Wuligers Woche

Mit der Linkspartei in Israel

Linken-Politikerin Christine Buchholz Foto: Gregor Zielke

In den Schlagzeilen der vergangenen Woche – CDU-Parteivorsitz, UN-Migrationspakt, Gelbwesten-Krawalle in Frankreich – ist ein wichtiges Ereignis untergegangen: Eine Parlamentarierdelegation der Linkspartei hat Israel besucht.

Mit von der Partie war die Bundestagsabgeordnete Christine Buchholz. Die gebürtige Hamburgerin ist spätestens seit 2008 als profunde Kennerin der Region ausgewiesen, als ihr in der »Zeit« ein »offenes Sympathisieren« mit Hamas und Hisbollah attestiert wurde.

Auch ihre Reiseeindrücke, die sie jetzt auf ihrer Facebook-Seite veröffentlicht hat, unterstreichen die tiefgründige analytische Nahost-Kompetenz der gelernten Erziehungswissenschaftlerin.

Die »Zeit« attestierte der Politikerin ein »offenes Sympathisieren« mit Hamas und Hisbollah.

3. Dezember: »Im Süden von Tel Aviv leben knapp 40.000 Flüchtlinge, zumeist aus Sudan und Eritrea. Sie haben keinen gesicherten Aufenthaltsstatus und keinen Zugang zu Sozialleistungen. Zugleich leben in den Nachbarschaften Mizrachi, jüdische Israelis mit arabischen, persischen oder afrikanischen Wurzeln, die in der europäisch geprägten israelischen Gesellschaft mehrfach diskriminiert sind. Gemeinsam haben Geflüchtete, Mizrachi und andere Gruppen 20.000 Demonstranten unter dem Motto ›Süd Tel Aviv gegen Abschiebung‹ auf die Straße gebracht. Wir haben mit mehreren Aktivistinnen und Aktivisten gesprochen. Respekt!«

Anmerkung: Der hebräische Plural lautet »Mizrachim«. Und die allermeisten von denen reagieren auf ihre Diskriminierung mit der Wahl rechter Parteien. Was die Flüchtlinge angeht, haben im Süden Tel Avivs Mizrachim aus der Unterschicht sich übrigens weniger in Solidarität geübt als vielmehr in Protesten gegen die unerwünschten Nachbarn. Aber vielleicht hat die Linke ja einen ideologisch passenden Mizrachi finden können. Das würde auch den Singular erklären.

3. Dezember: »In der Gedenkstätte Yad Vashem haben wir das beeindruckende Museum besucht und den Toten der Shoah gedacht.« Anmerkung: Gedenken findet im Deutschen im Genitiv statt. Also bitte »der Toten gedacht«.

4. Dezember: »In Ostjerusalem wo wir auf einer politischen Tour viel über die Folgen der Mauer sowie die Benachteiligung der palästinensischen Bevölkerung erfahren haben.«

Anmerkung: Etwas missverständlich formuliert. Die israelische Grenzbefestigung verläuft östlich von Jerusalem. Eine Mauer in der Stadt gab es tatsächlich bis 1967, errichtet von Jordanien. Seit dem Sechstagekrieg ist Jerusalem unter israelischer Ägide ungeteilt.

»Ich weiß, wovon ich rede. Ich habe es selbst gesehen«, wird Buchholz bald sagen, wenn sie über Israel spricht.

6. Dezember: »Heute waren wir ... in den South Hebron Hills. (...) Die rechte israelische Regierung betreibt die Ausweitung der Siedlungen und schränkt zugleich die Rechte für Palästinenser/innen und Menschenrechtsorganisationen ein.«

Anmerkung: Die Situation in den palästinensischen Gebieten ist zwar etwas komplizierter. Aber schön, wenn der Augenschein bestätigt, was man schon immer wusste. In ihrer nächsten nahostpolitischen Bundestagsrede wird die Abgeordnete Buchholz jedenfalls mit dem unschlagbaren Argument punkten können: »Ich weiß, wovon ich rede. Ich habe es selbst gesehen.«

Interview

»Geschichte wiederholt sich nicht«

Julien Reitzenstein über die Gründung der NSDAP vor 100 Jahren, historische Parallelen und Unterschiede

von Katharina Schmidt-Hirschfelder  23.02.2020

Berlinale

Dokumente zu Holocaust-Film von Jerry Lewis in Berlin

Sohn des 2017 gestorbenen Schauspielers und Regisseurs übergibt Deutscher Kinemathek Archivmaterial

 22.02.2020

Berlinale

Am besten nichts Neues

Bei den 70. Internationalen Filmfestspielen beschränken sich die Filme mit jüdischen Themen überwiegend auf Schoa, Vergangenheit und schuldbeladene Gegenwart

von Georg M. Hafner  20.02.2020

Literatur

Lyrik einer jungen Diaspora

Israelische Autoren, die in Deutschland leben, präsentieren ihre Gedichte in einer Anthologie und bei einer Lesung in Berlin

von Ralf Balke  20.02.2020

Film

Schlafwandler mit VR-Brille

Eine Berliner Schau zum 100. Geburstag des Stummfilmklassikers »Das Cabinet des Dr. Caligari«

von Katrin Richter  20.02.2020

Finale

Der Rest der Welt

An alle Väter: Sind Sie Ihren Töchtern auch peinlich?

von Beni Frenkel  20.02.2020

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter  20.02.2020

Wuligers Woche

Spur des Steines

Über Symbolpolitik in der Nachbarschaft

von Michael Wuliger  20.02.2020

Erfurter Goldschatz

Judaistin forscht zu Artefakten

»Judaistin in Residence« Merav Schnitzer will mehr zur Funktion und Bedeutung silberner Schlüssel im jüdischen Kontext herausfinden

 17.02.2020