Literatur

Pulitzer-Preis für Joshua Cohen

Hat bereits sechs Romane veröffentlicht: Joshua Cohen. Foto: imago/Independent Photo Agency

»Ein Bericht über eine unbedeutende und letztendlich vernachlässigbare Episode in der Geschichte einer sehr berühmten Familie« lautet der skurrile Untertitel des neuen Buchs von Joshua Cohen. Dafür erhielt der jüdische Autor aus New Jersey nun den renommierten Pulitzer-Preis in der Kategorie »Fiction«.

In ihrer Begründung nannte die Jury das Buch einen »ätzenden, sprachlich gewandten historischen Roman über die Ambiguität der jüdisch-amerikanischen Erfahrung«. In einem wilden Mix aus Fantasie und Fakt bespricht Cohen die großen Fragen nach Identität, Zukunft und Vergangenheit des Judentums in der Diaspora.

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Die titelgebende »berühmte Familie« ist die der Netanjahus, deren bekanntester Spross der langjährige israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu ist, und die Episode ist eine Begebenheit des Jahres 1960, die sich so oder so ähnlich tatsächlich in einem College an der Ostküste der USA zugetragen haben soll.

ASSIMILATION Dabei stehen die Netanjahus für den größten Teil des Romans gar nicht im Zentrum der Handlung. Hauptprotagonist ist Ruben Blum, ein jüdischer Historiker, der 1922 in der Bronx geboren wurde und mit seiner Familie stellvertretend für den Teil des US-amerikanischen Judentums steht, der sich für die Assimilation und gegen die Pflege jüdischer Eigenarten entschieden hat.

Die Gegenthese tritt schließlich im letzten Drittel des Romans in Person von Benzion Netanjahu, Vater von Benjamin und seinen beiden Geschwistern, auf. Der ist ebenfalls Historiker, kommt aber zu einem ganz anderen Ergebnis als Blum: Die jüdische Diaspora hat keine echte Zukunft. In der »vernachlässigbaren Episode«, in der die Familien Netanjahu und Blum zusammentreffen, kommt es zur Konfrontation der beiden Sichtweisen.

VOLK Wie der 41jährige Cohen im Nachwort des Romans preisgibt, geht diese Anekdote auf den berühmten, mittlerweile verstorbenen, Literaturwissenschaftler Harold Bloom zurück, der mit Benzion Netanjahu bekannt gewesen ist. Für Cohen hat die über ein halbes Jahrhundert zurückliegende Begegnung eine sehr aktuelle Bedeutung: »Was ist dein Volk? Wer ist dein Stamm? Wer sind deine Alliierten«, fragte er in einem Interview mit dem jüdischen Pop-Magazin »heyalma«. »Diese Fragen sind in einem merkwürdigen amerikanischen Kontext wieder zu uns zurückgekommen.«

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Von jüdischen Kritikern in den USA wurde Cohens sechster Roman überwiegend positiv aufgenommen. Unter anderem erhielt er für »The Netanyahus« den Buch-Preis des Jewish Book Council 2021. Deren Jury nannte das Buch einen »brillanten neuen Roman«, der »die starken Spannungen innerhalb der jüdischen Identität einfängt«.

»The Netanyahus« ist bisher noch nicht in deutscher Sprache erschienen. Doch für Interessierte und Fans des Autoren gibt es auch auf dem hiesigen Buchmarkt etwas zu finden. So erschien erst dieses Jahr die deutsche Übersetzung seines 900 Seiten starken Roman »Witz«. js

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