Finale

Raffaelas X-Faktor

Auf der ganz großen Bühne: Raffaela Wais Foto: VOX / Frank Hempel

Auf der Internetseite des Touro College Berlin stand in den vergangenen Tagen: »Wir fiebern mit unserer Studentin Raffaela Wais bei X Factor!« Normalerweise finden sich hier Informationen über Seminare und Ringvorlesungen. Jetzt aber drückt die Hochschule ihr die Daumen und bittet, »ihre Endziffer -02« zu wählen.

TV-Castingshows und ihre Kandidaten stoßen sonst kaum auf Interesse im akademischen Raum. Hier ist es anders. Denn die 22-Jährige, die sich sogar ins Finale des Wettbewerbs beim Fernsehsender Vox gesungen hat, studiert an der amerikanischen Hochschule Betriebswirtschaft, mit Bachelor-Abschluss in Management.

Vor ein paar Wochen hat Raffaela Wais vorübergehend das Studierzimmer mit dem Fernsehstudio vertauscht. Seitdem hat sie die Zuschauer und die Jury – bestehend aus Sängerin Sarah Connor, Trompeter Till Brönner und Rapper Das Bo – in acht Live-Shows begeistert. Mit Liedern wie »Single Ladies« von Beyoncé oder »Someone like You« von Adele konnte sie überzeugen und hat sich damit selbst einen Traum erfüllt: »Ich wollte unbedingt ins Finale.«

Stolz Von anfangs über 25.000 Talenten kam sie unter die letzten vier. Ein Riesenerfolg für die junge Frau. Und eine große Freude für die ganze Familie, die zu jeder Show nach Köln reiste: Mutter Dana, Schwester Evita und Vater Boris: »Wir sind so stolz, dass Raffaela die Menschen in unserem Land begeistern kann.«

Raffaela Wais ist in Berlin geboren, ihre Mutter stammt aus Lettland, der Vater aus der Ukraine. Sie besuchte die Grundschule in der Delbrückstraße, später das Jüdische Gymnasium in der Großen Hamburger Straße. Im Jugendzentrum der Jüdischen Gemeinde war sie eine zeitlang aktiv, »danach hatte ich leider keine Zeit mehr dazu«.

Gesungen hat sie schon als kleines Mädchen. Aber öffentliche Auftritte waren damals noch nicht ihr Ding. »Dafür war ich noch viel zu schüchtern«, erinnert sie sich. Im Kinderensemble »Bim-Bam«, in dem sie drei Jahre mitwirkte, schnupperte sie erste Bühnenluft, zum Beispiel bei Veranstaltungen im Gemeindehaus in der Fasanenstraße. Es folgte privater Gesangsunterricht und der Wunsch, mit der Musik einmal richtig Erfolg zu haben.

Machane Nur bestanden die Eltern erst einmal »auf einer anständigen Ausbildung«. So fiel die Entscheidung für das Studium. Daneben blieb aber auch immer etwas Zeit für einige Auftritte vor der Kamera. »Bis jetzt hatte ich nur kleine Nebenrollen, aber auch die Schauspielerei macht mir großen Spaß.« Tipps kann ihr dabei Seriendarstellerin Susan Sideropoulos geben. Die beiden haben sich vor einigen Jahren auf einer Machane der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Bad Sobernheim kennengelernt. Seitdem sind sie eng befreundet.

Dass sich Raffaela Wais überhaupt als Kandidatin für die Castingshow bewarb, hat sie Freunden und Familienmitgliedern zu verdanken. »Die haben mich richtig gepusht. Ich dachte zunächst, okay, ich mache mit, bis ich ausscheide, dann habe ich wenigstens meine Ruhe.« Aber das genaue Gegenteil trat ein.

Auftritte, Proben, Gespräche mit Radiosendern, Fotos für Zeitungen, Fernsehaufnahmen in der elterlichen Wohnung in Berlin. Sie hat gelernt, mit dem Trubel umzugehen. Beim Telefoninterview am späten Abend entschuldigt sie sich sehr freundlich, »vielleicht schon etwas müde zu klingen«. Aber sie sei rundum zufrieden: »Es ist für mich eine Ehre, dass sich so viele Menschen für mich interessieren. Ich bin der glücklichste Mensch der Welt.«

Und Glück kommt nicht von allein. Raffaela setzt auch auf ihren Glauben. »Ich habe inzwischen begonnen, Schabbatkerzen zu zünden und Kaschrut zu halten, soweit es möglich ist«, verrät sie.

Glamour Häufig telefoniert sie jetzt auch mit dem Berliner Rabbiner Yehuda Teichtal. »Das ist eine große Unterstützung. Und die Gebete geben mir Kraft, Stärke und Mut.« Hat Religion inmitten von Glanz, Glimmer und Scheinwerferlicht einen Platz? »Das passt auf jeden Fall mit hinein«, ist sich die junge Frau sicher.

Offenbar hat das am Dienstagabend auch geholfen. Die hübsche Kandidatin mit den dunkelbraunen Haaren und den braungrünen Augen begeistert erneut, unter anderem im Duett mit der amerikanischen Sängerin Kelly Rowland. Ganz zum Schluss schafft es Raffaela Wais auf den zweiten Platz.

Wie es nun nach diesem Erfolg im richtigen Leben weitergeht? »Für mich war das ein großer Schritt. Auf jeden Fall mache ich weiter Musik.« Und, das ist ihr wichtig, das Studium setzt sie fort. »Ich werde es auf jeden Fall zu Ende bringen. Auch wenn es jetzt vielleicht etwas länger dauert. Ich habe noch etwa zwei Jahre bis zum Bachelor.« Raffaela Wais geht ihren Weg – vom Köln-Ossendorfer Fernsehstudio zurück zum Hochschulcampus in Berlin-Charlottenburg.

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