Westjordanland

Naivität mit System

Klischees: Die Palästinenser tauchen in dem Buch häufig bloß als Schafhirten auf, »in deren Gesicht ein Ausdruck stiller Zufriedenheit liegt«. Foto: Flash 90

Es gibt Bücher, deren Lektüre im wahrsten Sinne des Wortes zu einer Qual wird. Oliven und Asche ist so eines. Herausgegeben von dem Schriftsteller‐Ehepaar Ayelet Waldman und Michael Chabon berichten darin 26 prominente Autoren über die israelische Besatzung im Westjordanland, das sie eigens dazu bereisten. Organisiert wurden diese Trips von niemand Geringerem als der Organisation »Breaking the Silence«, die aufgrund äußerst fragwürdiger Methoden selbst von regierungskritischen Israelis als problematisch angesehen wird.

Ihre Mitarbeiter brachten die Autoren – von denen die meisten das erste Mal überhaupt in der Region waren und so gut wie keinerlei Vorkenntnisse über den Nahostkonflikt besaßen – nach Ost‐Jerusalem, Hebron oder den berühmt‐berüchtigten Kalandija‐Checkpoint, um sie vor Ort mit dem Schicksal der Palästinenser zu konfrontieren. Mit von der Partie waren unter anderem der Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa, Eva Menasse und Dave Eggers.

unkenntnis Das Ergebnis hinterlässt einen äußerst zwiespältigen Eindruck und bewahrheitet wieder einmal einen Satz, den Marcel Reich‐Ranicki einst an die Adresse von Günter Grass gerichtet hatte: »Schriftsteller, die sich der Politik zuwenden, agieren so gut wie immer als Amateure.« Dabei wäre der Begriff »Amateur« noch ein Kompliment, denn unabhängig von den Inhalten transportieren fast alle Texte etwas, das sich nur als Gesinnungskitsch bezeichnen lässt.

Eine Kostprobe liefert der norwegische Autor Lars Saabye Christensen, der beschreibt, wie ein israelischer Siedler eine Rose malträtiert, die ihm auf einer Kundgebung in Jerusalem von einer Friedensaktivistin überreicht wird. »Er klatscht die Blume auf die steinernen Stufen. Er wirft sie nicht weg. Das wäre zu normal. Stattdessen bricht er der Rose den Hals, sodass die dunkelroten Blütenblätter auf dem Kopfsteinpflaster der Via Dolorosa verstreut liegen.«

Wer so schon mit Blumen umgeht, muss das Gleiche wohl auch mit Menschen machen. Die kanadische Autorin Madeleine Thien mag es ebenfalls schmalzig: »Ein palästinensischer Junge, der auf einem der lose herumliegenden Steine balancierte, erinnert mich an ein Bild des Kleinen Prinzen, wie er auf einer Mondlandschaft hockt.«

absurditäten Natürlich gibt es Ausnahmen, und die stammen etwa von einem der wenigen israelischen Schriftsteller der Anthologie. In »Kicken für Palästina« bedient sich Assaf Gavron des Fußballs als Folie, um die Problematik palästinensischer Identitäten, die Komplexität ihrer Biografien sowie die Absurditäten der Besatzungspolitik zu skizzieren, ohne dabei in plumpe Freund‐Feind‐Schemata zu verfallen oder simple Schuldzuweisungen zu formulieren.

Auch der niederländische Autor Arnon Grünberg, der halbwegs Hebräisch spricht und schon oft in Israel war, schreibt einen Text, der lesbar ist und differenzierte Reflexionen über die Situation vor Ort vermittelt. Doch die Mehrheit der Autoren bringt banale Eindrücke zu Papier, wie sie auch von Touristen hätten stammen können, die erstmals nach Israel reisen und am Ben Gurion Airport landen: »Hilfe – mein Koffer ging verloren. Das muss ein Zeichen sein!«

Oder sie stecken voller Klischees: Israelische Soldaten sind »groß« und »wuchtig« und haben – oh Schreck! – ein Gewehr stets im Anschlag. Dagegen sind die Palästinenser oft Schafhirten, »in deren Gesicht ein Ausdruck stiller Zufriedenheit« liegt, und die ständig Tee servieren, weil sie von Natur aus wahnsinnig gastfreundlich sind. »Den Menschen von Palästina ist eine stille, unaufdringliche Anmut zu eigen«, schreibt denn auch die Amerikanerin Jacqueline Woodson, um anschließend über »Hunderte von Palästinensern und Afroamerikanern, die 2015 und 2016 getötet wurden«, zu schwadronieren. Der Zusammenhang bleibt ihr stilles Geheimnis.

fragen Rasch erkennt man die Choreografie, die dahintersteckt, weil die »Breaking the Silence«-Aktivisten die Autoren zu den immer selben Orten bringen, wo es weder radikale Islamisten noch ganz normale Israelis gibt. Überhaupt werden historische und politische Kontexte als überflüssiger Luxus betrachtet. Könnte es vielleicht sein, dass die israelische Vorgehensweise etwas mit den Erfahrungen zu tun hat, die man nach dem Abzug aus Gaza machen musste? Warum wird die Frage nicht aufgeworfen, wie die Szenarien aussehen könnten, die auf ein Ende der Besatzung folgen würden?

Dafür erfährt der Leser von Vargas Llosa, dass es in der jüdischen Geschichte eine »Tradition der ›Gerechten‹« gibt. Gemeint sind Menschen, die sich nur der Wahrheit verpflichtet fühlen. Er nennt die üblichen Verdächtigen wie David Grossman, die Journalisten Amira Hass und Gideon Levy. Und natürlich die Aktivisten von »Breaking the Silence«. Bei allen anderen Israelis dagegen sehe es ziemlich duster aus, sie würden immer nationalistischer. Seine Kritik versteht Vargas Llosa als »einen Akt, der aus Liebe geschieht«. Was der Leser dagegen nicht erfährt: Wer hat eigentlich die ganzen Autorenreisen finanziert?

Ayelet Waldman, Michael Chabon (Hrsg.): »Oliven und Asche. Schriftstellerinnen und Schriftsteller berichten über die israelische Besatzung in Palästina«. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017, 384 S., 26 €

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