Literatur

Pazifist und Visionär: Theodor Lessing vor 150 Jahren geboren

Porträt von Theodor Lessing Foto: imago images/Artokoloro

Literatur

Pazifist und Visionär: Theodor Lessing vor 150 Jahren geboren

Der deutsch-jüdische Philosoph Theodor Lessing wurde acht Monate nach der Machtübernahme der Nazis ermordet

von Christina Sticht  07.02.2022 08:57 Uhr

Er gründete bereits 1908 einen Anti-Lärm-Verein, warnte 1930 vor Umweltzerstörung und fürchtete den Klimawandel. Der Kriegsgegner Theodor Lessing sah das Unheil des Nationalsozialismus voraus und wurde eines der ersten Opfer der NS-Diktatur. Ende August 1933 ermordeten sudetendeutsche Nationalsozialisten den Philosophieprofessor aus Hannover im tschechischen Exil. Bereits 1925 hatten völkische Studenten eine antisemitische Hetzkampagne inklusive Mordaufrufe gegen den jüdischen Publizisten gestartet, in dessen Folge er gezwungen wurde, seine Lehrtätigkeit an der Technischen Hochschule aufzugeben.

Heute steht Theodor Lessing neben den Namen anderer in der NS-Zeit verfolgter Hochschulangehöriger auf einer Gedenkwand im Lichthof der Leibniz Universität Hannover. Am ehemaligen Wohnhaus gibt es erst seit wenigen Jahren eine Gedenktafel und zwei Stolpersteine, die an den Intellektuellen und seine Frau Ada erinnern, die 1919 gemeinsam eine Volkshochschule gründeten. Lessing zählt zu den prägenden politischen Publizisten der Weimarer Republik, ist aber heute fast vergessen. Gedenkveranstaltungen seien aufgrund der Pandemie abgesagt worden, sagt Rainer Marwedel, der sich seit über 35 Jahren dem Leben und Werk von Theodor Lessing widmet. 

BÜCHER Anlässlich des 150. Geburtstag am 8. Februar 2022 hat der Bremer Donat Verlag das Buch »Einmal und nie wieder – Lebenserinnerungen« neu aufgelegt. Im Göttinger Wallstein Verlag sind unter dem Titel »Kultur und Nerven. Kleine Schriften 1908-1909«, zwei Lessing-Bände erschienen, herausgegeben von Marwedel. 

»Theodor Lessings Werk ist vor allem in den kleinen Schriften noch nicht erschlossen«, sagt Wallstein-Verleger Thedel von Wallmoden. »Spannend ist für mich sein politisches und gesellschaftliches Sensorium.« Seine kulturpsychologischen Überlegungen seien sehr interessant: »Lessing prägte den Begriff des jüdischen Selbsthasses. Was macht es mit einer Minderheit, wenn sie ständigen Anfeindungen der Mehrheitsgesellschaft ausgesetzt ist?« Seine Kulturkritik sei keine Moderne-Kritik, sondern eine Kritik an den zerstörerischen Aspekten der Moderne. 

Schon 1930 kritisierte Lessing in Beiträgen für das »Prager Tagblatt« das »Abholzen der Wälder« in Kalifornien oder Texas sowie den »Kohlendunst der Riesenstädte«. Lessing schrieb: »An unserem Erdglobus ändert sich etwas. Es kommt eine Verschiebung des Klimas, welches vielleicht die Lebensweise, den Beruf und die Arbeit vieler Menschen ändern wird.« 

WEITSICHT Welche Weitsicht der Autor hatte, zeigt auch sein Porträt über Paul von Hindenburg anlässlich dessen Kandidatur zum Reichspräsidenten. Hindenburg sei ein repräsentatives Symbol, ein Fragezeichen, ein Zero, schrieb Lessing 1925. »Man kann sagen: besser ein Zero als ein Nero. Leider zeigt die Geschichte, daß hinter einem Zero immer ein künftiger Nero verborgen steht.« Acht Jahre später habe die Null Hindenburg (Zero) den Brandstifter Adolf Hitler (Nero) zum Reichskanzler ernannt, erläutert der Historiker Michael Pechel.

Lessing war ein unabhängiger Denker. Er eckte an, war polemisch, schuf sich Feinde, darunter den berühmten Schriftsteller Thomas Mann. 1924 begleitete er als Reporter den Prozess gegen den Serienmörder Fritz Haarmann, den er nicht als Bestie, sondern als Produkt der nach dem Ersten Weltkrieg verrohten Gesellschaft beschreibt. Nach Kritik an Polizei und Justiz wurde Lessing von dem Prozess ausgeschlossen. Seine Analyse veröffentlichte er in dem Buch »Haarmann – Die Geschichte eines Werwolfs«, das später als Inspiration für Filme über den Serienmörder aus Hannover diente. 

Brigitte Macrons Ausfall gegen Aktivistinnen entfacht eine landesweite Debatte.

Frankreich

First Lady an Abittans Seite – und gegen Feministinnen

Brigitte Macrons Ausfall gegen Feministinnen wirft ein Schlaglicht auf Frankreichs Umgang mit Protest, sexueller Gewalt und prominenten Beschuldigten.

von Nicole Dreyfus  11.12.2025

Fotografie

Über die Würde des Unangepassten

Der Berliner Gropius Bau widmet Diane Arbus eine umfangreiche Retrospektive

von Bettina Piper  11.12.2025

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

 11.12.2025

Reykjavik

Auch Island boykottiert jetzt den ESC

Der isländische Rundfunksenders RÚV hat beschlossen, sich Spanien, Irland, Slowenien und der Niederlande anzuschließen

 11.12.2025

Feiertage

Weihnachten mit von Juden geschriebenen Liedern

Auch Juden tragen zu christlichen Feiertagstraditionen bei: Sie schreiben und singen Weihnachtslieder

von Imanuel Marcus  10.12.2025

Kalender

Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 11. Dezember bis zum 17. Dezember

 10.12.2025

Debatte

Wie umgehen mit Xavier Naidoo?

Der Sänger kehrt auf die großen Bühnen zurück. Ausverkaufte Hallen treffen auf Antisemitismus-Vorfälle, anhängige Verfahren und eine umstrittene Entschuldigung - und auf die Frage, wie man heute dazu steht

von Stefanie Järkel, Jonas-Erik Schmidt  10.12.2025

Neuerscheinung

Albert Speer als Meister der Inszenierung

Wer war Albert Speer wirklich? Der französische Autor Jean-Noël Orengo entlarvt den gefeierten Architekten als Meister der Täuschung – und blickt hinter das Image vom »guten Nazi«

von Sibylle Peine  10.12.2025

Interview

»Mascha Kaléko hätte für Deutschland eine Brücke sein können«

In seinem neuen Buch widmet sich der Literaturkritiker Volker Weidermann Mascha Kalékos erster Deutschlandreise nach dem Krieg. Ein Gespräch über verlorene Heimat und die blinden Flecken der deutschen Nachkriegsliteratur

von Nicole Dreyfus  09.12.2025