Plaudereien

Mazze und Weltverschwörung

»Alles, worüber Juden Witze machen, trifft zu«: Lena Gorelik Foto: JA

Plaudereien

Mazze und Weltverschwörung

Lena Gorelik erklärt ihrem Sohn sein jüdisches Erbe

von Georg Patzer  14.03.2011 16:22 Uhr

Das ist doch mal eine schöne Frage: »Wie ist es, als Jude in Kanada zu leben?« Aber das Gegenüber, ein kanadischer Jude, begreift nicht. Erst denkt er, er hätte sich verhört. Und als die Frage wiederholt wird, missversteht er sie: Wie soll es schon sein? Kalt wahrscheinlich, aber das ist es ja für alle, Frankokanadier, Indianer, Juden und Katholiken.

gestrüpp Es gibt Fragen, die kann man nur in Deutschland stellen. Nur die Deutschen haben diesen speziellen Umgang mit den Juden. Wobei ja die meisten hiesigen Juden eigentlich auch Deutsche sind. Aber da ist man schon mitten im deutsch-jüdischen Befindlichkeitsgestrüpp, in dem man sich verheddern kann, verirren, an Dornen verhaken, aus dem man sich manchmal mit Gewalt losreißen muss. Eines ist klar: Entspannt geht es nicht zu. Man ist versucht, »noch nicht« zu schreiben und lässt es dann doch lieber.

Das weiß auch Lena Gorelik, eine junge Schriftstellerin, 1981 in Leningrad geboren und als »Kontingentflüchtling« mit ihrer russisch-jüdischen Familie nach Deutschland gekommen. Nach zwei Romanen hat sie jetzt eine Sammlung von Briefen oder Aufsätzen oder Feuilletons – man weiß nicht so recht, was es ist – veröffentlicht, in denen sie ihrem 2010 geborenen Sohn Mischa gestehen muss: »Es tut mir so leid, dass ich Dir das nicht ersparen konnte: Du bist ein Jude.«

Wie sie ihm auch viele andere Sachen nicht ersparen kann: ein gebrochenes Bein, ein gebrochenes Herz. Oder die Reise, die er später nach Asien unternehmen wird, um dann »zurück nach Deutschland zu kommen, um Mathematik zu studieren, was, wenn wir mal ehrlich sind, Du schon hättest machen sollen, als Mama Dir dazu riet«.

Aber erst muss Lena Gorelik Mischa natürlich erklären, wie das ist, ein Jude zu sein. Zum Beispiel, dass die Vorurteile stimmen, denn »alles, worüber Juden Witze machen, trifft zu«. Ja, es ist wahr, dass Juden Hakennasen haben und Glatzen, viel Geld besitzen (leider sind die Goreliks nicht mit Rothschilds verwandt), Wucherer sind, schlau und gerissen, Lobbyisten, inzestgefährdet (Woody Allen) und an einer Weltverschwörung basteln: »Leider dürfen bei der Weltverschwörung nur auserwählte Juden mitmachen. Mich laden sie nicht dazu ein.« Der Sohn erfährt auch, dass die meisten jüdischen Feste »lustig« sind, weil sie an Vertreibungen oder Ähnliches erinnern und dass Mazze »so lecker ist, wie es klingt«.

brüche In diesem Ton geht es fast durch das ganze Buch. Schon witzig, wenn man feststellt, dass Klischees und Wirklichkeit oft deckungsgleich sind, dass Übertreibungen häufig keine sind. Das ist allerdings nicht neu, sondern seit Jahren immer wieder ein Thema für Autoren wie Maxim Biller, Barbara Honigmann oder Rafael Seligmann. Und leider hält Lena Gorelik inhaltlich und stilistisch nicht ihren Anspruch durch. Da erklärt sie in Anmerkungen am Rand des Buches manches, das ein jüdisch erzogener Sohn sowieso wissen wird, sprich, sie schreibt dann doch für Philosemiten, die die Jüdische Allgemeine lesen (so charakterisiert sie die Zeitung an einer Stelle), obwohl sie sich für deren Katharsis nicht verantwortlich fühlen will.

Dann wieder schleicht sich ein leicht bitterer Ton in die ansonsten netten Plaudereien ein, etwa, wenn sich die Autorin bei christlich-jüdischen-Brüderlichkeits-Veranstaltungen angegafft fühlt wie im Zoo und am liebsten, wie sie schreibt, einen gelben Judenstern anlegen würde. Ihr Fett weg bekommen natürlich auch die 150-prozentigen Konvertiten, die bei der Aufnahmeprüfung die 613 Gebote lernen müssen, »denen wir (…) nicht folgen; häufig, weil wir sie gar nicht kennen«. Schließlich wird es noch kishonesk, wenn sie feuilletonis-tisch über Taxi- und Busfahren in Israel plauscht. Da hat das Buch dann auch formal nichts mehr mit den Briefen an ihren Sohn zu tun, dem Lena Gorelik doch erklären wollte, wie es ist, als Jude in Deutschland zu leben.

Lena Gorelik: »Lieber Mischa, Du bist ein Jude«. Graf, München 2011, 184 S., 18 €

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