Tanz

»Kunst hat Kraft«

Tomer Heymann Foto: Heymann Brothers Films

Tanz

»Kunst hat Kraft«

Der israelische Regisseur Tomer Heymann über seinen Film »Mr. Gaga«, Choreografien und viele Stunden in Archiven

von Katrin Richter  23.05.2016 11:22 Uhr

Herr Heymann, »Mr. Gaga« ist vor zwei Wochen in den deutschen Kinos angelaufen. Wie geht es Ihnen damit?
Ich habe in den vergangenen neun Jahren so viel Energie in den Film hineingesteckt. Das Feedback darauf ist jetzt enorm.

Sie haben den israelischen Choreografen Ohad Naharin begleitet. Was hat Sie am Thema Tanz fasziniert?
Alles begann eigentlich vor 25 Jahren – lange, bevor ich überhaupt ans Filmemachen denken konnte. Ich komme aus einem kleinen Dorf zwischen Haifa und Netanya. Meine Eltern waren Bauern, und ich hatte, bevor ich nach Tel Aviv zog, noch nie eine Tanzshow gesehen. Naomi Bloch-Fortis ist eine Verwandte von mir, und sie hinterlegte ein Ticket für mich für »Kir«, eine Aufführung der Batsheva Dance Company. Ich habe zwar die Einladung mehrere Male ausgeschlagen, weil ich alle möglichen Vorstellungen – falsche Vorstellungen – über das Tanzen hatte. Zur letzten Show musste ich dann aber hin, weil Naomi es sonst persönlich genommen hätte. Und die veränderte mein Leben.

Warum?
Mir war nicht bewusst, dass Kunst mich so mitreißen könnte. »Kir«, Ohad Naharins Choreografie, hat mich einfach umgehauen. Ich war schockiert, inspiriert – alles gleichzeitig – und habe die Show insgesamt bestimmt 25-mal gesehen. Ich war plötzlich der kleine Junge, der den roten Ballon entdeckt hat. Es war einfach »wow«. Seitdem verfolge ich Ohads Schaffen. Eine Szene hat mich besonders beeinflusst. Die, in der sich zwei Mädchen sehr leidenschaftlich küssen. Für mich war es das Normalste der Welt. Ich hatte damals noch nicht mein Coming-out, und diese Szene hat es auch nicht in irgendeiner Weise beschleunigt. Aber es war Anfang der 90er-Jahre, ich kam aus einem sehr traditionellen Haus, und alles, was ich auf der Bühne sah, oder was ich auch in Tel Aviv sah, hat mir geholfen, mich weiterzuentwickeln. Meine Mission war klar: Ich musste Ohad Naharin irgendwann treffen.

Wie verlief die erste Begegnung?

Anders als erwartet, denn ich jobbte als Kellner im Tel Aviver Café »Orna and Ella«. Jeden Samstag kam ein Paar vorbei. Sie war Japanerin, er Israeli, und ich mochte sie sehr, wusste aber nicht, wer sie waren. Ich ging weiterhin zu den Vorführungen der Batsheva Dance Company und machte hinter der Bühne Aufnahmen mit meiner Kamera. Eines Abends sah ich diesen Typen aus dem Café und war überrascht. »Was machst du hier?«, fragte ich. Und er fragte zurück: »Sag mir lieber mal, was du hier machst?« So ging das eine ganze Weile hin und her, bis er sagte: »Hör mal, ich bin Ohad, und ich habe das hier inszeniert. Ich bitte dich, deine Kamera jetzt wegzulegen und niemals wieder etwas aufzunehmen.« Jahre später, als ich schon ein paar Filme gemacht hatte, die auch Ohad kannte, zum Beispiel »Paper Dolls«, holte mich der Wunsch wieder ein, einmal einen Film über ihn zu machen.

Warum wollte Ohad Naharin nicht, dass Sie filmen?

Seine Begründung war interessant und seltsam zugleich. Als ich ins Archiv der Batsheva Dance Company ging, um Material zu sichten – das ist ja das Normalste der Welt, wenn man sich auf einen Film vorbereitet –, sagte man mir, es gebe so gut wie nichts. Und das Wenige dürfte ohnehin nicht herausgegebenn werden, weil Ohad nichts archivieren wolle. Ohad sagte mir hinterher, dass ich das nicht persönlich nehmen solle, sondern verstehen müsse, was er damit ausdrücken möchte: Der ganze Zauber, weswegen er Choreograf geworden war, war, dass die Kraft des Tanzens im Vergänglichen liegt. Man könne gefühlsmäßige und intellektuelle Schlüsse aus der Bewegung ziehen, aber der Moment der Bewegung selbst sei vergangen, man könne ihn nicht einfangen. Das unterscheidet den Tanz substanziell von allen anderen Künsten. Um ein Bild zu sehen, geht man ins Museum, ein Theaterstück kann man nachlesen, Musik kann man hören. Deswegen, erklärte Ohad mir, arbeite die Dokumentation seiner eigenen Überzeugung entgegen, nämlich dass alles vergänglich sei. Es war ein großer intellektueller Konflikt.

Den man dem Film aber nicht anmerkt.
Ich wollte nicht, dass das Publikum mitbekommt, wie sehr der Regisseur »gelitten« hat. Ohad sagte, ich könne bei intimen Momenten seines Privatlebens dabei sein. Wenn ich allerdings mit meiner Kamera ins Tanzstudio käme, wenn er diese magischen und ganz ehrlichen Momente mit den Tänzern habe, sei das der intimste Moment überhaupt.

Wie sind Sie beim Filmen vorgegangen?
Ich musste mich erst durch verschiedene Archive durchwühlen, Informationen von anderen Menschen über Ohad sammeln und ihn dann damit konfrontieren. Er wäre nie selbst auf die Idee gekommen, mir davon zu erzählen. Die Szenen in der Armee zum Beispiel. Ich sagte ihm, was ich habe, und bat ihn dann, sich darüber mit mir zu unterhalten. Seine Erzählungen waren immer interessant und haben mich stets beeindruckt.

Wie hat die Arbeit an dem Film Ihre Sicht auf Ohad Naharin geändert?
Er ist einfach genial, talentiert und loyal. Er hat keine Angst, einen komplett anderen Weg zu gehen. Wer sagt schon Nein zu Martha Graham oder Maurice Béjart? Als er diesen beiden Stars der Choreografie absagte, wusste er, nichts würde auf ihn warten, denn Ohad war damals in Israel noch nicht so berühmt, wie er es heute ist. Ohad ist mutig genug, nicht dem Mainstream zu folgen.

Was sich bei dem Streik der Batsheva Dance Company zum 50. Unabhängigkeitstag Israels zeigte, als sich alle Tänzer hinter Ohad Naharin stellten.
Genau. Er ist loyal, und das wissen die Tänzer. Mir war dieses Ereignis gar nicht mehr so bewusst. Aber ich habe viele Menschen gefragt, wieso es damals Proteste gegen die Kostüme der Tänzer gab. Die Künstler machten klar, welche Kraft Kunst hat, und sagten den Auftritt ab. Heute protestiert fast keiner mehr – das ist sehr ärgerlich. Ich mag Künstler, die sagen, was sie denken.

Mit dem Regisseur des Films »Mr. Gaga« sprach Katrin Richter.

Der Trailer zum Film:
www.youtube.com/watch?v=1hhNqYrD84w

Geburtstag

Wider die Gedankenlosigkeit: Wolf Biermann wird 90

Als junger Mensch war für ihn die DDR das bessere Deutschland. Doch bald wurde Lyriker und Liedermacher Wolf Biermann ihr schärfster Kritiker. Auch nach der Ausbürgerung blieb er ein wacher und kritischer Geist. Am 15. November wird er 90

von Thomas Bickelhaupt  05.11.2026

Meister der Melancholie

Leonard Cohen: »Jikan der Stille« lebte seine Religion - und auch eine andere

Seine Lieder sind geheimnisvoll, oft düster - und doch von beklemmender Schönheit. Leonard Cohen war nie zu greifen, mit niemandem zu vergleichen. Vor zehn Jahren ist er gestorben

von Alexander Brüggemann  05.11.2026

TV-Tipp

Viele Jahre bis zum großen »Hallelujah«: Arte zeigt Porträt von Leonard Cohen zum zehnten Todestag

Es ist wohl das bekannteste Lied des kanadischen Sängers Leonard Cohen. Und so steht »Hallelujah« auch im Zentrum eines so unterhaltsamen wie inspirierenden Porträts über den legendären Sänger

von Jan Lehr  05.11.2026

Sehen!

»Doitscha – Alles geht vorüber«

Die Tragikomödie »Doitscha – Alles geht vorüber« in der ARD beruht auf einem Buch von Adriana Altaras

von Pascal Beck  04.11.2026

Essay

Der neue Jude

Warum ich Mitleid mit den Deutschen habe, die bis heute nicht begreifen wollen, dass wir keine wehrlosen Opfer mehr sind, sondern starke, selbstbestimmte Menschen, die hart zurückschlagen, wenn man uns angreift

von Zeev Avrahami  04.11.2026

Programm

Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 4. November bis zum 12. November

 04.11.2026

Sachbuch

Der Kampf jüdischer Gemeinden für den Synagogen-Aufbau nach dem Krieg

Durch die Nationalsozialisten zerstört, wollten jüdische Gemeinden viele Synagogen in Deutschland nach dem Krieg wieder aufbauen. Doch sie hatten mit Widerständen zu kämpfen - und mit Parkplätzen und Einkaufszentren

von Thomas Klatt  04.11.2026

New York

Nach Paul Simon wird auch Art Garfunkel 85

Mit Songs wie »The Sound of Silence« wurden Simon & Garfunkel weltberühmt – aber auch die Streits der beiden Schulfreunde aus New York sind legendär. Jetzt steht der nächste große Geburtstag an

von Christina Horsten  04.11.2026

Frankfurt am Main

Rote und blaue Fäden

Mit der Installation »A Sky Full of Hope« will die Künstlerin Janet Echelman globale Vernetzung sichtbar machen – und eckt in der Stadt damit an

von Eugen El  03.11.2026