»Fast ein neues Leben«

Risse im Spiegel

Foto: Julia von Vietinghoff

»Fast ein neues Leben«

Risse im Spiegel

Anna Prizkaus Erzähldebüt führt in die Welt jener Zuwanderer, die in den 90er-Jahren nach Deutschland kamen

von Marko Martin  01.10.2020 11:35 Uhr

Seit Jahren zählen die Reportagen und Kommentare von Anna Prizkau, nachzulesen in der »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung«, zu den besten Texten eines literarischen Journalismus, der nicht breitbeinig auf der Epigonenspur von Truman Capote und Tom Wolfe wandelt und sich gleichzeitig feinziseliert-larmoyanter Selbstbespiegelung verweigert.

Hier schreibt eine junge Frau, geboren 1986 in Moskau, die dann in den 90er-Jahren hierzulande ein Deutsch lernte, das bis heute seine spezielle Färbung beibehalten hat: keine Sprache nämlich, die beherrscht sein will und prunken möchte, sondern eine Art staunendes Vertrauen in die Schönheit transparenter Sätze und genauer Beobachtungen.

Prosa Jetzt ist mit dem schmalen, konzisen Band Fast ein neues Leben Anna Prizkaus Erzähldebüt erschienen, 100 Seiten hoch konzentrierter Prosa, der ebenfalls eine große Verwunderung über die Dinge des Lebens eingeschrieben scheint, dazu eine kluge Distanz und ein faires Zögern vor allzu schnellen Bewertungen.

Was nämlich ist besser, »das alte Land«, dem die Familie aus offenbar nichtpolitischen Gründen den Rücken gekehrt hatte, oder das »neue Land«, in dem es jedoch ganz offenbar keine Theodor Herzl’sche »Altneuland«-Symbiose gibt, sondern stattdessen eine Mutter, die sich im Bad einschließt, um dort leise zu weinen, ehe sie perfekt geföhnt und geschminkt wieder heraustritt?

Still ist es in diesen Erzählungen, obwohl doch pausenlos Explosionen stattfinden.

Die Ich-Erzählerin – als Kind, als Jugendliche, als junge Frau – verwandelt ihr Unbehagen, eine Beobachterin oftmals trister Alltagsgeschehnisse zu sein, in eine präzise Lakonie, die ahnen lässt, bei wem Anna Prizkau in die literarische Schule gegangen ist: gewiss nicht bei der hochverfahrend-zerknirscht mäandernden Christa Wolf oder beim Megäre-Sound einer Elfriede Jelinek, sondern wohl eher bei illusionslosen und dennoch humanen Menschenkennern wie Katherine Mansfield, Tania Blixen, Anton Tschechow oder Alice Munro.

In deutscher Sprache war zuletzt eine vergleichbare Sprachmelodie bei Barbara Honigmann zu finden. Anna Prizkaus Erzählband aber ist auch deshalb originär, weil hier die Geschichten um Anpassung, Mimikry und verleugnete Herkunftsidentitäten nicht im hochfahrenden Theoriesprech einer aktuellen »Identitätspolitik« abgehandelt werden, sondern zu Szenen fortgesetzter Verunsicherung führen, die beim Lesen sofort sinnfällig vor Augen stehen.

Etwa die mürrische Frau im Papierwarenladen, die zum Mädchen »Na, du kleiner Ausländer« sagt – meint sie es tatsächlich gut oder eher böse? Und was bedeutet »A5« – eine am ersten Schultag von der Lehrerin geforderte Heftgröße oder etwas ganz anderes? »A5, HB, B4 – ich dachte sofort an die Panzer, die kurz vor unserem Umzug durch unser altes Land gefahren sind, die meine Eltern und mich erschreckten, weil wir nicht wussten, was sie zu bedeuten hatten. Das Fernsehen sagte zuerst nichts. Am Tag, als diese Panzer kamen, war das Bild schwarz.«

migration Nur ein paar Jahre später wird das Mädchen nachmittägliche »Gerichtsshows« im bundesdeutschen Privatfernsehen schauen, wenn der Vater vom Penny-Markt heimkommt, die Mutter wieder einmal geweint hat oder einen Anruf von ihrem »Boss« erhält, in dessen Büro sie arbeitet, arbeiten muss, da Vaters Arbeitslohn nicht ausreicht, obwohl da ja vielleicht auch noch etwas anderes ist, eine Erwachsenengeschichte, deren mögliche Konsequenzen sich das älter werdende Kind gar nicht vorstellen möchte.

Still ist es in diesen Erzählungen, obwohl doch pausenlos Explosionen stattfinden. Geschichten von unwillentlichem Verrat an anderen Migrantenkindern oder vom Russischinteresse des Vaters einer Schulfreundin, der mit den am abendlichen Küchentisch neu erlernten Vokabeln seine heimliche Geliebte beeindrucken möchte.

Oder die Verrenkungen, um einem anfangs bewunderten Schulfreund (der sich später ebenfalls als verängstigtes Kind herausstellt) nah zu bleiben und ihn gleichzeitig fernzuhalten: »Am Wochenende wollte Marcel, dass wir zu mir zum Fernsehen gingen. Ich sagte, wir hätten Bauarbeiter da. Das sagte ich immer, weil ich nie wollte, dass er, dass überhaupt jemand zu mir nach Hause kam, zumindest an den Tagen, an denen meine Eltern da waren. Denn in der Schule wusste kein Mensch, dass meine Eltern keine Deutschen waren, und ich wollte nicht, dass jemand es erfuhr. Schon ein ›Wie geht’s?‹ aus dem Mund meiner Mutter, aus dem Mund meines Vaters hätte es verraten, hätte mich enttarnt.«

Wo andere einen Roman von polyphonem Getöse gezimmert hätten, reichen Prizkau wenige Seiten.

Fast zu viel der frühen Bruch-Erfahrungen für eine Heranwachsende, die nun als mittdreißigjährige Autorin ihre Sprache, ihre Perspektive für solches Erleben gefunden hat – eine geradezu sensualistische Detailgenauigkeit, jedoch keine naive Ding-Ästhetik.

Nicht vorschnell zu werten, bedeutet keine Indifferenz, im Gegenteil: Auch die Ich-Erzählerin hatte einst ja anderen Schmerz zugefügt, sei es im Verschweigen ihrer Herkunft (und in der Panik, zurückgestoßen zu werden) oder in der selbsthasserischen Rache an einem jungen indischstämmigen Aufsteiger, der sich von seinen Eltern durch das Ablegen seines Turbans emanzipiert und danach in einer WG von aristokratischen Schnöselstudenten landet, die die NS-Verstrickung ihres Fabrikanten-Vorfahren kaschieren.

TROST Und siehe da, ein erneutes Wunder: Wo andere sogleich einen Roman oder ein Theaterstück voll von polyphonem Getöse gezimmert hätten, genügen Anna Prizkau wenige Seiten. In einer der Erzählungen schmeißt das Kind das allzeit summende Motorola-Handy ihrer Mutter gegen den goldgerahmten Sperrmüllspiegel, den der Vater irgendwann vor dem Haus gefunden hatte.

»Obwohl der Spiegel ganz blieb, zeichneten sich auf seiner Fläche scharfe Risse ab.« Darin, schmerzend konturiert, Deutsche und Russen, Juden und Nichtjuden, Einheimische und sogenannte »Zugezogene«. Gerade deshalb aber geht von diesem Buch ein nicht-kitschiger, geradezu strenger Trost aus: Menschen, die auf diese Weise beschreibbar sind und keine Schemen bleiben, sind gewiss noch nicht verloren – trotz alledem und alledem und alledem.

Anna Prizkau: »Fast ein neues Leben«. Matthes & Seitz, Berlin 2020, 111 S., 18 €

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