Hochschule für Jüdische Studien

Mit Schmiss und Davidstern

Volles Haus beim Heidelberger Corps Suevia: Abendveranstaltung der gemeinsamen Studentenhistorikertagung von HfJS und AKSt Foto: Sebastian Sigler

Das Lied dürfte jeder schon einmal gehört haben. Weniger bekannt dagegen ist wohl die Tatsache, dass der Text dieses Evergreens von einem Juden stammt, der 1942 in Auschwitz ermordet wurde. Die Rede ist von dem Schlager »Ich hab’ mein Herz in Heidelberg verloren«, der sich unter den Studenten der Stadt am Neckar ebenfalls großer Beliebtheit erfreute, und Fritz Löhner-Beda.

Ursprünglich hatte er Jurist werden wollen und schloss sich während seines Studiums der jüdischen Studentenverbindung Kadima Wien an. An sein Schicksal erinnerte am vergangenen Freitag Werner Arnold, Rektor der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg, in seinem Grußwort zu Beginn der vom Arbeitskreis der Studentenhistoriker dort ausgerichteten Tagung »Jüdische Korporierte, jüdische Korporationen«.

IMAGEPROBLEM Damit war man auch schon mittendrin im Thema. Denn Studentenverbindungen waren seit Beginn des 19. Jahrhunderts ein fester Bestandteil des Universitätslebens im gesamten deutschen Sprachraum, wobei sie mitunter ein Imageproblem hatten und bis heute gewiss haben. Ihre Mitglieder gelten als ruppige Männer mit zumeist deutschnationaler Gesinnung, die vor allem saufen und sich nicht selten duellieren, wovon der »Schmiss«, eine durch die Mensur davongetragene Narbe im Gesicht, dann zeugen soll.

Seit den 1880er-Jahren gab es auch jüdische Korporationen. »Sie waren Teil eines großen Netzwerks an Studentenverbindungen, die durchaus als Spiegelbild ihrer Zeit zu betrachten sind«, bringt es Sebastian Sigler, Leiter des Arbeitskreises der Studentenhistoriker, auf den Punkt. Die erste jüdische Korporation entstand 1886 in Breslau, bald gab es vier weitere, die sich alle 1896 zum »Kartell-Convent der Verbindungen deutscher Studenten jüdischen Glaubens«, kurz KC genannt, zusammenfanden.

Zum Abschluss der Tagung fand eine Gedenkveranstaltung für die vertriebenen und ermordeten jüdischen Korporierten statt.

Ihre Entstehungsgeschichte hat zum einen viel mit dem Ausschluss jüdischer Studenten aus den traditionellen Korporationen zu tun, deren deutschnationale Ausrichtung häufig völkisch und damit antisemitisch grundiert war, weshalb Juden in diesem Umfeld als nicht satisfaktionsfähig galten.

Zum anderen etablierten sich damals ohnehin zahlreiche konfessionell ausgerichtete Verbindungen, weil beispielsweise katholische Studenten in diesen sich zunehmend politisierenden Milieus ebenfalls angefeindet wurden, wie Harald Lönnecker von der TU Chemnitz betont. »Und auch die jüdischen Korporationen differenzierten sich in verschiedene Strömungen aus.« Manche pflegten die Mensur, manche lehnten sie wiederum ab.

ANERKENNUNG Trotzdem gab es etwas, was allen gemein war – »das Ringen um Anerkennung«. Auf antisemitische Beleidigungen erfolgte die Aufforderung zum Duell, oder man lieferte sich gleich eine Schlägerei, weshalb einige jüdische Korporationen besonders gefürchtet waren.

Deutschnationale jüdische Verbindungen kopierten den Habitus ihrer nichtjüdischen Kommilitonen und waren mit den jüdisch-national oder zionistisch eingestellten Korporationen in Feindschaft verbunden, eher orthodox eingestellte Studenten standen in Konkurrenz zu den reform-orientierten.

Nicht zuletzt gründete sich noch eine paritätische Ausrichtung, die Juden und Nichtjuden zusammenbringen wollte, was mangels nichtjüdischer Interessenten aber eine eher einseitige Angelegenheit war.

UNIVERSITÄTSSTADT »Es gab wohl nichts, was es nicht gab«, so Gerhart Berger in seinem Input über das Spektrum jüdischer Verbindungen in der altehrwürdigen Universitätsstadt Heidelberg. Und das in einer relativ überschaubaren Personengruppe. Denn zu Beginn des 20. Jahrhunderts zählte man in Deutschland gerade einmal 60.000 Studenten, davon waren weniger als sechs Prozent Juden.

Doch nicht nur Vorträge standen auf dem Programm. Am Samstag führte der Heidelberger Gemeinderabbiner Janusz Pawelczyk-Kissin die Teilnehmer durch die Orte, an denen die jüdischen Korporationen aktiv waren. Zum Abschluss der Tagung fand am Sonntag auf dem Platz der Alten Synagoge eine öffentliche Gedenkveranstaltung für die vertriebenen und ermordeten jüdischen Korporierten statt.

Tobias Korenke

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