Trugschluss

Mit zugedrücktem Auge

Kettenreaktion: Der Aufstand in Tunesien bringt inzwischen auch andere arabische Regime in Bedrängnis. Foto: imago

Wer vergangene Woche mehr erfahren wollte über die drängendsten Fragen des Weltenlaufs und dazu die aktuelle Ausgabe des Nachrichtenmagazins Der Spiegel konsultierte, konnte sich beim Blick auf die Titelseite nur verwundert die Augen reiben. Das Heft hatte eine ebenso reißerische wie abgedroschene Mossad‐Reportage über »Israels geheime Killer‐Kommandos« zur Topstory erkoren. Dabei waren doch in letzter Zeit ganz andere und überhaupt nicht geheime Killer‐Kommandos aktiv gewesen: Bei den spektakulären Protesten in Tunesien schossen Scharfschützen der Regierung auf Trauerzüge und Demonstranten. 80 Tote haben die brutalen Sicherheitskräfte des inzwischen hinweggefegten Regimes zu verantworten.

Die zeitliche Verzögerung, mit der die revolutionären Ereignisse in dem Land, das näher an Deutschland liegt als Portugal, in den hiesigen Medien Widerhall fanden, ist beschämend. Mehr als zwei Wochen brauchte es, bis klar wurde, dass die Tunesier im Begriff sind, sich ihres verhassten Despoten Ben Ali zu entledigen. Kein »umstrittener Präsident«, wie der langjährige Kooperationspartner der Europäischen Union zu Beginn der Revolte zaghaft bezeichnet wurde, ist von der politischen Bühne verschwunden, sondern ein veritabler Diktator, der Milliarden in die eigenen Taschen abzweigte, rekordverdächtige ein Prozent der Bevölkerung im Sicherheitsapparat beschäftigte, Wahlen fälschte und den Vergleich mit Rumäniens Despoten Ceausescu nicht zu scheuen braucht.

Autokratien Schon ist von Demonstrationen in Algerien, Jordanien, Ägypten und Jemen zu hören, wo die Verzweiflung über das soziale Elend und der Hass gegen die dort ansässigen Autokraten ebenfalls tief sitzen. Der Historiker Dan Diner hat den Zustand der arabischen Welt in einem viel beachteten Buch einmal als »versiegelte Zeit« beschrieben, womit die Stagnation der islamischen Gesellschaften gemeint war. Jetzt könnten wir Zeuge einer »Entsiegelung« werden. Womöglich hat die Jasmin‐Revolte für die Despotien im Nahen Osten ebenso weitreichende Konsequenzen wie der Fall der Berliner Mauer für den Ostblock.

Die Gewehrläufe sind jedoch noch zu heiß, um ernsthafte Aussagen über die Folgen der spektakulären Ereignisse zu treffen. Eruieren lässt sich allerdings, was sie für den Umgang des Westens mit den Dutzenden an ihrem Thron oder Brokatsessel festgewachsenen Regenten der Region zu bedeuten hat. Diese gebärden sich bis heute nämlich in der Art eines Vito Corleone – sie machen der Welt ein Angebot, das sich scheinbar nicht ausschlagen lässt: Im Austausch für die Garantie, ihre Gesellschaften nach außen wie einen Dampfkochtopf abzuschließen, um so den Islamismus im Inneren weich zu kochen, verlangen sie Anerkennung, Geld und Waffen. Das westliche Vertrauen auf das oberflächliche Stabilitätsversprechen reicht so weit, dass die französische Außenministerin dem Diktator noch in der dritten Woche der Proteste anbot, ihre Sicherheitskräfte zur »Beruhigung der Lage« zur Verfügung zu stellen.

FOLTERKELLER Mit dieser Strategie des zugedrückten Auges, das soziales Elend und politische Unterdrückung geflissentlich ignoriert, verstellt sich der Westen aber auch den Blick auf eine in den Autokratien stattfindende Entwicklung, die sich Dialektik der Islamisierung nennen ließe und allen Intentionen zuwiderläuft. Vordergründig schaffen die Despoten dem Westen die Islamisten gemäß der getroffenen Abmachung vom Hals: Parteien werden verboten, Fanatiker verschwinden in Folterkellern und hinter Gittern. In die Wüste geschickt ist der Islamismus deshalb aber noch lange nicht, es wird vielmehr ein gesellschaftliches Klima geschaffen, das ihn mit Lebenssäften versorgt wie eine Oase.

Um ihre Macht zu sichern, treiben die Herrscher die Islamisierung ihrer Gesellschaft nämlich stetig voran, wobei sie bei inneren Konflikten nicht oft genug auf den Einfluss »fremder Mächte« verweisen. So hielt es auch die tunesische Presse, die direkt aus Ben Alis Schreibstuben stammte. Sie bezeichnete Linke und Liberale als »zionistische Prostituierte«. Demonstrationen für politische Rechte und Streiks schlug das Régime brutal nieder, während man wütende Proteste gegen Israel und die Mohammed‐Karikaturen nicht nur gewähren ließ, sondern indirekt sogar anstachelte.

Am augenscheinlichsten wurde diese Dialektik wohl am ehemaligen ägyptischen Präsidenten Sadat, zumal sie für ihn tragisch endete und ihn das Leben kostete. Einerseits in Erinnerung geblieben durch den legendären Friedensschluss mit Israel, rehabilitierte er andererseits auch die radikalislamischen Muslimbrüder, die er als nützliche Ideologen im Kampf gegen soziale Proteste an seiner Seite wähnte. Der sich ausbreitende Islamismus gebar jedoch nicht die erhoffte Stabilisierung, sondern das Terrorkommando, dem der Präsident 1981 zum Opfer fiel.

»BANLIEUE EUROPAS« Ben Ali ereilte ein glücklicheres Schicksal. Wohl auch, weil in den tunesischen Protesten, die zu seiner Flucht führten, kaum etwas von radikalen Muslimen zu sehen ist. In den vielen arabischen Staaten, die im Auftrag des Westens mit eiserner Hand wie ein Dampfkochtopf geschlossen gehalten werden, brodelt es dennoch gewaltig. So ist es zutreffend, wenn der Hessische Rundfunk den Maghreb als »Banlieue Europas« tituliert.

Der demokratische Teil der Welt hat sich viel zu lange mit dieser Versiegelung eingerichtet. Viel zu lange wurde die Herrschaft des vermeintlich kleineren Übels subventioniert, als gelte es, die lauernde Katastrophe zu stoppen und die Geschichte, von der nur Schlechteres zu erwarten ist, aufzuhalten.

In vielem irrig, aber doch in diesem Punkt wesentlich klarsichtiger waren zuletzt die heftig gescholtenen Neocons. Hat der von ihnen geforderte äußere militärische Eingriff die Demokratisierung des Nahen Ostens wohl eher blockiert als gefördert, so könnte die von innen entzündete Jasmin‐Revolte ihre Vision einen entscheidenden Schritt vorangebracht haben. Es gilt nun, den Blickwinkel neu zu justieren und nach Akteuren zu suchen, die – vielleicht noch ohne großen Einfluss – für ein besseres Leben streiten. Denn: Geschichte wird gemacht, egal, ob der Westen es bemerkt oder nicht.

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