Renée Sintenis

Künstlerin der Großstadt

Renée Sintenis (1888–1965), deren Bär mit den erhobenen Tatzen in den 50er-Jahren zur Symbolfigur Berlins avancierte Foto: dpa

Renée Sintenis

Künstlerin der Großstadt

Eine Ausstellung in Regensburg präsentiert das Werk der Bildhauerin, die den »Berliner Bär« geschaffen hat

 13.08.2019 12:10 Uhr

Unter dem Titel »Zwischen Freiheit und Moderne« präsentiert das Kunstforum Ostdeutsche Galerie vom 12. Oktober 2019 bis 12. Januar 2020 in Regensburg das Werk der Bildhauerin Renée Sintenis (1888–1965).

Vor allem ihre kleinformatigen Tierplastiken machten sie zu einer gefragten Künstlerin. Der »Berliner Bär«, ihre plastische Umsetzung des Wappentiers, wurde zum Hauptwerk ihrer letzten beiden Lebensjahrzehnte. Der Bär mit den erhobenen Tatzen avancierte in den 50er-Jahren zur Symbolfigur der Stadt. Eine kleinere Version wird bis heute bei der Berlinale, den jährlichen Berliner Filmfestspielen, als Preis vergeben.

»neue frau« Doch nicht nur mit ihren Arbeiten machte Sintenis Furore. Sie gilt als eine der am häufigsten fotografierten Frauen der Weimarer Republik. Mit ihrer großen, schlanken Erscheinung im Herrenanzug mit Bubikopf verkörperte sie den Inbegriff der »neuen Frau« der sogenannten Goldenen Zwanziger. Die Ausstellung im Kunstforum will das vielfältige Schaffen von Sintenis vor Augen führen, aber auch die Künstlerin als Medienstar und wichtige Persönlichkeit der Berliner Kunstszene vorstellen.

Hitlers Ernennung zum Reichskanzler im Januar 1933 markiert für die Künstlerin einen tiefen biografischen Einschnitt.

Mit 17 Jahren kam die im schlesischen Glatz geborene Renate Alice Sintenis nach Berlin. Innerhalb weniger Jahre verwandelte sich das Mädchen, das in der brandenburgischen Provinz aufgewachsen war, zur mondänen Großstadtkünstlerin. In der Kunst- und Kulturszene Berlins pflegte sie regen Kontakt zu Ernst Barlach, Andre Gide, Rainer Maria Rilke, Asta Nielsen und weiteren Berühmtheiten. Ihr Galerist Alfred Flechtheim machte sie mit Sammlern in Paris, London und New York bekannt und vermarktete besonders ihre kleinen Tierplastiken – national und international.

»entartete kunst« Hitlers Ernennung zum Reichskanzler im Januar 1933 markiert für Renée Sintenis einen tiefen biografischen Einschnitt. Sie wird aus der Preußischen Akademie der Künste ausgeschlossen, Flechtheim geht ins Exil. Im Vorfeld der Ausstellung Entartete Kunst 1937 in München werden ihre Plastiken und Grafiken aus Museen und Sammlungen entfernt.

Den Nationalsozialisten gilt Sintenis, die jüdische Großeltern hat, als »mindestens Halbjüdin«. Nachdem im November 1942 ihr Ehemann, der Maler Emil Rudolf Weiß, stirbt, muss die Bildhauerin damit rechnen, deportiert zu werden. Doch sie bleibt bis Kriegsende unbehelligt.

Die Ausstellung nähert sich dem Gesamtwerk der Künstlerin aus unterschiedlichen Perspektiven, wie es in der Ankündigung heißt. Mehr als die Hälfte ihrer Arbeiten stellten kleinformatige Tierplastiken dar, wie dies auch die 100 Exponate widerspiegelten. Doch nur mit den vielzähligen Frauen-, Knaben- und Sportlerfiguren sowie den Porträts und grafischen Arbeiten werde ihrem komplexen Schaffen wirklich Rechnung getragen, heißt es.  kna/ja

Glosse

Der Rest der Welt

Der ungelesene Bücherstapel oder Die Bibliografie des idealen Menschen

von Nicole Dreyfus  01.11.2026

Eröffnung

Museum Zwangsarbeit zeigt Ausstellung zu »unerwünschten Kindern«

Beziehungen zwischen Deutschen und Zwangsarbeitern im NS-Regime waren verboten. Trotzdem gab es diese Kontakte ebenso wie Kinder aus diesen Beziehungen. Eine Ausstellung in Weimar widmet sich den Geschichten der betroffenen Eltern und Kindern

 30.10.2026

New York

Nach Paul Simon wird auch Art Garfunkel 85

Mit Songs wie »The Sound of Silence« wurden Simon & Garfunkel weltberühmt – aber auch die Streits der beiden Schulfreunde aus New York sind legendär. Jetzt steht der nächste große Geburtstag an

von Christina Horsten  30.10.2026

Literatur

»Empfänger unbekannt«: Wenn ein Freund zum Feind wird

Die judenfeindlichen Novemberpogrome von 1938 jähren sich zum 88. Mal. Anlass, die Geschichte »Empfänger unbekannt« aus demselben Jahr zur Hand zu nehmen. Darin schlägt ein Jude zurück, mit überraschenden Mitteln

von Leticia Witte  30.10.2026

München

Julia Klöckner: Verteidigung jüdischen Lebens Aufgabe für alle

Jüdische Kultur ist in Deutschland tief verwurzelt. Zum 40. Mal wollen die Kulturtage diesen Reichtum würdigen. Für die Bundestagspräsidentin ein Anlass zu Mahnung und Hoffnung

 30.10.2026

Frankfurt

Eine Akademie für Deutschland

Am Montag wird die Jüdische Akademie feierlich eröffnet. Sie soll innerjüdische Debatten fördern und jüdische Perspektiven stärker in die Gesellschaft einbringen

von Josef Schuster  30.10.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Bettina Piper, Imanuel Marcus  29.10.2026

Auszeichnung

Shimon-Peres-Preis für deutsch-israelische Projekte

Für einen Dialog in Krisenzeiten werden jetzt zwei deutsch-israelische Projekte ausgezeichnet. Der Preis erinnert an den Friedensnobelpreisträger und israelischen Staatspräsidenten Shimon Peres

 29.10.2026

Kulturkolumne

Tikkun Olam am Abend

Das Geheimnis der Waldschnepfe

von Sophie Albers Ben Chamo  29.10.2026