E-Health

Leben retten per App

Dank digitaler Technologien und Apps können Ärzte den Gesundheitszustand ihrer Patienten jederzeit im Blick behalten. Foto: Getty Images/iStockphoto

Sie heißen »Notal Vision«, »Hello Heart« oder »DayTwo« und gehören zu den vielen kleinen Stars der Szene. Denn bis zu 60 Millionen Dollar steckten Wagniskapitalgeber im ersten Halbjahr 2021 allein in jedes dieser drei israelischen Unternehmen, die im Bereich Medizintechnik mit innovativen Lösungen aufwarten.

Insgesamt flossen in diesem Zeitraum mehr als eine Milliarde Dollar an Investitionen in den Bereich »Digital Health« nach Israel – ein neuer Rekord, wie die Plattform »Start-Up Nation Central« kürzlich meldete. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum war das nämlich ein sattes Plus von 114 Prozent.

STÄRKEN Die Stärken der Israelis liegen vor allem in der Diagnostik, den sogenannten Decision Support Systems (DSS) – worunter Softwareangebote zu verstehen sind, die Informationen aufarbeiten, auf deren Basis dann Mediziner schneller und fundierter Entscheidungen fällen können –, sowie der Bereitstellung digitaler Therapieangebote.

So hat beispielsweise Notal Vision ein Gerät entwickelt, das es Patienten mit speziellen Netzhauterkrankungen ermöglicht, ihre Augen zu Hause kontrollieren zu können, wobei die Daten dabei über eine Cloud direkt den behandelnden Ärzten zur Verfügung gestellt werden.

»Einerseits geht es um die guten Erfahrungen des Empowerment, die Patienten brauchen, wenn diagnostische Tests erfolgreich über Jahre hinweg in den eigenen vier Wänden durchgeführt werden sollen«, bringt Barbara Benedict, Vizechefin des Unternehmens, die Idee hinter dem Gerät auf den Punkt. »Andererseits wirkt sich das Ganze auch positiv auf das Zusammenspiel mit den betreuenden Ärzten aus.«

Die elektronische Krankenakte war der Urknall der E-Health-Branche.

Hello Heart hat eine eher klassische App an den Start gebracht. Sie soll Menschen mit Bluthochdruck unterstützen. Aber auch hier geht es um die Interaktion zwischen Patienten und Medizinern, ohne dass man sich dabei im realen Leben begegnen muss. »Wir helfen nicht einfach nur, im Alltag den Blutdruck und den Puls mit unserer Hardware zu messen«, skizziert Gründerin und Chefin Maayan Cohen das Konzept.

algorithmen »Darüber hinaus vernetzen wir die Patienten mit ihrer Klinik sowie mit Apple Health oder Google Fit, sodass ein ganzheitliches Bild über die Gesundheit ihres Herzens entstehen kann.« Über 100.000-mal sei die App bereits heruntergeladen worden. »Aktuell arbeitet unser Team an prädikativen Algorithmen. So lassen sich mehr Risiken rechtzeitig erkennen und beispielsweise potenzielle Herzinfarkte vorhersagen. Wir sind sehr stolz darauf, auch Leben retten zu können«, betont Cohen.

Bei DayTwo dreht sich alles um die Darmflora. Dass deren Zusammensetzung nicht aus der Balance gerät, sondern optimal eingestellt wird, dafür will das israelische Unternehmen mit personalisierten Empfehlungen sorgen. Diabetikern und anderen Menschen mit Metabolismus-Problemen soll so geholfen werden.

»Wenn eine Patientin in Michigan diese Woche berichtet, dass sie eine komplexe gewichtsreduzierende Operation abgesagt hat, oder ein Diabetiker keine Medikamente mehr nehmen muss, weil er seinen Blutzuckerspiegel durch eine gezieltere Auswahl der täglichen Nahrungsmittel besser in den Griff bekommt, dann gibt das unserer Arbeit einen Sinn und erzeugt einen echten Mehrwert«, betont Adi Lev, verantwortlich für Forschung und Entwicklung bei DayTwo.

DATEN Algorithmen sind im israelischen Gesundheitswesen schon länger im Einsatz. Schon 1995 setzte der Siegeszug der Digitalisierung ein, als die vier großen Krankenversicherer Maccabi, Clalit, Meuhedet sowie Leumit begannen, Patien­tendaten zentral zu erfassen und auszuwerten.

Daraus wurde schnell die elektronische Krankenakte – das war quasi der Urknall der heute boomenden E-Health-Branche. Was deutschen Datenschützern die Schweißperlen auf die Stirn zaubern würde, hilft in Israel, Leben zu retten. So weiß der Haus- oder Unfallarzt mit einem Mausklick sofort, wie der letzte Check-up etwa beim Urologen ausgefallen ist oder welche Medikamente der Patient nimmt. Das spart nicht nur Zeit. In Notfällen lassen sich so auch schneller Entscheidungen treffen, weil alle Informationen sofort vorhanden sind und nicht erst mühsam zusammengesucht werden müssen.

In einer internationalen Studie zur Digitalisierung des Gesundheitswesens landete Israel auf Platz vier.

Über Apps kann man zudem Termine buchen oder Rezepte anfordern. Und die Daten werden benutzt, um automatisch Risikopatienten für bestimmte Krankheiten wie Darm- oder Prostatakrebs zu identifizieren und sie gezielt zur Wahrnehmung von Vorsorgeuntersuchungen aufzufordern.
Schon lange arbeiten israelische Kliniken mit gewerblichen Anbietern aus dem Bereich E-Health zusammen, und zwar vom Start-up bis hin zum großen Konzern. Genau deshalb liegt Israel in den entsprechenden Rankings weit oben.

RANGLISTE Das New Yorker Research-Unternehmen CB Insights listet in seiner globalen Rangliste der 150 vielversprechendsten Digital-Health-Firmen gleich acht Unternehmen aus Israel auf, die eine Menge dazu im Angebot haben – angefangen vom Start-up, das sich mit KI-gestützter Bilderfassung befasst, bis hin zum Anbieter von Technik, die Krebsgeschwüre besser beobachten kann.

In der 2018 im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung durchgeführten internatio­nalen Vergleichsstudie »#SmartHealthSystems« landete der jüdische Staat auf Platz vier hinter Estland, Kanada und Dänemark.

»Seit gut zwei Jahrzehnten setzt Israel auf die Digitalisierung im Gesundheitswesen. Dabei agieren die großen Gesundheitsversorger weitgehend staatlich unabhängig. Das fördert den Innovationswettbewerb und bringt dem Land eine führende Position im Digital-Health-Index ein«, heißt es auf der Studienwebseite.

Deutschland belegte in der Bertelsmann-Studie unterdessen den vorletzten 16. Rang. Nur wenige Jahre später demonstriert die Corona-Pandemie eindrücklich, dass ein digitalisiertes Gesundheitswesen helfen kann, unzählige Leben zu retten.

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