machenschaften? Neologismen aus dem IT-Sektor nehmen zu, dafür verschwinden klammheimlich ältere gemeinsprachliche und landschaftlich gebundene Lexeme. Das zeigen im Wortfeld der Trunkenheit zwei Fälle mit jiddischen beziehungsweise hebräischen Wurzeln.

Standardvokabular Wanders Sprichwörter-Lexikon (1867) offerierte etwa mit dem Hinweis, dass »Ostfriesen, besonders an den Küstenstrichen, gute Trinker sind« – neben »He is alltîd dick un dûn« und »He is besapen« –, die Wendung »He is molum« (= betrunken), die Duden-Online noch heute bringt, die aber früher auch in mehrbändigen Duden-Werken zur deutschen Sprache (1976 bzw. 1993–1995) auftauchte. Sie gehörte zum Standardvokabular und begegnete regional seit dem 18. Jahrhundert. Das bezeugen Konkordanzen der badischen, elsässischen, hessischen, pfälzischen und Berliner Mundart.

Natürlich registrierten Naschérs Buch des jüdischen Jargons (1910) und Bischoffs Jüdisch-deutscher und deutsch-jüdischer Dolmetscher (1916) das vom hebräischen »mâlê« (voll) hergeleitete Wort »môle« (betrunken), das bei Studenten »môlum« hieß und sich schon in Friedrich C. Laukhards Roman Franz Wolfstein oder Begebenheiten eines dummen Teufels (1799) findet.

Auch Berliner lachten über eine Stelle in Julius Stindes Roman Die Familie Buchholz – aus dem Leben der Hauptstadt (1884): »Die Gemütsbewegung, der Rum und die angeborene Dämlichkeit hatten ihre Schuldigkeit getan – Herr Weigelt war molum.«

Sondersprachlich Küppers Buch zur Umgangssprache (1990) erwähnt »molum«, Kluges Etymologisches Wörterbuch (2002) zählt es zum peripheren Wortschatz, und Hans Mangold (Die Mundart von Adelsheim, 1930) sowie Friedel Scheer-Nahor (Hebraismen im Badischen Wörterbuch, 1998/99) nennen sondersprachliche Belege.

Doch neuerdings ist das Lexem für Pauls Deutsches Wörterbuch (2002), Bertelsmanns Wörterbuch der deutschen Sprache (2004), das Duden-Universalwörterbuch (2006) und selbst Pfeifers Etymologisches Wörterbuch (2010) tabu.

Ähnlich erging es dem regional und in Sondersprachen (zum Beispiel der Münsterschen Masematte) geläufigen Adjektiv »schicker« (betrunken), das auf dem bedeutungsgleichen hebräischen »schikkor« beruht und wie das Verb »schickern« (Alkohol trinken) direkt aus dem Westjiddischen in die Dialekte gelangte. Dem Quatschkopf hielt man entgegen: »Ich glaab’, du bist schicker!«, über den Sonderling hieß es: »Das ganze Johr schicker un am Purim nüchtern.«

Substantiv Und heute? Sedlaczeks Wörterbuch des Wienerischen (2011) kennt neben dem Adjektiv sogar noch das Substantiv (»Schicker« = Säufer), aber deutsche Lexika führen meist nur die Formen »beschickert« und »angeschickert« (beschwipst) auf.

Kein »Schickernick« (Trunkenbold) ahnte wohl, dass auch die englische und französische Bezeichnung »cider« beziehungsweise »cidre« für moussierenden Apfelwein auf das mittelenglische »sidre« sowie das anglo-französische und spätlateinische »sicera«, das griechische »sikera« und das hebräische »shekhar«
(= starkes Getränk) zurückgehen.

Großbritannien

London ehrt Stefan Zweig

84 Jahre nach seinem Tod wird der berühmte österreichische Schriftsteller Stefan Zweig in London geehrt. Dorthin war er 1936 vor den Nazis geflohen

 02.07.2026

Augsburg

Neue »Initiative Antisemitismuskritik & Theater« gegründet

Rund 60 Theaterschaffende haben in Augsburg ein neues Netzwerk gegen Judenfeindlichkeit ins Leben gerufen. Ihnen geht es etwa darum, antisemitismuskritische künstlerische Werke zu entwickeln. Und sie wollen expandieren

von Christopher Beschnitt  02.07.2026

Kulturkolumne

In der Hitze des Sommers

Zwischen Deutschland und Israel: Wenn die Luft sich nicht bewegt und die Zeit stillsteht

von Laura Cazés  02.07.2026

Thüringen

Achava-Festspiele: Dialog zwischen Religionen und Kulturen

Die Achava-Festspiele gehen mit mehr als 80 Veranstaltungen in ihre zwölfte Ausgabe. Neben Konzerten umfasst das Programm Ausstellungen, Filme, Vorträge, interreligiöse Begegnungen sowie Angebote für Familien und Schulen

 02.07.2026

Weimar

Ausstellung zeigt Verstrickung von Ärzten im NS-Staat

Die Weimarer Ausstellung »Systemerkrankung« skizziert ausgewählte Biografien von Medizinern im NS-Staat. Die Texte und Hörstationen ordnen dabei die Rolle der individuellen Verstrickungen, aber auch Widerstandshandlungen zwischen 1933 und 1945 ein

 02.07.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter  02.07.2026

Bachmannpreis

Sie ging – der Roman kommt

Die Autorin Slata Roschal las in Klagenfurt ihren Text »Es ist die Leichtigkeit, die den Herrn am Tisch von der Putzfrau unterscheidet«. Und sie verursachte einen kleinen Skandal

von Katrin Richter  02.07.2026

Programm

Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 2. Juli bis zum 9. Juli

 01.07.2026

Künstliche Intelligenz

Ich schreibe, also bin ich

Noch nie war es so einfach, Gedanken mit KI in Worte zu fassen. Doch was bedeutet das für unser Denken, unseren Journalismus und eine der grundlegendsten menschlichen Fähigkeiten?

von Nicole Dreyfus  01.07.2026