Chanukka

Schatullen voller Spielzeug

Dreidel in samtbezogenen Schatullen: Arthur Kurzweil mit einem Teil seiner Sammlung Foto: Bobby Dor Kurzweil

Chanukka

Schatullen voller Spielzeug

Der New Yorker Gelehrte, Genealoge und Zauberer Arthur Kurzweil besitzt eine Sammlung von mehr als 4000 Dreideln

von Jessica Donath  27.11.2021 17:22 Uhr

Wie es genau dazu kam, dass er sein Arbeitszimmer in Great Neck auf Long Island im Bundesstaat New York mit mehr als 4000 Dreideln teilt, kann sich Arthur Kurzweil nicht mehr erklären. Den ersten fand er vor etwa sieben Jahren auf einem Flohmarkt in Warschau. Dort lernte er Schatzsucher kennen, die mit Metalldetektoren umherlaufen und nach Objekten aus Edelmetall suchen, die sie dann verkaufen.

Schnell sprach sich unter ihnen herum, dass es in Amerika einen Mann gibt, der sich für das ansonsten wertlose Spielzeug aus Blei und Zinn interessiert. »Manchmal geschah eine Weile gar nichts, und dann kam plötzlich ein Paket mit 100 Dreideln«, sagt Kurzweil. In seinem Haus bewahrt Kurzweil die kleinen Kreisel in samtbezogenen Schatullen auf, wie sie Juweliere benutzen. »Statt Ringe und Schmuckstücke liegen bei mir die Dreidel in den kleinen Fächern«, erklärt er.

Den ersten Dreidel fand er auf einem Flohmarkt in Warschau.

Kurzweil sammelt auch Amulette. Die runden Anhänger sind etwa so groß wie Zwei-Euro-Münzen und sollten den Träger vor Gefahren schützen. »Mein Vater hatte als Kind Diphtherie«, sagt Kurzweil. Sein erstes von nunmehr etwa 50 Amuletten enthielt eine Inschrift, die den Träger vor dieser Krankheit schützen sollte.

enkelkinder Der fünffache Großvater freut sich schon seit Monaten auf Chanukka. Er will in diesem Jahr einige Dreidel aus seiner Sammlung nehmen und die ältesten seiner Enkelkinder an das traditionelle Spiel heranführen. »Die Vorstellung, dass die alten Dreidel wieder zum Leben erweckt werden, gefällt mir«, sagt Kurzweil. Einen Lieblingsdreidel hat er nicht. »Ich weiß nicht, was es ist, aber ich scheine süchtig zu sein nach Dreideln«, gesteht er lachend.

Durch das Leben des heute 70-Jährigen zieht sich seit Langem wie ein roter Faden das Bemühen um jüdische Geschichte. Der ausgebildete Bibliothekar hat als einer der Ersten systematisch jüdische Ahnenforschung betrieben. Mit dem Buch L’dor va’dor (Von Generation zu Generation) schrieb er den Leitfaden für jüdische Hobbygenealogen.

»Mein Vater war ein begnadeter Geschichtenerzähler«, erinnert sich Kurzweil. Die Neugier des Sohnes dem Judentum gegenüber konnten die assimilierten Eltern jedoch nicht befriedigen. So begann der Autodidakt als Student, viel über das Judentum zu lesen. »Je mehr ich lernte, desto mehr verliebte ich mich in die Religion«, erinnert er sich.

Anlässlich eines Vortrags vor jüdischen Genealogen mit dem Titel »Genealogie als spirituelle Pilgerfahrt« erzählte der bärtige Mann mit der Kippa auf dem Kopf, wie er bemerkte, dass er ein orthodoxer Jude war beziehungsweise so aussah. »Es war wie bei Franz Kafkas Verwandlung: Eines Tages wachst du auf und stellst fest, dass du eine Kakerlake bist.«

Durch das Leben des heute 70-Jährigen zieht sich seit Langem wie ein roter Faden das Bemühen um jüdische Geschichte.

Sich in eine religiöse Schublade stecken zu lassen, bereite ihm jedoch Unbehagen. »Ich kenne viele orthodoxe Juden, die keine Ahnung vom Judentum haben. Und auf der anderen Seite gibt es Reformjuden, die sehr religiös sind.« Er sei schlicht Jude.

KABBALA Der Buchmensch Kurzweil schrieb und verlegte mehrere Bücher über jüdische Themen und gilt inzwischen als Experte in Sachen Tora und Kabbala. Rabbiner wollte er jedoch nie werden.

»Ich habe viel Zeit damit verbracht, über jüdisches Leben, jüdische Geschichte und jüdische Theologie zu sprechen und zu schreiben. Ich denke, es hilft, dass ich kein Rabbiner bin«, schließt er. Seine Botschaft, dass jeder seinen spirituellen Weg finden könne, klinge glaubwürdiger, wenn sie von jemandem vorgetragen würde, der nicht Rabbiner ist.

In Kurzweils Leben spielte aber ein Rabbiner eine große Rolle. Ende der 70er-Jahre las er einen Aufsatz von Rabbiner Adin Steinsaltz und wollte den Gelehrten kennenlernen. Dank seiner in Archiven und Bibliotheken geschulten Recherchefähigkeiten fand Kurzweil dessen Adresse in Jerusalem heraus und schrieb ihm einen Brief. »Ich erhielt keine Antwort, aber fast ein Jahr später rief mich eine Frau an. Sie sagte, dass der Rabbiner nach New York käme, und sie fragte, ob ich am Mittwoch um zehn Uhr Zeit hätte.«

Selbstverständlich nahm sich Kurzweil Zeit für sein Vorbild. Bis zum folgenden Mittwoch dachte er über die wichtigsten Fragen seines Lebens nach. »Wir haben mehrere Stunden miteinander verbracht und sind zu neun der elf Fragen gekommen«, freut sich Kurzweil noch Jahrzehnte später.

TAUSENDSASSA Neben seinen Aktivitäten als Autor, Lektor und Vortragsreisender zaubert der Tausendsassa. »Mein Interesse an der Zauberei hat eine starke Verbindung zur jüdischen Theologie«, sagt er. Er habe recherchiert, um zu verstehen, was das Judentum über das Thema sagt. Demnach sei die einzige Voraussetzung, dass die Zuschauer nicht denken, ein Zauberer habe besondere Fähigkeiten, die nur Gott vorbehalten sind.

Auch die Liebe zur Zauberei führt Kurzweil auf den Einfluss seines Vaters zurück. Der zeigte ihm in der dritten Klasse einen Trick, bei dem man aus einem Penny (Cent) einen Dime (zehn Cent) macht. »Das fand ich ziemlich cool«, erinnert sich Kurzweil.

Auch die Liebe zur Zauberei führt Kurzweil auf den Einfluss seines Vaters zurück.

Sein Interesse an der (jüdischen) Vergangenheit hat mitunter Auswirkungen auf die Zukunft. Im Zuge seiner Ahnenforschung reiste Kurzweil viele Male nach Dobromyl, dem Geburtsort seines Vaters. Das Dorf mit etwa 4000 Einwohnern liegt heute in der Ukraine.

spielplatz Er freundete sich mit dem Bürgermeister und mit der Englischlehrerin der örtlichen Schule an. Als er feststellte, dass es dort keinen Spielplatz gab, spendete er kurzerhand 15.000 Dollar aus eigener Tasche. An dem Spielplatz hängt nun ein Schild, das den Nutzern mitteilt, dass sie auf einem »Geschenk der Familie Kurzweil an die Kinder von Dobromyl« herumturnen.

Darüber hinaus verhalf er der Schule zu besseren Lehrmitteln und Computern. »Sie hatten dort einen Globus, auf dem Dobromyl immer noch in der Sowjetunion lag!«, entrüstet sich Kurzweil.

Als er eine Crowdfunding-Kampagne für die Schule begann, äußerten einige ihr Missfallen über seinen Einsatz für ukrainische Kinder in einem Dorf ohne eine einzige jüdische Familie. Solche Fragen befremden den praktizierenden Juden.

»Ich fühle mich diesen Leuten verbunden«, sagt er. »Im Kern sind wir doch alle Menschen.« Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, sei ein schönes Prinzip, nach dem er sich weiterhin orientieren werde.

Köln/Murwillumbah

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