Interview

»Musik hat eine ungeheure Macht«

Der Violinist Daniel Hope Foto: picture alliance/dpa

Der international gefragte Geiger Daniel Hope (49) steht seit mehr als 30 Jahren auf der Bühne. Wenn er nicht spielt, erklärt er Musik. Am Wochenende eröffnete Hope mit Ensemble das Kirchenmusik-Festival in Schwäbisch Gmünd. Im Interview spricht er über die Größe von Bach, Musikförderung, und begründet, warum jedes Kind Zugang zu Musik haben sollte.

Herr Hope, Sie eröffnen das Kirchenmusikfestival. Spielen Sie Musik mit religiösem Hintergrund, beispielsweise von Johann Sebastian Bach, anders als Filmmusik?
Das tue ich. Wobei Bach in vieler Hinsicht ein interessanter Komponist ist. Seine sakrale Musik und die Werke, die er extra für die Kirche komponiert hat, sind aus meiner Sicht besonders bedeutend und auch bewegend. Die Virtuosität, die er teilweise in seinen Instrumentalkonzerten und Sonaten nutzt, zeigt einen völlig anderen Bach. Wenn man den sakralen Bach spielt, diskutiert und probt, ist man auf einer ganz anderen Ebene.

Können Sie das erklären?
Ich bin seit 2019 künstlerischer Leiter der Frauenkirche in Dresden und dort für die klassische Musik zuständig. Wenn wir dort im Kirchenraum spielen, ist das eine besondere und eigenartige Atmosphäre. Denn in die Kirche geht man eigentlich um zu beten, Nähe zu Gott zu suchen und vielleicht zu finden - und trotzdem sind wir Musikerinnen und Musiker da, um ein Konzert zu geben. Dieser Zwiespalt ist nicht immer einfach. Aber wir lassen uns von dieser Musik inspirieren, insbesondere von Bach.

Sie sind mit Sting befreundet, der erklärter Bach-Fan ist. Was ist das besondere an dem Barock-Komponisten?
Diese Musik hat eine Direktheit, bei der es kein Entkommen gibt. Du kannst dich nicht schützen vor Bach. Die Musik trifft dich direkt ins Herz. Und man muss nichts von Musik verstehen, um das zu spüren. Bach ist einer der wenigen Komponisten, der fast jede Art der Bearbeitung trägt, von Salsa über Techno bis zu klassischen Bearbeitungen. Das liegt auch daran, dass die Materie so unfassbar gut ist. Diese Qualität hat kaum ein anderer Komponist. Natürlich gibt es Mozart, Beethoven, Brahms, Schubert und viele andere. Aber für mich ist Bach »The Boss« und einfach noch eine Stufe höher.

Thema Inspiration. Was bedeutet das für Sie? Spielt Glaube eine Rolle?
Für mich ist Musik die pure Inspiration. Ich bin auch ein gläubiger Mensch. Durch Musik erreiche ich eine Art Spiritualität, sie hilft mir dabei. Ich merke, dass Menschen sehr emotional auf Musik reagieren. Ein Stück kann sie trösten, glücklich, traurig oder nachdenklich machen. Es kann auch eine Trigger-Funktion haben, wenn man ein Lied hört und dadurch daran erinnert wird, was man vor 25 Jahren an einem bestimmten Tag getan hat. Musik hat eine ungeheure Macht.

Sie engagieren sich in der Musikbildung, erklären Klassik, geben viele Kinderkonzerte. Teilen Sie die Befürchtung, dass eine grundlegende Musikbildung, ein Instrument zu lernen, zunehmend ein Luxusgut wird?
Ich fürchte, dass das passieren kann - und wir sollten nicht zulassen, dass etwa Musikunterricht oder der Zugang zu Instrumenten, zum Singen oder Tanzen gestrichen wird. Ich bin überzeugt, dass Musik ein Menschenrecht ist. Da glaube ich fest dran. Jeder hat das Recht, Musik zu erleben. Deshalb sollte man, wenn ein Kind Interesse zeigt, ein Instrument zu spielen, das möglichst unterstützen. Das ist manchmal eine Geldfrage. Es gibt in Deutschland aber auch hervorragende Vereine, die in Schulen gehen und Kindern Instrumente zur Verfügung stellen. Auch wir Interpreten können das unterstützen. Aber einfach ist das nicht, wenn es von der Politik heißt, das hat keine Bedeutung, keine Relevanz und ist zu teuer. Dieses Argument verstehe ich nicht.

Was erwarten Sie von der Politik?
Ich würde mir wünschen, dass mehr Politikerinnen und Politiker in eine Schulklasse gehen und sehen, was Musik bewirken kann. Oder sich die Zeit nehmen, Musiktherapie zu beobachten und zu sehen, was Musik bei einem Alzheimerpatienten, einem Kind mit Autismus, einem schwerstbehinderten Mensch bewirken kann. Dann würden sie sehen, dass es kein Luxus ist, sondern dass es eine Wirkung hat. Sie könnten sehen, wie ein Kind seine Fantasie durch Musik öffnet.

Was passiert da?
Ich erlebe, dass sich Kinder öffnen. Beispielsweise wenn sie ein klassisches Stück hören, die Augen schließen, und dann erzählen sollen, was sie gesehen haben. Da kommen Bilder, Ideen, Assoziationen und Vorschläge, die einen manchmal ganz platt machen. Ähnliches habe ich erlebt, als ich als Jugendlicher mit »Live Music Now« in Altersheimen gespielt habe. Ich konnte erleben, wie Musik einen Menschen, der nicht mehr sprechen konnte und der von der Außenwelt weitgehend abgeschnitten war, zu Tränen gerührt hat. Wie Menschen, die ihren Namen nicht mehr wissen, ganze Texte rezitieren können, wenn man das Lied ihrer Kindheit spielt. Ich würde mir wünschen, dass Politiker das ernst nehmen und sehen, was mit Musik möglich ist. Das aus der Förderung zu streichen, ist ein riesiger Irrtum.

Sie werden im August 50. Sie haben sehr viel erreicht. Spüren Sie als Künstler Erwartungsdruck?
Der Druck den ich spüre: Jeden Abend ein Konzert zu geben, aus dem das Publikum rausgeht und sagt, das hat sich gelohnt, ich habe es genossen. Ich möchte bei jeder Aufführung alles geben, egal an welchem Ort oder in welchem Land. Diesen Druck spüre ich, weil manchmal natürlich die Bedingungen nicht ideal sind, beispielsweise die Anreise umständlich war und man dann trotzdem auf die Bühne geht. Aber das passiert. Wenn wir über Aufregung und Nervosität sprechen, das gibt es auch immer noch ein bisschen. Aber es nimmt nie überhand. Ich spüre einen leichten Kitzel, das brauche ich auch, denn es ist das beste Mittel gegen Routine und Autopilot. Aber es ist auch wichtig, das unter Kontrolle zu haben. Das ist für jeden Künstler ein Kampf. Manchen fällt es schwer, andere sind entspannt. Ein Künstler, der sagt, er sei überhaupt nicht nervös - da glaube ich nicht dran. Aber man findet einen Weg, damit umzugehen.

Was wünschen Sie sich für die nächsten Jahre?
So viel Zeit wie möglich mit meiner Familie zu verbringen. Mein älterer Sohn begleitet mich seit einem Jahr am Wochenende und in den Ferien zu Konzerten. Ich bin wahnsinnig glücklich, dass er bei mir ist. Wenn es passt, kommen auch meine Frau und unser kleiner Sohn mit. Für mich gibt es nichts schöneres, als mit der Familie und zu Hause zu sein - da ich das nicht oft sein kann, ist es umso schöner, wenn ein Teil meines Zuhauses mit mir unterwegs ist.

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