Einspruch

Lernen im Lockdown

Lena Gorelik Foto: Christian Rudnik

Nun sitzen sie wieder über ihren Heften am Küchentisch, die Kinder. Als wäre das Frühjahr zurück, diese erste, endlose, gleichmäßige Zeit des Lockdowns. Ich sitze am Schreibtisch, und wenn sie eine Frage haben, zum Einmaleins, zur Rechtschreibung, kommen sie zu mir, Heft und Stift in der Hand.

Das haben sie gelernt: dass ich wahnsinnig werde, wenn sie mich, gefühlt alle fünf Minuten, zu sich rufen. Auch ich habe gelernt. Etwa, wie wichtig Pläne in dieser Zeit sind, jeden Morgen zu besprechen, wann ich Videokonferenzen habe, wer für das Ausräumen der Spülmaschine zuständig ist, was wir wann essen.

to-do-listen Auch, dass die Pläne nicht aufgehen, meine zumindest. Dass ich nicht so viel arbeiten kann, wie ich mir vornehme, auch wenn die To-do-Listen im Lockdown kürzer sind als sonst. Ebenso habe ich gelernt, mich nicht mehr darüber zu ärgern.

Wir alle haben gelernt, Familien, Kinder, Erwachsene, Gesellschaft.

Jeder Tag hat ein Ende, auch im Lockdown: Abends kuscheln wir uns ins Bett, jeder von uns liest sein Buch, ich zwischen den Kindern, als hätte es diesen Tag, an dem ich kaum allein war, nicht gegeben.

Wir alle haben gelernt, Familien, Kinder, Erwachsene, Gesellschaft: dass die Kinder widerstandsfähiger sind, als wir denken, dass sie an Küchentischen lernen können, zwischen kleineren Geschwistern, mit Eltern, die gereizt und überfordert sind und die Rolle des Lehrenden übernehmen.

schokolade Dass sie annehmen können – die Pandemie als Lebenszustand ebenso wie ihren Ärger und ihre Traurigkeit darüber, wenn sie Großeltern oder Freunde nicht sehen können. Dass sie einfach warten, bis nach der Traurigkeit wieder Freude kommt, weil die Eltern nachgeben und es doch Schokolade als Snack gibt. Wir haben wieder einmal gelernt, dass wir von den Kindern lernen können.

Vielleicht schaffen wir es in diesem Jahr, die Dinge lockerer zu sehen: schmutziges Geschirr auch einmal stehen zu lassen, uns weniger schlecht zu fühlen, wenn in all dem Wahnsinn der Geduldsfaden reißt. Alles geht vorbei: dieser Moment – und der Lockdown sicher auch.

Die Autorin ist Schriftstellerin in München.

Zahl der Woche

68 Prozent

Fun Facts und Wissenswertes

 13.10.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Virale Selbstverliebtheit oder Wie das gute alte Kochbuch verdrängt wurde

von Nicole Dreyfus  13.10.2026

Interview

»Ich bin keine Maschine«

Der Pianist Igor Levit über sein neu gegründetes Musiklabel, einen 16-Stunden-Auftritt und jüdische Witze

von Christine Schmitt  13.10.2026

TV-Tipp

Brillanter Anthony Hopkins glänzt in »One Life«

Leider erst nächtens zeigt das ZDF ein biografisches Drama über den Briten Nicholas Winton, der 1939 Kindertransporte von Prag nach London organisierte und damit mehrere hundert Kinder vor den Nazis rettete

von Jan Lehr  13.10.2026

Glosse

Wir stehen zum Existenzrecht Pakistans!

Absurder als im rot-rot-grünen Berlin wird’s nicht mehr

von Philip Fabian  13.10.2026

Replik

Einspruch, euer Ehren!

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ging in diesem Jahr an Philippe Sands. Ausgerechnet ein Mann, dessen Autorität auf juristischer Präzision und universellen Maßstäben gründet, nimmt es mit dem Völkerrecht erstaunlich ungenau

von Leeor Engländer  13.10.2026

Medien

Israel verweigert »taz«-Korrespondentin Arbeitsvisum

Diaspora-Ministerium: »Antiisraelische Akteure und diejenigen, die Israel verleumden, sollten keinen Fuß in das Land setzen«

 13.10.2026

Erinnerungen einer deutschen Jüdin

Rabbinertochter und Gynäkologin

Rahel Straus: Eine Frauenärztin kämpfte Anfang des 20. Jahrhunderts gegen den Paragrafen 218

von Ellen Presser  13.10.2026

Noa Yedlin

Wenn das falsche Buch zum richtigen wird

»Romance« als Erfolgsrezept: Die israelische Autorin nimmt »ernste« Literatur und das Geschäft damit aufs Korn

von Nicole Dreyfus  13.10.2026