Gespräch

Radikal elitär

George Steiner ist in Europa präsent. Aber in der Gegenwart absent. Woran liegt es, dass er zum Gerücht geworden ist? Daran, dass der im Jahr 1929, und zwar am 23. April, dem Todestag Shakespeares, geborene Gelehrte jüdisch-österreichischer Herkunft in vier Sprachen lehrte, an Universitäten in der französischsprachigen Schweiz, in Großbritannien, in den USA und in Frankreich, zudem noch als Gastprofessor in Kalifornien und in China? Daran, dass er sich jeglicher Bildung einer Entourage entschlug und die Entwicklung der Geisteswissenschaften seit 1980, vor allem den französischen Strukturalismus und Poststrukturalismus, harsch be- und so scharf wie scharfsinnig verurteilt hat?

Daran, dass er konsequent und lebenslang sich als radikal Elitärer nur für die höchsten Höhen der europäischen Literatur, Kultur und Musik, die in Ein langer Samstag viel Platz einnimmt, interessiert hat und im Gegensatz etwa zum jüngst verstorbenen Umberto Eco an allen Ausprägungen der »low culture« auf eigensinnige Art vollkommen desinteressiert geblieben ist? Oder daran, dass ihm in die Höhenzüge der kulturellen Hervorbringungen mit gleicher Geschicklichkeit nur wenige zu folgen bereit, ja überhaupt dazu in der Lage sind? Denn wer beginnt schon seinen Tag mit Parmenides-Lektüre, wie das Steiner in seinem achteckigen Arbeitsraum in seinem Haus im englischen Cambridge gewöhnlich tut?

Besuch Die französische Journalistin Laure Adler besuchte ihn mehrfach dort. Sie führten Gespräche, die mitgeschnitten wurden. Die Transkriptionen wurden gemeinsam bearbeitet und in Buchform gebracht. Es ist eine graziöse Konversations-Promenade durch sein Leben, das von Wien, woher seine kosmopolitischen Eltern stammten, nach Paris, seiner Geburtsstadt, weiter nach Amerika, von dort nach Großbritannien und nach Tätigkeit beim altehrwürdigen britischen wirtschaftsliberalen Wochenmagazin »The Economist« an prestigereiche Forschungseinrichtungen und an Hochschulen führte.

Es ist ebenfalls ein anregendes, angeregtes, intelligentes Promenieren durch George Steiners Lebens- und Werkthemen: Sprache, Lektüre und Exegese der Lektüre von Antigone über Shakespeare, Tolstoi, Dostojewski bis zu Marx, Heidegger und Paul Celan; die rabiate Ablehnung der Psychoanalyse, Antisemitismus und seine harsche Kritik an der Existenz des Staates Israel und seine kulturalistische Unterscheidung von Judaismus und Israel.

Vor allem letztere wird auch in diesem Gespräch nicht logischer und nicht verständlicher. Was auch daran liegt, dass Laure Adler, die Pariser Hörfunk- und TV-Journalistin und Verlagslektorin mit guten Verbindungen in die Politik, die vor einigen Jahren eine umfangreiche Biografie von Marguerite Duras veröffentlichte, zu wenig insistierend nachhakt.

Dass dieser jüngste Band nicht von Steiners deutschen Stammverlagen publiziert wird, nicht von Suhrkamp, jenem Haus, dem er einst, in den 70er-Jahren, das Strahlwort der »Suhrkamp-Kultur« schenkte und das noch 2014 als Taschenbuchkassette fünf seiner wichtigsten Veröffentlichungen bündelte, noch vom Carl Hanser Verlag, in dessen Reihe »Edition Akzente« in den letzten 20 Jahren seine durchaus lebhafte Debatten auslösenden Essaysammlungen Von realer Gegenwart und Die Logokraten wie auch sein Buch über Martin Heidegger erschienen sind, sondern vom Hoffmann und Campe Verlag herausgebracht wird, verwundert etwas. Weist doch das Umfeld von Ein langer Samstag – die Kriminalromane Ulrich Wickerts, die Romane eines Christopher Isherwood, im Sachbuchsegment Monografien über Putin oder die Autobiografie des Schauspielers Armin Mueller-Stahl – nur dezent wie punktuell intellektuelle Verbindungspunkte auf zu diesem Band.

Heidegger Es ist auch sehr zu bedauern, dass der Hoffmann und Campe Verlag George Steiner für die deutsche Ausgabe nicht um ein aktualisiertes Postskriptum vor allem zu seinen Ausführungen über Martin Heidegger bat. Diesen preist er nämlich im Gespräch mit Laure Adler unverdrossen exkulpierend und mit Munterkeit in hohen Tönen und zeiht samt und sonders dessen Ehefrau Elfriede des hartleibigen Nationalsozialismus – dabei sind ja 2014 Heideggers 1300 Seiten umfassende Schwarze Hefte endlich ediert worden, Aufzeichnungen, die noch den letzten, lange mythisch umflorten Zweifel über das tiefsitzende und tiefraunende Versunkensein des Philosophen aus Meßkirch in krassen rassistischen Ressentiments beseitigten.

Gegen Ende erkennt man auf etwas unleidlich stimmende Art und Weise eine markante Umfangsvorgabe seitens des Originalverlags Flammarion. Denn sowohl das Thema der Sterbehilfe wie die von Steiner als essenziell eingestufte enge Beziehung zu Tieren werden lediglich angetippt.

Es ist eine erstaunlich zugängliche Einführung in das Leben und Denken dieses wahrhaft letzten polyglotten und tatsächlich letzten großen Kultur-Europäers. Und im Gegensatz beispielsweise zu der Lektüre von George Steiners Band Gedanken dichten, der 2011 auf Deutsch erschien, benötigt man hier auch keine umfangreichen Enzyklopädien, um dem Gang der Argumentation folgen zu können.

George Steiner: »Ein langer Samstag. Ein Gespräch mit Laure Adler«. Übersetzt von Nicolaus Bornhorn. Hoffmann und Campe, Hamburg 2016, 160 S., 20 €

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