Sammelband

Mehr Debatten, bitte!

»Ich fühle mich im doppelten Sinne mit dem Leben hier verbunden«, betont etwa Yan Wissmann in seinem Beitrag »Jecke sein oder nicht sein?«. Foto: Verlag

Sammelband

Mehr Debatten, bitte!

Das jüdische Studienwerk ELES versammelt in einem neuen Sammelband Essays junger Juden zu Identitätsfragen

von Paul Bentin  19.11.2018 19:25 Uhr

So viel jüdische Vielfalt wie heute gab es noch nie im Deutschland der Nachkriegszeit. Grund dafür war nicht einfach nur die Zuwanderung von Zehntausenden Juden aus der ehemaligen Sowjetunion oder der Zuzug von Israelis nach Berlin. Schließlich »importierte« jeder von ihnen zugleich sein Set ganz individueller Familiengeschichten, zu denen sich dann die hierzulande gemachten persönlichen Erfahrungen addierten.

Das gilt vor allem für die Vertreter der jüngeren Generation, denen auch das Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk (ELES) seit nunmehr zehn Jahren eine Plattform bietet, um Positionen, Dialoge und Projekte zu entwickeln – kurzum, um fundierte Beiträge zu einer jüdischen Zivilgesellschaft zu leisten.

JUBILÄUM »Insofern ist es spannend, jetzt wieder zu fragen, was diese jungen Menschen, diese jungen Jüdinnen und Juden, hier in Deutschland hält – und unter welchen Bedingungen sie eine Perspektive für sich sehen«, bringt es Rabbiner Walter Homolka auf den Punkt – neben ELES-Geschäftsführer Jo Frank und ELES-Referent Jonas Fegert einer der drei Herausgeber des Sammelbands Weil ich hier leben will ..., der jetzt anlässlich dieses Jubiläums erschienen ist. Man selbst verstehe sich in diesem Kontext als »Impulsgeber« für Debatten. Diese sollen aber nicht nur im innerjüdischen Rahmen stattfinden, sondern auch nach außen getragen werden.

»Ich fühle mich im doppelten Sinne mit dem Leben hier verbunden«, betont etwa Yan Wissmann in seinem Beitrag »Jecke sein oder nicht sein?«. »Mit der deutschen Gesellschaft, die eine Menge an kulturellen und sozialen Errungenschaften zu bewahren und zu verteidigen hat, sowie mit der Tradition des deutschen Judentums.« Er selbst kommt aus Brasilien und entstammt einer Familie mit deutsch-jüdischen Wurzeln.

Wer sich einen Eindruck vom neuen Selbstbewusstsein von Juden in Deutschland machen möchte, der kommt um dieses Buch nicht herum.

Für Hannah Peaceman dagegen verfügt das Judentum hierzulande nicht nur auf theoretischer Ebene über einen reichhaltigen Schatz an politischen Traditionen, der ihrer Meinung nach viel mit der Auslegung jüdischer Gesetze zu tun hat und dringend der Pflege bedarf. Dabei geht es der Politikwissenschaftlerin vor allem um die Diskussions- und Streitkultur. »Einigkeit um jeden Preis?«, fragt sie entsprechend provokativ in ihrem Plädoyer für mehr Dissens auch unter Deutschlands Juden. »Viele Widersprüche in einer zahlenmäßig kleinen Gemeinschaft können eine große Herausforderung darstellen.«

ZUKUNFT Benjamin Fischer geht in seinem Beitrag der Frage auf den Grund, »ob wir, die junge, die ›dritte Generaton‹, repräsentativ für die vielen Gesichter des Judentums stehen können«. Seine Antwort: Die jüdische Gemeinschaft muss erkennen, dass sich ihre Relevanz und »die Weitergabe des Judentums an die nächste Generation und damit die Zukunft der eigenen Gemeinde vor allem anhand von Fragen des religiösen Pluralismus entscheiden wird«.

Wer sich einen Eindruck von dem neuen Selbstbewusstsein von Juden in Deutschland machen möchte, der kommt um dieses Buch nicht herum. Vielleicht mögen nicht alle Beiträge auf Zustimmung stoßen – das wollen die Autoren ja auch gar nicht. Konsens ist nicht ihr Ding. Aber das »geistig-intellektuelle Ghetto«, in dem laut Homolka die jüdische Gemeinschaft hierzulande viel zu lange gelebt hat, dürfte diese Generation definitiv hinter sich gelassen haben.

Walter Homolka, Jonas Fegert, Jo Frank (Hg.): »›Weil ich hier leben will ...‹ – Jüdische Stimmen zur Zukunft Deutschlands und Europas«. Herder, Freiburg 2018, 224 S., 20 €

Sehen!

»Doitscha – Alles geht vorüber«

Die Tragikomödie »Doitscha – Alles geht vorüber« in der ARD beruht auf einem Buch von Adriana Altaras

von Pascal Beck  04.11.2026

Fernsehen

»Doitscha« erzählt vom Leben deutscher Juden nach dem 7. Oktober

Im Mittelpunkt der pointierten Tragikomödie steht eine Familie, in der unterschiedliche Identitäten, Ängste und Lebensentwürfe aufeinanderprallen

 04.11.2026

TV-Tipp

Viele Jahre bis zum großen »Hallelujah«: Arte zeigt Porträt von Leonard Cohen zum zehnten Todestag

Es ist wohl das bekannteste Lied des kanadischen Sängers Leonard Cohen. Und so steht »Hallelujah« auch im Zentrum eines so unterhaltsamen wie inspirierenden Porträts über diesen modernen Minnesänger

von Jan Lehr  04.11.2026

Essay

Der neue Jude

Warum ich Mitleid mit den Deutschen habe, die bis heute nicht begreifen wollen, dass wir keine wehrlosen Opfer mehr sind, sondern starke, selbstbestimmte Menschen, die hart zurückschlagen, wenn man uns angreift

von Zeev Avrahami  04.11.2026

Programm

Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 4. November bis zum 12. November

 04.11.2026

Sachbuch

Der Kampf jüdischer Gemeinden für den Synagogen-Aufbau nach dem Krieg

Durch die Nationalsozialisten zerstört, wollten jüdische Gemeinden viele Synagogen in Deutschland nach dem Krieg wieder aufbauen. Doch sie hatten mit Widerständen zu kämpfen - und mit Parkplätzen und Einkaufszentren

von Thomas Klatt  04.11.2026

New York

Nach Paul Simon wird auch Art Garfunkel 85

Mit Songs wie »The Sound of Silence« wurden Simon & Garfunkel weltberühmt – aber auch die Streits der beiden Schulfreunde aus New York sind legendär. Jetzt steht der nächste große Geburtstag an

von Christina Horsten  04.11.2026

Frankfurt am Main

Rote und blaue Fäden

Mit der Installation »A Sky Full of Hope« will die Künstlerin Janet Echelman globale Vernetzung sichtbar machen – und eckt in der Stadt damit an

von Eugen El  03.11.2026

Frankfurt

Jüdische Akademie soll »Haus der Zukunft« sein

In der ersten Diskussionsrunde der neuen Jüdischen Akademie in Frankfurt stieß ein Wunsch angesichts von Antisemitismus und innerjüdischer Differenzen auf große Zustimmung: Die Akademie soll ein »Haus der Zukunft« sein

 03.11.2026