Buchmesse Leipzig

Kurz gefasst

Auf in den Lesesommer Foto: Frank Albinus

Der Attentäter von Brooklyn

Der Mann auf dem Bett trägt eine gebügelte Hose und glänzende schwarze Halbstiefel. Aber ihm fehlt etwas Entscheidendes: der Kopf. Dafür liegt über dem aufgerissenen Fleisch des Halses ein hauchdünnes Stoffstück. Der Rest ist Blut. Und schon steckt Hobby-Ermittler Omar Jussuf in seinem vierten Fall. Dabei wollte er in New York nur seinen Sohn besuchen. Doch der steht nun unter Mordverdacht. Also begibt sich der Lehrer aus Bethlehem in Brooklyns »Little Palestine« auf lebensgefährliche Spurensuche. Ist der Geköpfte Opfer eines Beziehungsdramas? Haben ihn Drogenbosse auf dem Gewissen? Oder steckt dahinter eine islamistische Terrorzelle? Eine spannende Ausgangslage, die Matt Beynon Rees zu nutzen versteht. Bestes Krimivergnügen von einem, der sich gut auskennt und ebenso schreibt.

Christian Böhme

Matt Beynon Rees: »Der Attentäter von Brooklyn«. Übersetzt von Klaus Modick. C. H. Beck, München 2011, 288 S., 18,95 €

Meine russische Großmutter

Jede Familie hat ihre schrulligen Typen. Bei Meir Shalev ist es Großmutter Tonia. Sie gehört zur Gründergeneration von Nahalal, dem ersten Moschaw in Erez Israel. Nach Jahren in Zelten und Holzbaracken beziehen die Pioniere endlich Häuser. Dieses Glück treibt Tonia in den Wahn: Rastlos jagt sie hinter jedem Staubkorn her, trägt Putzlappen über der Schulter, um sofort zuzuschlagen. Ihre Kinder peitscht sie an, ihr beim Putzen zu helfen – selbst am Schabbat. Und sie sperrt Zimmer ab, aus Angst, sie könnten schmutzig werden. Doch eines Tages trifft ein riesiges Paket aus Amerika ein mit einem Staubsauger – die Rache ihres Schwagers. Der bekannte israelische Schriftsteller Meir Shalev hat mit seinem Roman, der auf wahren Begebenheiten beruhen soll, seiner schwierigen Großmutter und ihrer Generation ein liebenswürdiges Denkmal gesetzt.

Tobias Kühn

Meir Shalev: »Meine russische Großmutter und ihr amerikanischer Staubsauger«. Übersetzt von Ruth Achlama. Diogenes, Zürich 2011, 282 S., 20,90 €

Das Haus der Rajanis

Im August 1895 landen Isaac und Esther Luminsky im Hafen von Jaffa. Das frisch verheiratete Paar hat Europa verlassen, um im Gelobten Land von vorne zu beginnen. Doch so schwierig wie die Beziehung der Eheleute gestaltet sich der Neubeginn in Palästina. Isaac freundet sich auf Streifzügen durch Bordelle mit dem zwölfjährigen Muslim Salach Rajani an. Mit dessen at-traktiver Mutter Afifa beginnt er eine Affäre. Als der Ehemann, ein wohlhabender Grundbesitzer, Isaac mit seiner Frau in flagranti ertappt, wird aus Freundschaft Hass, Liebe schlägt in Verrat um. Auf provokante Weise hinterfragt Alon Hilu den zionistischen Gründungsmythos. Wer sich auf die altmodische, üppig poetische Sprache einlässt, lernt den dramatischen Konflikt zwischen Juden und Palästinensern von einer ungewohnten Seite kennen. Eine Herausforderung, literarisch und gedanklich.

Bettina Piper

Alon Hilu: »Das Haus der Rajanis«. Übersetzt von Markus Lemke. C. H. Beck, München 2011, 355 S., 19,95 €

Vorspiel

Große Denker können ziemlich kleine Geister sein. Wenn Hannah Arendt und Theodor W. Adorno in Carl Djerassis satirischem Stück »Vorspiel« aufeinandertreffen, geht es zu wie bei Bürozicken. Arendt: »Setzen Sie sich. Ich hole Ihnen etwas zu trinken.« Adorno: »Nur ein Glas Wasser. Bei Ihnen ziehe ich es vor, nüchtern zu bleiben.« Arendt: »Sie werden es brauchen.« Was die verfeindeten Diven unter anderem entzweit, ist Adornos offene Verachtung für Arendts Ex-Ehemann Günter Anders. Gemeinsam ist den beiden aber ihre Bewunderung für Walter Benjamin, dessen Erbe sie allerdings jeder für sich beanspruchen. Benjamin selbst tritt in dem 7-Szenen-Stück auch auf, desgleichen Adornos Gattin Gretel, die sich die Bordellträume ihres Mannes anhören muss. Den Katalysator spielt ein ominöses Fräulein X, Autorin einer Promotion über Benjamin und zeitweilige Bettgenossin »Teddy« Adornos. Djerassi verarbeitet jede Menge Klatsch und Tratsch über die Säulenheiligen der progressiven Intelligentsia zu einem intellektuellem Vergnügen – mit der Betonung auf Vergnügen.

Michael Wuliger

Carl Djerassi: »Vorspiel«. Theaterstück. Übersetzt von Ursula-Maria Mössner, Haymon, Wien 2011, 103 S., 16,90 €

Adams Erbe

Edward Cohen hat von seinem Großonkel Adam dessen Aussehen geerbt und die Leichtigkeit locker durchs Leben zu gehen – ziellos, aber mit Charme. Astrid Rosenfeld erzählt in einem Doppelporträt die Geschichten der beiden Männer, die 70 Jahre trennen. Lebensläufe, die verschiedener nicht sein könnten: der eine geprägt durch die Schoa, der andere bestimmt durch die Suche nach sich selbst. Das Buch verwebt beide fiktiven Biografien miteinander, indem Edward seiner Freundin Amy die Geschichte von Adams Liebe zu Anna erzählt, einer Liebe, die so stark war, dass Adam sich sogar ins Warschauer Ghetto schmuggeln ließ, um seiner Anna nah zu sein. Trotz des Schoa-Themas ist der Roman locker und leicht erzählt. Die Figuren sind sympathisch skurril. Der stets ironische Erzählton nimmt der Geschichte die bedrückende Schwere und schafft Distanz, um hinsehen zu können, wie die Menschen in der Bedrängnis des Ghettos ihr Leben bewältigten. Der jungen Berliner Autorin ist ein lesenswertes Erstlingswerk gelungen, mit Figuren, die dem Leben seine positiven Seiten abgewinnen, ohne die schlechten zu übersehen.

Heide Sobotka

Astrid Rosenfeld: »Adams Erbe«, Diogenes, Zürich 2011, 384 S., 21,90 €

Proseminar Israel

Ein Flug von Berlin nach Tel Aviv dauert durchschnittlich dreieinhalb Stunden. Wer sich die Zeit mit etwas Harmloserem als dem Bord-Film vertreiben möchte, sollte Wo samstags immer Sonntag ist lesen. Die Geschichte eines deutschen Studenten in Israel. Der Autor Markus Flohr beschreibt auf lockere Art, was ein Pfarrerssohn aus gutem Hause im Heiligen Land so alles erleben kann. Koschere Kühlschränke, Nasenvergleiche, Scherut-Fahrten und natürlich die Liebe. Leider wirken all diese Begegnungen manchmal doch sehr konstruiert und oft möchten die Unterhaltungen bedeutungsschwerer sein, als sie es vielleicht sind. Dennoch ist es ein amüsantes Buch, das gut zwischen Start und Landung passt.

Katrin Richter

Markus Flohr: »Wo samstags immer Sonntag ist. Ein deutscher Student in Israel«. Kindler, Reinbek 2011, 256 S., 14,95 €

Sprachgebrauch

Der schwierige Umgang mit dem Erbe

Die nationalsozialistische Vergangenheit und ihre Giftpfeile in der heutigen Alltagssprache

von Julia Bernstein  27.01.2020

Los Angeles

US-Regisseure zeichnen Sam Mendes für »1917« aus

Der Award für das beste Regiedebüt ging an die Israelin Alma Har’el

 26.01.2020

»Messiah«

Der Erlöser spricht Iwrit

Die Serie verlegt die Ankunft des Gesalbten in die Gegenwart

von Sophie Albers Ben Chamo  25.01.2020

Dresden

Verhandlungen über Jüdisches Museum

Pläne für Museumsgebäude werden konkreter – möglicher Standort ist der Alte Leipziger Bahnhof

 24.01.2020

Berlin

Beuth-Hochschule wird umbenannt

Namensgeber Christian Peter Beuth war Antisemit – eine Ausstellung soll seine judenfeindliche Haltung thematisieren

 24.01.2020

Hören!

Zeugen sterben, Dinge erinnern

Der Deutschlandfunk widmet eine »Lange Nacht« den letzten Habseligkeiten der Ermordeten in Auschwitz

 24.01.2020

Wuligers Woche

Rat und Schläge

Wenn Medien nichts mehr einfällt, gibt es immer noch das Jüdische Museum Berlin

von Michael Wuliger  23.01.2020

Literatur

Auf eine Suppe in Stuttgart

Eine Erinnerung an den israelischen Schriftsteller Aharon Appelfeld sel. A.

von Anat Feinberg  23.01.2020

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter  23.01.2020