Literatur

Moses fährt nach Amerika

Deutschsprachige jüdische Kinderliteratur ist eine vergleichsweise junge Erscheinung: Sie erlebte ihre erste Blüte Anfang des 20. Jahrhunderts. Mit Beginn der 20er-Jahre fand ein Anstieg in der Produktion jüdischer Kinderliteratur statt, der auf die veränderten Bedingungen der Weimarer Zeit zurückgeht. Zum einen schuf eine neue Vielfalt an jüdischen Verlagen die Voraussetzungen für das Erscheinen jüdischer Kinderliteratur.

Zum anderen bereiteten jüdische Reformpädagogen den Weg für eine breite Akzeptanz von unterhaltender Kinderliteratur. Die Jugendverbände, die im Laufe der 20er-Jahre stark an Zulauf gewannen, vertraten zudem ein modernes, durch Sportlichkeit, Teamgeist und Eigenverantwortung geprägtes Kinderbild, das sich wesentlich auf die Kinderliteratur auswirkte.

Als Verfasser traten neben Pädagogen und Theologen auch säkulare Bestsellerautoren in Erscheinung. Neu war die Gruppe jugendlicher Schriftsteller aus dem Bereich der zionistischen Jugendbewegungen. In den Monats- und Jahresschriften ihrer Organisationen wandten diese sich an ihre Altersgenossen, um sie über aktuelle Ereignisse und die Verhältnisse in Palästina zu informieren. In der Belletristik dominierten liberale und säkulare Schriften, doch auch die Neo-Orthodoxie überwand ihre traditionelle Distanz zur unterhaltenden Kinderliteratur. Obwohl weiterhin der Vermittlung von religiösem Wissen verpflichtet, bemühten sich die Autoren nun um eine ansprechende und kindgerechte Form.

weitblick Beispielhaft für den kreativen Dialog zwischen nichtjüdischer und jüdischer Literatur sind Ilse Herlingers Jüdische Kindermärchen (1928). Im programmatischen »Märchen vom Märchen« entwirft die Autorin eine Poetik des jüdischen Kunstmärchens, die sich auf die Aggada, die deutsche Romantik und die Ideen des Zionismus bezieht. C.Z. Klötzels Roman Moses Pipenbrinks Abenteuer. Die seltsamen Erlebnisse eines kleinen jüdischen Jungen (1920) hingegen ist mit seinen lebhaften Schilderungen der Hafenstadt Hamburg ein frühes Beispiel für den kinderliterarischen Großstadtroman.

Der Idee einer deutsch-jüdischen Symbiose steht der Zionist Klötzel unverkennbar kritisch gegenüber. Sein Protagonist Moses reist am Ende nach Amerika, wo er, so die Hoffnung des Erzählers, »ein ganzer Kerl und stolzer Jude« werden kann. In der Realität erwies sich die Skepsis des Autors als historischer Weitblick: Klötzel gehörte zu den wenigen Autoren, die bereits 1933 Deutschland verließen.

Der Beginn des Nationalsozialismus markierte einen drastischen Wendepunkt für die deutsch-jüdische Kinderliteratur. Gesetzliche Ausgrenzung führte dazu, dass jüdische Autoren bald nur noch für ein jüdisches Publikum schreiben konnten. Angesichts antisemitischer Propaganda, die ihren unrühmlichen kinderliterarischen Höhepunkt in Elvira Bauers Trau keinem Fuchs auf grüner Heid und keinem Jud bei seinem Eid! (1936) fand, entstand zudem ein erhöhtes Bedürfnis nach jüdischer Kinderliteratur, die ihren Lesern ein positives Selbstbild vermittelte.

Fluchten Folglich erfreuten sich religiöse und historische Texte mit Bezug auf die Makkabäer und den Bar-Kochba-Aufstand großer Beliebtheit. Alternativ dazu idealisierten Texte wie Salo Böhms Helden der Kwuzah (1936) das Siedlerleben als heroisches Abenteuer, das gleichzeitig eine reale Alternative zum Leben in Deutschland bieten sollte.

Auf diese Weise warben zionistische Schriften eindringlich für die Auswanderung nach Palästina. Die Gemeinschaft der zionistischen Jugendbewegung wurde als basisdemokratische »Ersatzfamilie« präsentiert. Das war durchaus notwendig, denn für die Jugendlichen, die über Kindertransporte oder die Jugendalija Deutschland verließen, war die Auswanderung in der Regel mit der Trennung von Eltern und Geschwistern verbunden.

Andere Autoren versuchten, ihren Lesern imaginäre Fluchten vor den täglichen Repressionen zu ermöglichen. So entwirft Setta Cohn-Richter in Mirjams Wundergarten (1935) ein Kindheitsidyll, in dem die Spielzeuge der kleinen Mirjam zum Leben erwachen und allerlei harmlos-unterhaltsame Abenteuer erleben. Meta Samson hingegen beschreibt in Spatz macht sich (1938) eine Kindheit, die von einer Atmosphäre wachsender Bedrohung überschattet wird. Einen Ausweg bietet abermals die Auswanderung nach Palästina, ein Weg, der der Autorin selbst nicht mehr offenstand. Zusammen mit Schriftstellern wie Else Ury, Leo Hirsch und Ilse Herlinger gehört Samson zu einer ganzen Generation jüdischer Kinderbuchautoren, die von den Nazis ermordet wurde.

demografie Nach der Zerschlagung des jüdischen Verlagswesens 1938 konnte jüdische Kinderliteratur nicht mehr erscheinen. Dennoch wäre es verfehlt, vom Ende der deutsch-jüdischen Kinderliteratur zu sprechen.

Ebenso wenig wie die Nationalsozialisten jüdisches Leben in Deutschland langfristig vernichten konnten, gelang es ihnen, diese Literatur vollständig zu zerstören. So schrieben einige Autoren im Exil weiter oder schmuggelten ihre Manuskripte auf abenteuerlichen Wegen ins Ausland. In Deutschland wurde Kinderliteratur auch unter schwierigsten Bedingungen produziert, zum Teil in Form von handschriftlichen Manuskripten, die später auch in den Vernichtungslagern kursierten.

Nach dem Krieg dauerte es lange, bis sich deutsch-jüdische Kinderliteratur wieder etablieren konnte. Das Publikum war so sehr geschrumpft, dass jüdische Kinderliteratur schlicht als unternehmerisches Risiko gelten musste. Jüdische Kinderbuchautoren schrieben in der Regel für ein breites, nichtjüdisches Publikum.

Mit Blick auf die Gegenwart lässt sich feststellen, dass sich nicht nur die Demografie verändert hat. Die Bücher, die in den vergangenen Jahren erschienen sind, scheinen mehr aus der amerikanisch-jüdischen Tradition zu stammen als der deutschen. In jedem Fall erlauben diese Publikationen einen vorsichtigen Optimismus für die Zukunft. Ein Blick zurück kann dabei das Bewusstsein schärfen, dass deutsch-jüdische Kinderliteratur nicht nur auf eine vielfältige Tradition, sondern letztendlich auf den stets gleichen Impuls zurückgeht: Freude am Lesen im Bewusstsein einer jüdischen Identität in Deutschland.

Gekürzte Fassung eines Vortrags, den die Autorin auf der Tagung »Lesen macht glücklich. Jüdische Kinder- und Jugendliteratur« der Bildungsabteilung des Zentralrats der Juden (22. bis 24. Januar in Berlin) halten wird.

London/Los Angeles

Unerwarteter Ticket-Boom: Royal Ballet bedankt sich bei Timothée Chalamet

Nach kritischen Bemerkungen des Hollywood-Stars steigen Reichweite und Ticketverkäufe in der Oper- und Ballett-Welt deutlich

 15.04.2026

London

Boy George unterstützt Israel online und erntet dafür Hass-Kommentare

»Es ist gerade sehr trendy, Israel zu hassen. Aber ich habe immer gesagt: ›Mode ist für die Zerbrechlichen, Stil für die Mutigen‹«, schreibt das Multitalent. Die Antworten lassen nicht lange auf sich warten

 14.04.2026

Essay

Schoa-Erinnerung ohne Juden

Gunda Trepp über ihren verstorbenen Ehemann Leo Trepp, die Vereinnahmung der Schoa und Wege jüdischen Erinnerns

von Gunda Trepp  14.04.2026

Hollywood

Scarlett Johansson: Rollen für Frauen heute besser

Wenn sie auf ihre Zwanziger zurückblickt, spricht die jüdische Schauspielerin von einer harten Zeit. Frauen hätten viel weniger interessante Rollenangebote bekommen als heute. Was ihr Ausweg war

 14.04.2026

Israel

Zeit, Zionist zu sein!

Fünf Gründe, den jüdischen Staat zu lieben – mit all seinen Stärken und Schwächen

von Daniel Neumann  13.04.2026

Berlin

Auschwitz-Überlebende fordern Konzertverbote für Kanye West

Kanye Wests geplante Shows in Polen und Italien sorgen für Empörung. Holocaust-Überlebende fordern von Regierungen und Veranstaltern ein klares Signal - wie zuletzt aus Großbritannien

 11.04.2026

Essay

Zwischen Räumen

Wenn der Maler Navot Miller im Flugzeug sitzt, ist er in einer Welt, die ihn für eine kurze Zeit vor der Schwere der Realität schützt. Gedanken von unterwegs

von Navot Miller  10.04.2026

Iran-Krieg

Europa darf Israel nicht im Stich lassen

Während die USA und Israel der Bedrohung durch das Mullah-Regime militärisch begegneten, standen die Europäer an der Seitenlinie und übten Kritik. Die nun herrschende Feuerpause gibt ihnen Gelegenheit, ihre Haltung zu überdenken

von Rafael Seligmann  10.04.2026

Netflix-Dokumentation

Der Mann, der die Chili Peppers Red Hot machte

Man kann ohne weiteres behaupten, dass die Rockwelt ohne Hillel Slovak weniger bunt wäre. Eine Streaming-Doku hat dem in Israel geborenen ersten Gitarristen der Chili Peppers ein Denkmal gesetzt

von Richard Blättel  07.04.2026