Wuligers Woche

Schacher, Geld und Eigennutz

Säulenheiliger: Auch die revoltierenden Studenten der 68er-Bewegung beriefen sich auf Karl Marx. Foto: Getty Images

Wer in der Gegenwart versagt, sucht Trost in der Vergangenheit. Linke in Deutschland haben aktuell politisch wenig Grund zur Freude. Der Trend geht in die andere Richtung, nach rechts. Der Linken bleiben dafür ihre Jubiläen. Die 68er-Bewegung wird 50. Und vor 200 Jahren – am 5. Mai 1818 – kam Karl Marx zur Welt, auf den die revoltierenden Studenten sich beriefen.

Symposien, Talkshows und Feuilletonartikel zum Thema »Wie 68 und Marx die Welt veränderten« sind mit Sicherheit schon konzipiert. Ein Aspekt wird freilich kaum zur Rede kommen: wie nämlich Studentenbewegung und Marxismus den Antisemitismus wieder hoffähig machten.

linken-hochburg Marburg, wo ich 1969 anfing, Politikwissenschaft zu studieren, war eine Hochburg der Linken. Marx war dort Pflichtlektüre im Grundstudium. Nun hat der Mann bekanntlich viel geschrieben. Die Marx-Engels-Werkausgabe umfasst 44 Bände. Aus deren insgesamt mehr als 33.000 Seiten hatte man für die Erstsemester mit sicherem Griff einen Text herausgegriffen: »Zur Judenfrage«.

Dort lasen die angehenden Sozialkundelehrer: »Welches ist der weltliche Grund des Judentums? Das praktische Bedürfnis, der Eigennutz. Welches ist der weltliche Kultus des Juden? Der Schacher. Welches ist sein weltlicher Gott? Das Geld.« Und weiter: »Wir erkennen also im Judentum ein allgemeines gegenwärtiges antisoziales Element (…). Die Judenemanzipation in ihrer letzten Bedeutung ist die Emanzipation der Menschheit vom Judentum.«

Hannah Arendt hat »Zur Judenfrage« als »klassisches Werk des Antisemitismus der Linken« charakterisiert. Man kann auch sagen: ein klassisches Werk des Antisemitismus. Punkt. Es ist kein Zufall, dass ein bekennender Neonazi wie Horst Mahler sich in seinen judenfeindlichen Pamphleten immer wieder auf »Zur Judenfrage« beruft. Sätze wie dort waren bis dahin an deutschen Universitäten nach 1945 tabu gewesen. Die alten Professoren, viele von ihnen mit brauner Vergangenheit, hielten sich, jedenfalls öffentlich, mit Äußerungen dieser Art zurück.

enttabuisierung Die Linken dagegen waren unbekümmerter. Antisemitismus? Konnte nicht sein: Man war schließlich antifaschistisch. Und war nicht Marx selbst Jude gewesen? Überhaupt: Auschwitz hatte die Generation davor zu verantworten, mit der die 68er hart ins Gericht gegangen waren. Die Gnade der späten Geburt paarte sich mit der Nonchalance des fortschrittlichen guten Gewissens. Und nicht zufällig ging die linke Enttabuisierung der Judenfeindschaft mit Israelhass Hand in Hand.

Meine Kommilitonen von damals gingen später an die Schulen oder in die Medien. Vom Marxismus blieb bei ihnen meistens wenig übrig. Anders das, was sie an der linken Universität über Juden gelernt hatten. So oder ähnlich kannten viele es schon von zu Hause. Und so gaben sie es, progressiv verpackt, weiter an ihre Schüler oder Leser. Man nennt das Tradition. 50 Jahre 68er, 200 Jahre Marx: Zu feiern gibt es da wenig.

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