Geschichte

Mecklenburger Mirjamsbrunnen

Ein eher unbekanntes Foto zeigt Rabbiner Leo Baeck zusammen mit Professor Ismar Elbogen im Strandkorb. Die Bildunterschrift dazu: »Arendsee 1932«. Arendsee? Das Ostseebad wurde 1938 mit den Nachbarorten Fulgen und Brunshaupten zur Stadt Kühlungsborn vereint. Ein Bericht im Bayerischen Israelitischen Familienblatt vom Sommer 1931 erklärt, was es mit Baecks Aufenthalt in Arendsee auf sich hat. Am 28. Juni 1931 hatte er hier das Erholungsheim der Hausmann‐Stiftung eröffnet, ein Haus für jüdische Akademiker, ihre Angehörigen und Witwen – Leo Baeck »hielt die Weihrede in seiner bekannten geistvollen Art«.

Die Villa Hausmann war der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums von der kinderlosen Mathilde Hausmann vermacht worden. Der mecklenburgische Landesrabbiner Siegfried Silberstein verglich das Heim damals mit dem biblischen Mirjamsbrunnen: »Hier mögen die im Kampfe des Lebens angespannten und verzehrten körperlichen und geistigen Kräfte Entspannung und Verjüngung finden, seelische Überwindung des Alltagslebens, Erhebung und ideale Förderung.« Dazu gehörten koschere Küche und Schabbatgottesdienste.

Die heutige »Villa Baltic« wurde 1910‐12 als Wohnhaus für den Berliner Justizrat Wilhelm Hausmann und seine Frau Margarete errichtet. Sie ist laut Alexander Schacht von der Denkmalschutzbehörde Bad Doberan das Hauptwerk eines der renommiertesten mecklenburgischen Architekten des frühen 20. Jahrhunderts: Alfred Krause (1866–1930). »Die Fassaden sind durch Risalite, Erker und Ecktürme sowie durch ihre reiche, von dem Neubrandenburger Bildhauer Wilhelm Jaeger geschaffene bauplastische Ausschmückung sehr aufwendig gestaltet. Stilistisch ist die Villa dem Neobarock zuzuordnen, wobei sie in den Details und hinsichtlich ihrer technischen Ausstattung den damals modernsten Stand der Bautechnik repräsentierte«, erklärt Schacht.

meerblick Das Erholungsheim, das von Frau Sanitätsrat Herta Marcuse geleitet wurde, hatte 1931 bereits 104 Gäste. »Der Preis für volle Pension mit bester Verpflegung (rituell) beträgt täglich RM 5.« Um möglichst viele Besucher unterbringen zu können (die »Akademische Gesellschaft Hausmann‐Stiftung« zählte 136 Mitglieder), erwarb die Hochschule auch die gegenüberliegende Villa Horn; im Haupthaus befanden sich die Gesellschaftsräume mit Blick aufs Meer.

Doch die Idylle währte nicht lange. »Das zur Stiftung gehörige Erholungsheim in Arendsee ist seit Ende 1935 behördlich geschlossen«, heißt es im Juni 1936 im Jahresbericht der Hochschule. Ein Jahr zuvor, am 7. Juli 1935, verkündete die Zeitung Niederdeutscher Beobachter: »Arendsee wird judenrein.« In der Nacht vom 20. auf den 21. Juli wurden die Fensterscheiben der Villa zertrümmert.

Autoren wie Alexander Schacht, dem Heimatforscher Jürgen Jahncke und dem FAZ‐Redakteur Axel Wermelskirchen ist es gelungen, die Geschichte des Hauses zu rekonstruieren, das 1935 der »Goebbels‐Stiftung für Bühnenschaffende in der Reichstheaterkammer« überlassen wurde. Betreiber Alfred Brendel schrieb 1938 über die umfangreiche Hausbibliothek: »Auf dem Boden in der alten Bettenkammer haben wir ungefähr anderthalb Zentner richtiggehende Judenschwarten liegen, sollen die noch aufbewahrt werden oder der Schule zur Altwarenverwertung übergeben? Auch alte Bilderrahmen mit den Fotos von den Gaunern, die dieses Schloss erbaut, kurzum alle solche Sachen, die in unsere Weltgeschichte nicht mehr passen.« Dazu die handschriftliche Randbemerkung: »Rahmen aufbewahren, Fotos vernichten.«

Wermelskirchen fand eine Bescheinigung der Goebbels‐Stiftung, die der Grabstätte von Mathilde und Wilhelm Hausmann im Park des sogenannten Judenschlosses galt: »Ich erteile hiermit der Israelitischen Gemeinde in Rostock meine Zustimmung zwecks Entfernung der Grabpyramide der Eheleute Hausmann.« Der Geschäftsführer der Goebbels‐Stiftung brüstete sich, das Haus für »sage und schreibe RM 20.000 erworben« zu haben, »das einen Wert von RM 1.500.000 repräsentiert.«

Verfall 1946 wird die Villa zunächst der Jüdischen Landesgemeinde Mecklenburg zugesprochen, seit 1949 ist sie Eigentum der UdSSR. In der DDR wird das Haus zum »Kurt‐Bürger‐Erholungsheim« des FDGB umgebaut. Seit der Wende sind die Bauschäden infolge von Leerstand und Vandalismus erheblich gestiegen. Dass die Jewish Claims Conference nach langen Querelen mit der Stadt das Objekt 2003 verkaufte, machte die Lage nicht besser. Der Investor vermochte seine Pläne nie umzusetzen; aus dem angestrebten Wellnesstempel wurde nichts. Dennoch: »Die Villa«, so Schacht, »ist in ihrer Grundsubstanz erhalten.«

Bald soll das Haus wieder in seiner alten Pracht erstrahlen. Vor einem Jahr meldete die Ostsee‐Zeitung, dass die Villa Baltic nach langwierigen Verhandlungen an einen Augenarzt verkauft wurde, der das schönste Gebäude Kühlungsborns denkmalgerecht sanieren will. Die Voraussage des Hamburger Israelitischen Familienblatts, dass sich »in diesem Schlosse also seit dem Jahre 1931 allsommerlich ein neues Stück jüdischen Lebens in Deutschland abspielen« wird, hat sich allerdings nicht erfüllt. Geblieben ist wenig mehr als ein Ordner im Archiv des Leo‐Baeck‐Instituts in New York.

Es besteht aber die Hoffnung, dass nächsten Sommer, 80 Jahre nach Eröffnung des Erholungsheims, endlich an die jüdische Geschichte der Villa erinnert wird. Die Stadtverwaltung hat bislang jeden Hinweis darauf vermieden; den Urlaubern gibt keine Gedenktafel Auskunft über die früheren jüdischen Eigentümer und Gäste. Der 100. Geburtstag der Villa im Jahr 2012 böte sich auch dazu an, das Stück Strandpromenade zwischen Haus und Meer, das jetzt den eher beliebigen Namen »Baltic‐Platz« trägt, nach der Familie Hausmann zu benennen.

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