Liebesgeschichte

Rückwärts ins Vergessen

Liebesgeschichte

Rückwärts ins Vergessen

Frankreichs literarische Überfliegerin Eliette Abécassis präsentiert einen Roman ohne größere Überraschungen

von Sophie Albers Ben Chamo  16.10.2024 12:34 Uhr

Vielleicht bin ich dieser Tage etwas ungnädig, aber bei der Erschaffung einer Welt aus Buchstaben, also dem Ausstaffieren literarischer Räume, die den Leser dazu einladen sollen, sich im Universum eines Romans zu verlieren, interessiert es mich nicht wirklich, ob der Cashmere-Pullover einen runden oder einen V-Ausschnitt hat, ob das Twinset beige oder pastellgelb, ob Rock oder Hose aus leichter Baumwolle oder Leinen sind, ob das Auto ein typisch französischer Renault oder eine typisch französische Ente ist und ob man nun ins »Café de Flore« oder doch lieber ins »Deux Magots« geht.

Es stört mich sogar, wenn das alles für die Geschichte offensichtlich nicht von Bedeutung ist, und ich fange an, mich über die Häufung von Oberflächenbeschreibungen zu ärgern. Und schließlich bleibe ich sogar an den Oberflächen der Figuren hängen und frage mich, warum ich denn 175 Seiten mit ihnen verbringen soll, wenn anderswo deutlich tiefgehendere Charaktere auf mich warten. Aber wie gesagt, vielleicht liegt es ja an mir.

Ich muss gestehen, dass ich mit den Hauptfiguren in Eliette Abécassisʼ neuem Roman Bevor wir uns vergessen – ihr 25. Buch übrigens – tatsächlich so gar nicht warm geworden bin, was bei einer Liebesgeschichte durchaus ein Problem darstellt. Schon auf den ersten Seiten der Geschichte von Jules und Alice, die sich erstmals 1955 im Jardin du Luxembourg in Paris treffen und sich 2022 am gleichen Ort nicht mehr wiedererkennen, musste ich an eine andere Geschichte über den Kampf der Liebe gegen das Vergessen im Alter denken, und zwar Wie ein einziger Tag von Nicholas Sparks, wovon ich natürlich nur die grandiose Verfilmung gesehen, aber diese nie vergessen habe. Aber zurück zu Jules und Alice.

Beim Lesen schimmert immer wieder das Reißbrett durch, an dem die Geschichte geplant worden zu sein scheint.

Deren Liebe wird in 14 Lebensstationen beschrieben und verhandelt, zusammengehalten von einer Parkbankszene und einem Liebesbrief. Grundsätzlich ist das eine schöne Idee, die Geschichte mithilfe verwobener Referenzen zu entwickeln. Der Leser arbeitet sich dabei rückwärts an die Quelle der Liebe heran, versucht zu vergessen, was er schon weiß. Das klappt natürlich nicht, füllt die unschuldigen Anfänge aber mit den Höhen und Tiefen des Ehelebens – und das alles zeitlich verortet durch historische Ereignisse im Hintergrund.

Doch schimmert beim Lesen immer wieder das Reißbrett durch, an dem die Geschichte geplant worden zu sein scheint. Und auch wenn Abécassis darin sicher eine Meisterin ist, geht es in diesem Fall, wie gesagt, zu sehr auf Kosten der Tiefe. Zu guter Letzt zwei Dinge: Am Ende wird dem Leser eine Holocaust-Backstory um die Ohren gehauen, das einem Hören und Sehen vergeht – aber dann ist das Kapitel auch schon wieder vorbei.

Und schließlich habe ich mich Folgendes gefragt: Wenn am Ende meines eigenen, hoffentlich ebenso langen, erfüllten Lebens gerade einmal so eine kurze Kompilation stehen sollte, hätte ich etwas falsch gemacht und müsste ergo dringend einiges ändern. In manchen Fällen wäre ja genau das dann wieder eine positive Folge der Lektüre.

Eliette Abécassis: »Bevor wir uns vergessen«. Roman. Aus dem Französischen von Kirsten Gleinig. Arche, Zürich 2024,
175 S., 22 €

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