Geschichte

Wie es war, als Jude in der DDR zu leben

André Herzberg Foto: Stephan Pramme

Geschichte

Wie es war, als Jude in der DDR zu leben

Erinnerungen von André Herzberg

von André Herzberg  03.10.2023 10:37 Uhr Aktualisiert

Ob mir der 9. November ’89 etwas bedeutet? Keine Ahnung. Dazu fällt mir eine Erinnerung oder ein Traum ein, ich weiß nicht genau, was es ist, es verschwimmt alles:

Ich stehe vor einem Geschäft mit einem riesigen Schaufenster, wo sie Fernseher verkaufen, die alle dasselbe lautlose Bild zeigen. Man sieht Schabowski, wie er stottert: »sofort ... unverzüglich ...«

Funktionär Plötzlich wird alles farbig, das zigfache Gesicht des Funktionärs in den Fernsehern, aber auch die Welt draußen, der Menschen um mich herum, die alle auf die Szene geschaut haben. Der Tag hat keine Bedeutung für mich, es ist nur ein Datum. Realistisch ist, wenn ich meinem Therapeuten 80 Euro in die Hand drücke, die Scheine, vier Zwanziger.

Er gibt mir eine Quittung dafür und sagt »Danke«. Ich habe meine Stunde verpasst, die wir vereinbart hatten, dafür bekommt er sein Geld.

Realistisch ist, dass mich lange vor dem 9. November keiner meiner Lehrer in der Schule nach meiner Oma gefragt hat; wir sollten vom schönsten Ferienerlebnis bei den Großeltern erzählen.

Wäscheklammern Realistisch ist, dass ich lange vor dem 9. November meinen Davidstern unter meiner NVA-Uniform verbarg, ich wollte meinen Kameraden keinen Grund zum Fragen geben, sie klebten Bierkrüge mit Wäscheklammern und sagten, der Klebstoff wäre aus toten Juden gemacht.

Realistisch ist, dass ich heute, nach dem 9. November ’89 immer noch keine Kippa in der Öffentlichkeit trage, nur einmal auf der Bühne, es waren mir zu viele DDR-Fahnen im Publikum.

In meinem Traum sieht man Schabowski, wie er stottert: »sofort ...«.

Realistisch ist, dass sie meiner Band und mir, es war lange vor dem 9. November, zuriefen, Berliner Juden, macht euch fort, sonst pochen wir euch uff. Realistisch ist, wie ich lange vor dem 9. November das Plakat mit nach Hause brachte, was auch an den Litfaßsäulen hing, Israel in Versprechen, mit der Blüte der Rose, Israel in Wirklichkeit mit dem dornigen Stil daneben. Wie Mutter ausrastete, als sie das Plakat in den Händen hielt, sie hatte einfach ausgeblendet, dass es Teil der Propaganda war.

Fasanenstraße Realistisch ist, dass ich lange vor dem 9. November zum Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde kam, weil ich Mitglied werden wollte, und er sagte, es geht nicht, Sie können kein Mitglied der Jüdischen Gemeinde werden, Sie sind nicht beschnitten.

Real ist auch, dass ich nach dem 9. November ’89 ins Gemeindebüro in der Fasanenstraße kam, wo man mir einfach meine Mitgliedskarte gab, ist doch kein Problem, wir haben doch die Unterlagen von Ihrer Mutter hier.

RYKESTRASSE Ich bin lange vor dem 9. November mit Pudel- oder Baskenmütze in die Synagoge Rykestraße gegangen. Mutter hatte mir befohlen, sie aufzusetzen, weil es keine Kippot zu kaufen gab. Da saßen wir, es war immer leer, und nur wenn der Kantor Nachama sang, wurde ihr Gesichtsausdruck weich. Daran habe ich mir wohl ein Beispiel genommen und bin selbst sehr kritisch, wenn mir Stimmen falsch vorkommen oder Worte, die ich lese.

Ich hatte das große Glück in meinem Leben, Künstler zu werden, nach der inneren Stimme zu suchen und ihr Ausdruck zu verleihen, aber es ist auch quälend, weil es nicht immer gelingt. Mutter hat den Kopf geschüttelt und gesagt, Künstler? Verstehe ich nicht, wie kann einem nur so etwas einfallen? Ich wollte, dass eines meiner Kinder Arzt wird, dazu hat sie die Augen schwärmerisch geschlossen. Dabei hat sie selbst nicht auf sich gehört nach ihrem Exil, sondern auf die Kommunisten, die sie statt der Lehrerin, die sie sein wollte, zur Staatsanwältin machten.

Weissensee Nach dem 9. November ’89 sagte sie als Angeklagte im Prozess wegen Rechtsbeugung zu einer von ihr Verurteilten, ich entschuldige mich bei Ihnen. Meine Mutter wurde freigesprochen. Sie ist aus der Partei ausgetreten und hat sich auf dem Friedhof in Weißensee begraben lassen, neben dem Stein für ihre Eltern.

Ich begann nach dem 9. November mit der Psychotherapie und bin wie eine Filmfigur von Woody Allen, es hört nie auf. An diesem 9. November spiele ich mit meiner Band. Denn es gibt das Jubiläum, da werden wir aus dem Anlass der friedlichen Revolution gleich zweimal auf der Bühne stehen. Es erinnert mich an die 750-Jahr-Feier in Ost-Berlin. Da konnte man sich plötzlich tot muggen, wie wir Ost-Berliner Musiker immer sagten.

Den Davidstern unter meiner NVA-Uniform verbarg ich.

Natürlich werden dann auch wieder viele Texte geschrieben und Reden gehalten, wegen des 9. November, der ja bekanntlich auch noch eine andere Bedeutung hat. Blöd ist nur, dass ich den Schabbat nicht halten kann, weil ich arbeiten muss.

misstrauen Realistisch ist auch, dass ich nach dem 9. November ’89 Bürger eines der reichsten Länder der Erde wurde, mit dem Pass und dem Geld, was ich verdiene, überall hinfahren kann. Vor dem 9. November ’89 hätte ich keinem Therapeuten vertraut, mit niemandem darüber geredet, wie es sich anfühlt, und nach dem 9. November ’89 hat es sich herausgestellt, dass mein Misstrauen angebracht war, dass die kommunistische Diktatur vor niemandem haltgemacht hat, schon gar nicht vor Juden.

Aber es hat sich auch herausgestellt, dass die Wahrheiten meiner Eltern nicht mehr meine sein müssen. Ich konnte sogar zu Haschem finden, den Weg zu Gott hat mir meine christliche Frau gezeigt, mit der ich jedes Jahr in mein geliebtes Land Israel reise und irgendwann Vergangenheit nur noch eine dunkle Erinnerung ist.

DDR Aber zu Hause, hier, ist es mindestens eine Generation, ein Menschenschlag, eine Sozialisation, die Ost-Deutschen, zu denen ich mich auch zähle, die zerrissen in der Bewertung der Ereignisse sind, ich bin zwar dem Land DDR entkommen, nicht aber den Menschen, mit denen ich auch nach dem 9.11.89 lebe.

Der Autor wurde 1955 in Ost-Berlin geboren. Er ist Sänger der Band »Pankow« und Autor der Romane »Was aus uns geworden ist«, »Alle Nähe fern« und »Mosaik«.

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