Wirtschaftspolitik

Krise macht erfinderisch

Manchem Israeli geht ein Licht auf – und dann gründet er eine Firma. Foto: Fotolia / (M) Frank Albinus

Krise? Welche Krise? Während in Europa und Amerika im Jahr 2009 die Volkswirtschaften zu einer beispiellosen Talfahrt ansetzten, legte das Bruttoinlandsprodukt des jüdischen Staates auch weiterhin zu. Zwar fiel das Wachstum mit 0,5 Prozent etwas magerer aus als sonst, aber dafür sollen es Ende 2010 wieder satte 3,5 Prozent werden. Der Schekel ist gegenüber dem Dollar und dem Euro stark wie nie zuvor, und das Pro-Kopf-Einkommen liegt mit rund 24.000 Euro höher als in manchem EU-Mitgliedsstaat. All das liest sich nicht schlecht für ein Land, das der Mitherausgeber der ZEIT, Josef Joffe, kürzlich als »einstigen internationalen Hartz-IV-Fall« bezeichnete. Denn so lange ist es noch gar nicht her, dass das Markenzeichen Israels allenfalls die Jaffa-Orange war, das einzig bekannte technische Produkt die Uzi und eine Rekordinflation von über 400 Prozent die Israelis das Gruseln lehrte.

Dabei stehen Krise und Erfolg in einem direkten Zusammenhang. So jedenfalls lautet die These von Dan Senor und Saul Singer. Die beiden Autoren einer aktuellen Studie über Israels Hightech-Gründerszene gehen dabei der Frage nach, wie es sein kann, dass ein derart kleines Land mit sieben Millionen Einwohnern – dazu auch noch umringt von wenig freundlich gesinnten Nachbarn und ohne nennenswerte natürliche Ressourcen – es geschafft hat, zu einer Art Supermacht in Sachen Software, Microchips und Biotech zu werden. »Warum gibt es gerade Israel so überdurchschnittlich viele Start-ups und nicht woanders?« Ihre Antworten mögen viele überraschen: Natürlich ist es eine Binsenweisheit, dass die Farbe des Erfolges in Israel oft olivgrün ist. Die Streitkräfte waren und sind Nährboden vieler Innovationen.

Wer etwa in MAMRAM oder Talpiot, den Computer-Einheiten der Zahal, diente, steckt nicht selten voller Ideen und versucht sie dann auch umzusetzen. »Doch es ist die antihierarchische Haltung, die angefangen beim Klassenzimmer, dem Militär bis hin zur Vorstandsetage alle Aspekte des israelischen Alltags durchzieht«, heißt es da. Dieses einzigartige gesellschaftliche Klima hat einen steten Drang geschaffen, Bestehendes infrage zu stellen und nach neuen Lösungsansätzen zu suchen. Alles ist machbar, kein Risiko wird gescheut – kurzum: viel Chuzpe.

mentalität Kenner der Szene können diese Haltung nur bestätigen. »Viele Leute suchen den unmittelbaren wirtschaftlichen Erfolg«, erklärt Ori Rubin, bis vor Kurzem Produktmanager bei Tufin Technologies, einem Firewall-Anbieter. »Außerdem denken Israelis nicht in so starren Bahnen wie die meisten Deutschen und sind wahre Meister im Improvisieren.« Darüber hinaus zwingt die Existenz in einer Krisenregion zu einem hohen Maß an Flexiblität, denn schließlich ist es überlebenswichtig, auf sich plötzlich verändernde Situationen adäquat reagieren zu können. »Genau darin liegt auch die Stärke vieler israelischer Unternehmensgründer«, so Rubin. »Zugleich hat der internationale Erfolg von Hightech-Firmen wie Amdocs oder Comverse viele junge Leute dazu motiviert, ebenfalls eine Geschäftsidee in die Tat umzusetzen.

Aber smarte und flexible Menschen mit brillanten Ideen gibt es in vielen Ländern dieser Welt. Genau deshalb werfen die beiden Autoren auch einen Blick nach Asien und vergleichen Singapur und Südkorea mit Israel. Beide asiatischen Staaten sind relativ jung, an Bedrohung von außen gewohnt und überdurchschnittlich erfolgreich. Dennoch können sie nicht mit dem jüdischen Staat konkurrieren, wenn es um die Zahl der Start-ups geht. «Das hat eine Menge mit der Angst zu tun, im Falle eines Scheiterns das Gesicht zu verlieren», lautet die Schlussfolgerung. «Wer dagegen in Israel mit seiner Geschäftsidee auf die Nase fällt, versucht es halt nicht selten ein zweites oder gar drittes Mal mit einer anderen.»

sozialfälle Doch Senor und Singer weisen auch auf Gefahren hin. Israel hat gemessen an seiner Gesamtpopulation den geringsten Anteil von Menschen, die am Wirtschaftsleben teilhaben. Bestätigung findet diese Aussage in der neuen Untersuchung des «Taub Centre for Social Policy Studies». Danach sind 19 Prozent der Israelis im Alter zwischen 30 und 45 überhaupt nicht auf dem Arbeitsmarkt vertreten. Im Regelfall handelt es sich dabei um Orthodoxe, die oft vom Staat alimentiert werden, sowie israelisch-arabische Frauen. «Eine demografische Zeitbombe», so die Forscher. «Hält dieser Trend an, dann werden im Jahr 2040 rund 78 Prozent aller Kinder an Grundschulen aus genau diesen beiden Problemsektoren der Gesellschaft stammen.» Die Start-up-Nation wird dann Geschichte sein.

Dan Senor, Saul Singer: Start-up Nation. The Story of Israel’s Economic Miracle. Hachette, New York 2009, 306 S., $ 26,99

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