Kino

Mein Laden, mein Leben

An der Ecke Allenby- und Ben-Yehuda- Straße stand das älteste Fotogeschäft Tel Avivs: »The Photohouse«. Geleitet wurde es von der inzwischen verstorbenen Miriam Weissenstein, geboren 1913 in Prag, seit 1921 in Eretz Israel. Zusammen mit ihrem Mann, dem Fotografen Rudi Weissenstein, gründete sie 1940 den kleinen Laden zu dem ein einmaliges Fotoarchiv gehörte. Mehr als eine Million Aufnahmen umfasste es, die vor allem die Geschichte Israels und Tel Avivs dokumentieren. Rudi Weissenstein war 1948 der einzige Fotograf des Landes, der bei der Unabhängigkeitserklärung Israels dabei sein durfte. Später fotografierte er alle Politiker des Landes, von David Ben Gurion und Golda Meir bis zu Yitzhak Rabin und Schimon Peres. Immer wieder hatte man Miriam Weissenstein viel Geld für das Archiv geboten. Doch sie wollte es nicht verkaufen. Ihre Sammlung sollte weiter allen zur Verfügung stehen, auch zufälligen Kunden und Touristen.

hommage Miriam Weissenstein starb vergangenes Jahr. Die junge israelische Filmemacherin Tamar Tal hat ihr mit dem Film Life in Stills, der diese Woche in deutschen Programmkinos anläuft, ein ebenso anrührendes wie unterhaltsames Denkmal gesetzt. Die 58 Minuten lange Dokumentation erzählt von Ruths Kampf um ihren Laden. Das Geschäft befand sich in einem Haus mitten im Geschäftsviertel der Stadt. 2010 sollte das Gebäude abgerissen werden, um einem modernen Shoppingcenter Platz zu machen. Zusammen mit ihrem Enkel Ben wehrte die damals 96-jährige Ruth sich gegen die Pläne der Städtebauer. So ist Life in Stills auch eine Betrachtung über die fragwürdige Modernisierungsmanie in Israels größter Stadt.

Doch im Zentrum steht die ganz besondere Beziehung zwischen Ben und seiner Großmutter. Die alte Dame ist streitbar, launisch und stur. Ständig kokettiert sie mit Altersgebrechen wie ihrer Schwerhörigkeit. An der Website für den Laden mäkelt sie herum, weil die Fotos anders formatiert sind. Beim Kampf um ihr Geschäft will sie keine Kompromisse eingehen, obwohl die Stadt ihr ein neues Ladenlokal zu günstigen Konditionen verspricht. Und natürlich steckt Ruth voller Widersprüche. Als sie zu einer Ausstellung von Fotos ihres Mannes nach Deutschland eingeladen wird, weigert sie sich zunächst aus Prinzip, ändert dann jedoch ihre Meinung. Einmal in Frankfurt angekommen, genießt sie ihren großen Auftritt, hält eine humorvolle Rede auf Deutsch und begeistert die Gäste der Vernissage.

familiendrama So sehr Miriam und Ben der gemeinsame Einsatz für das Erbe Rudi Weissensteins verbindet, so uneins sind sie sich in vielen anderen Fragen. Nicht nur, weil für die konservative Oma Bens Homosexualität schwer zu akzeptieren ist. Im Hintergrund wirft eine Familientragödie ihre Schatten. Bens Mutter wurde nach über 30 Jahren Ehe von ihrem Mann getötet, der sich anschließend selbst das Leben nahm. Enkel und Großmutter gehen damit sehr unterschiedlich um. Während Ben um beide Eltern trauert, kann Miriam in seinem Vater nur den Mörder ihrer Tochter sehen.

Tamar Tal gelingt es, auch diese tragische Seite in ihre wunderbar leichte Dokumentation so zu integrieren, dass am Ende ein lebensbejahender Film über die verbindende Kraft zwischen den Generationen entsteht. Nach Erfolgen bei Festivals in Israel, Neuseeland, der DokFilm Leipzig und dem Jüdischen Filmfestival Berlin, wo der Film den Publikumspreis erhielt, kommt Life in Stills jetzt auch in die deutschen Kinos. Etablierte Verleiher wollten die charmante Produktion nicht auf die große Leinwand bringen, wohl auch wegen ihrer ungewohnten »Fernsehfilm-Kürze«. Das Berliner Filmkunstkino Moviemento um seine engagierte Leiterin Iris Praefke sah das anders und startet Life in Stills nun in den Programmkinos. Nicht nur, um diesen Mut zu belohnen, sollte man sich den Film unbedingt ansehen.

Fernsehen

»Du bist ein kranker Lügner«

Ariel attackiert Gil Ofarim und Mirja muss raus: So war die zehnte Folge des Dschungelcamps

von Martin Krauß  01.02.2026

"Dschungelcamp"

Gil Ofarim: »Auch ich will ’ne Antwort - vom deutschen Justizsystem«

Musiker Gil Ofarim steht wieder im Zentrum der Aufmerksamkeit

von Britta Schultejans  01.02.2026

Musik

»Ich werde alles geben«

Noam Bettan, Israeli mit französischen Wurzeln, vertritt sein Land beim Eurovision Song Contest in Wien

von Sabine Brandes  01.02.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Veränderung oder Die Welt von gestern ist nicht mehr

von Nicole Dreyfus  01.02.2026

TV

Was der Dschungel mit den Primaries zu tun hat

»Ich habe halt seeehr wenig Follower«, sagt Nicole Belstler-Boettcher als sie das Camp verlassen muss. Das Dschungelcamp serviert uns in ungewöhnlichem Rahmen einiges zur Demokratietheorie

von Martin Krauß  01.02.2026

Kino

»EPiC: Elvis Presley In Concert« feiert Kinostart

Laut Regisseur Baz Luhrmann ist das Werk weder eine reine Dokumentation noch ein klassisches Konzertfilm-Format, sondern ein tiefgründiges Porträt des 1977 verstorbenen jüdischen Stars. Die Kritiker sind beeindruckt

 31.01.2026

Der diesjährige Lerntag "Jom Ijun" findet am 1. Februar im Gemeindezentrum der ICZ in Zürich statt.

Interview

»Wir sind in der kleinen jüdischen Welt einsam«

Der diesjährige Lerntag »Jom Ijun« beleuchtet das innerjüdische Spannungsfeld zwischen Gemeinschaft und Individualismus. Warum auch der jüdische Diskurs davon betroffen ist, erklären die Organisatoren Ron Caneel und Ehud Landau im Gespräch

von Nicole Dreyfus  31.01.2026

Aufgegabelt

Früchtebrot

Rezepte und Leckeres

 31.01.2026

Rezension

Israel lieben und an Israel zweifeln

Sarah Levys Buch »Kein anderes Land« ist ein persönliches Zeitdokument – von Sommer 2023 bis zum 7. Oktober und dem Gaza-Krieg

von Eugen El  31.01.2026