Kulturkolumne »Shkoyach«

Madoschs Mensch

Foto: Getty Images/iStockphoto

Kulturkolumne »Shkoyach«

Madoschs Mensch

Wie eine Katze zwei Freundinnen zusammenbrachte – in einem Apartment des jüdischen Altersheims

von Maria Ossowski  19.11.2024 11:31 Uhr

Madosch besaß den für Katzen üblichen siebten Sinn. Sechs Leben hatte sie artgemäß verbraucht, und nun sollte sie hochbetagt in aller Stille vergehen, leichter werden, mit täglich trüberem Blick. Doch der felidae-eigene Instinkt wachte noch in ihrem zarten Körperchen, das sich in der Sofaecke eines Apartments im jüdischen Seniorensitz eingerollt hatte. Wille und Rationalität sind keine eigentlichen Katzeneigenschaften, was jedoch nicht heißt, dass derlei Bedeutsames diesen Fellpersönlichkeiten fremd wäre.

Nur schweben Katzen-Wahrnehmungen anders durch den Raum und wandeln sie, unsichtbar für ihre menschlichen Begleiter, in oft Erstaunliches um. Das ist kein spiritueller Unfug, das ist Gesetz, Madoschs Mensch kannte es. Sie beobachtete das Tierchen und litt mit ihm. Madoschs Mensch war ähnlich zart, jedoch sehr viel jünger, wenn man Menschen und Katzenjahre aneinanderlegt, und seit sechs Jahren Witwe.

Sie hatte erfahren, wie schwer Überlebende mit ihrem Überleben hadern

Madoschs Mensch war aus einer großen Altbauwohnung mit ihrem viel älteren Mann in das Seniorenheim gezogen, um bei ihm zu bleiben. Sie hatte Jahrzehnte erfahren, wie schwer Überlebende mit ihrem Überleben hadern, sie hatte mit ihm immer wieder seine Lager besucht: Theresienstadt, Auschwitz.

Madoschs Mensch widersteht keiner Art von feinen Kuchen, sie liest Gedichte von Mascha Kaléko und schaut Serien auf Netflix.

Madoschs Mensch achtet die Vergangenheit, Madoschs Mensch achtet auch die Gegenwart, und dies oft mit Genuss. Sie raucht gern auf dem kleinen, mit Katzennetzen gesicherten Balkon, sie liebt Orchideen, die vor den Panzerglasfenstern in Pastellfarben blühen, Madoschs Mensch widersteht keiner Art von feinen Kuchen, sie liest Gedichte von Mascha Kaléko und schaut Serien auf Netflix.

Auf Facebook sind einige Katzenfreunde unterwegs

Und sie mag ihre Community auf Facebook. Sie wusste: da sind einige Katzenfreunde unterwegs. Ob irgendjemand ihr im virtuellen Social Media Orbit wohl helfen würde, zu entscheiden, wann Madosch von ihrem Leid zu erlösen sei? Das Tierchen kuschelte und fraß und schaute dennoch täglich erbärmlicher aus. Madoschs Mensch beschloss, die ihr sonst angeborene Diskretion in Krankheitsfragen aufzugeben, der Katze zuliebe. Sie setzte ein Katzenfoto in ihre Timeline und bat um Hilfe.

Einen Tag später fragte ich den uniformierten Herrn in seinem Wachhäuschen, ob das Gebäude hinter dem hohen Zaun wohl das jüdische Seniorenheim sei. »Ich weiß nicht, was ich bewache«, gab er, des Deutschen kaum mächtig, bedauernd zu. Ich ahnte es auch noch nicht, weiß aber jetzt: in diesem Haus befindet sich eine nicht aus der Zeit, sondern in die Zeit gefallene kleine Seligkeit, beschützt von der Mesusa an der Apartment-Tür.

Es gibt Hugo, diesen süßen Quatsch aus Minze, Sekt und Holundersirup

Madoschs Mensch serviert Hugo, diesen süßen Quatsch aus Minze, Sekt und Holundersirup. Tee sei langweilig zum Beginn einer Freundschaft und helfe beim Blick auf die kranke Katze auch nicht. Sie erzählt: im Apartment hatte zuvor Coco Schumann gelebt, da ging es natürlich hoch her. Viele Kontakte hat sie nicht im Heim, aber schon einige. Eine liebe Freundin ein paar Türen weiter ist 95, vollkommen klar und klug, sie nennt Madoschs Menschen eine hübsche junge Frau.

Das ist sie in der Tat, zudem voller Selbstironie und Charme. »Karriere? Ich? Das hat nicht gepasst. Ich bin lieber ein bisschen faul.« (Immerhin hat Madoschs Mensch zwölf Jahre als Redakteurin des »Tagesspiegel« gewirkt). Die Katze, nur noch ein Schatten ihrer selbst, schnurrt während des Gesprächs, an den Wänden hängen die entzückenden Zeichnungen und Grafiken des tschechischen Cartoonisten Adolf Born, die Madoschs Mensch während des Literaturstudiums gesammelt hatte. Der Nachmittag verfliegt.

Beim zweiten Besuch fehlt zwar leider Madosch, sehr intensiv, unsere liebenswürdige jüdische Tierärztin hat ihr ins Reich des Katzenparadieses helfen müssen, aber Madoschs Mission auf Erden ist eh abgeschlossen. Zwei Freundinnen haben sich gefunden, in einem kleinen Apartment des jüdischen Altersheims. Madosch sei Dank.

Tacheles-Preis

»Ihr prägt den Journalismus. Ihr prägt unser Land«

WELT-Chefredakteur Helge Fuhst hielt die Laudatio auf die Jüdische Allgemeine. Eine Dokumentation

von Helge Fuhst  21.05.2026

Cannes

Hüller als Erika Mann, Eidinger als Gestapo-Chef

Das Programm der Filmfestspiele ist vom Zweiten Weltkrieg geprägt. Ein Beitrag außerhalb des Wettbewerbs sorgte für Überraschungen

von Patrick Heidmann  21.05.2026

Dokumentation

»Mehr Mut zu unbequemen Wahrheiten!«

Die Jüdische Allgemeine ist mit dem Tacheles-Preis ausgezeichnet worden. Hier dokumentieren wir die Dankesrede von JA-Chefredakteur Philipp Peyman Engel

von Philipp Peyman Engel  21.05.2026

Aufgegabelt

Schawuot: Käse-Bourekas

Rezepte und Leckeres

 21.05.2026

Berlin

Daniel-Ryan Spaulding: Pro-israelischer Comedian aus Kanada in Deutschland

»Wenn wir Freiheit, Demokratie und säkulare Werte verteidigen wollen, dann sollten wir alle an der Seite Israels stehen«, sagt der Künstler, der auch zum Aktivisten wurde

von Imanuel Marcus  21.05.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Bettina Piper, Imanuel Marcus  21.05.2026

Würdigung

»Wo andere laut schweigen, lässt sie sich nicht unterkriegen«

Der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland würdigt in seiner Laudatio auf die Jüdische Allgemeine die Verdienste der Redaktion - und ihren Mut

von Abraham Lehrer  21.05.2026

Leipzig

Ausstellung zu jüdischem Leben und Bach

Johann Sebastian Bach hat sehr wahrscheinlich keine persönlichen Kontakte zu Jüdinnen und Juden gepflegt. Doch seine Werke wurden schon im 18. Jahrhundert von der jüdischen Community aufgeführt und verbreitet

von Katharina Rögner  20.05.2026

Programm

Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 21. Mai bis zum 3. Juni

 20.05.2026