Archäologie

Kopflos in Jerusalem

Ausgrabungsort in Jerusalem Foto: Kfir Arbiv/Israel Antiquities Authority

Der Boden in Jerusalem kann voller Überraschungen stecken. Eigentlich wollten der Archäologe Yossi Nagar von der israelischen Altertumsbehörde und sein Team nur eine antike Wasserzisterne in unmittelbarer Nachbarschaft zum Rathaus näher unter die Lupe nehmen, da machten sie eine so ungewöhnliche wie grausame Entdeckung: die Überreste von 125 Menschen, die dort vor mehr als 2000 Jahren verscharrt wurden.

Doch es handelt sich dabei wohl nicht um eine Begräbnisstätte im üblichen Sinne. »Wir haben darin mehr als zwei Dutzend Wirbelknochen ausgegraben, die ganz offensichtlich mit einem Schwert durchtrennt worden waren«, sagt Yossi Nagar. »Alles deutet auf ein regelrechtes Massaker hin. Das belegt die Tatsache, dass wir dort sowohl die Skelette von Frauen und Männern als auch von Kindern fanden.«

Wer aber waren diese Personen, und warum mussten sie einen derart schrecklichen Tod erleiden? Genau auf diese Fragen versuchten die Experten vor wenigen Tagen in einer Präsentation anlässlich der »12. Annual Conference on New Studies in the Archaeology of Jerusalem and its Region«, Antworten zu geben.

Pharisäer Ihre These: Es handelt sich bei den Personen aller Wahrscheinlichkeit nach um Angehörige der Sekte der Pharisäer, die mit dem hasmonitischen Herrscher Alexander Yannai im Clinch lagen, der zwischen den Jahren 103 und 76 v.d.Z. Jerusalem regiert hatte, weil dieser einer anderen religionsphilosophischen Gruppe, den Sadduzäern, nahegestanden haben soll – so jedenfalls ist es bei dem legendären Geschichtsschreiber Josephus Flavius nachzulesen.

Auch in den am Toten Meer gefundenen berühmten Schriftrollen von Qumran gibt es einige Textstellen, in denen von einer Strafaktion Alexander Yannais berichtet wird, bei der er wohl rund 800 seiner politischen Feinde im wahrsten Sinne des Wortes über die Klinge hat springen lassen.

Ganz offensichtlich berichten diese historischen Texte also die Wahrheit, sind Nagars Kollegen Kfir Arbiv und Tehilla Lieberman überzeugt. »In den Quellen wird davon erzählt, dass der König viele seiner jüdischen Gegner gefangen nahm und hinrichten ließ«, so die beiden Archäologen. Aber nicht nur das. »Zuvor ließ er vor ihren Augen gleichfalls ihre Söhne und Frauen töten. Die von uns entdeckten Gebeine zeigen zahlreiche Spuren von Schwerthieben, darunter auch am unteren Kiefer oder dem Schädelknochen, was auf eine gezielte Enthauptung hinweist.« Nach der Exekution wurden sie dann einfach in die Zisterne geworfen. »Die Knochen lagen teilweise wild durcheinander und wurden nicht in der sonst üblichen Begräbnisposition bestattet.«

Massaker In ihrem nunmehr veröffentlichten Beitrag im Fachmagazin »New Studies in Archaeology of Jerusalem« schreiben die drei Experten, dass sie wohl nun auf die Opfer eines dieser in den historischen Texten erwähnten Massaker gestoßen sind. »Wir haben damit den archäologischen Beweis für die Auseinandersetzungen zwischen dem sadduzäischen, hasmonitischen Herrscher einerseits und den Pharisäern in Jerusalem anderseits.« Zwar wurden in der Zisterne nahe dem heutigen Rathaus noch weitere Personen entsorgt. »Doch diese stehen nicht im Zusammenhang mit den innerjüdischen Konflikten aus dieser Zeit.«

Der Grund: Es handelt sich bei ihnen ausschließlich um erwachsene Männer aus späteren Epochen, die Sandalen trugen und Metallobjekte bei sich hatten, die eher typisch für römische Legionäre sind. Auch gibt es ein weiteres Unterscheidungsmerkmal: Sie waren nicht kopflos.

Essay

Postkoloniale Theorie und ihre Folgen

Warum die akademisch-aktivistische Dämonisierung Israels so gefährlich ist

von Ingo Elbe  15.04.2024

»I Dance, But My Heart is Crying«

Der Sound des Scheunenviertels

Der Film des Regisseurs Christoph Weinert feierte in Berlin seine Premiere

von Florentine Lippmann  12.04.2024

Fernsehen

»Die Zweiflers« räumen in Cannes ab

Die Serie erzählt die Geschichte einer jüdische Familie und von deren Delikatessengeschäft in Frankfurt

 12.04.2024

Musikalischer Botschafter

Yuval begeistert Jury und Publikum in »The Voice Kids«

In der SAT1-Musikshow sang er den Song »Yasmin« der israelischen Band »Hapil Hakachol«

 11.04.2024

Kino

Amy Winehouse und der Davidstern

»Back to Black« geht auch den jüdischen Wurzeln der Sängerin nach

von Jens Balkenborg  11.04.2024

Sehen!

»Ein Glücksfall«

Der neue Film von Woody Allen ist nett anzusehen, doch einen wirklichen Drive entwickelt er nicht

von Jens Balkenborg  11.04.2024

Kino

»Helen Mirren ist ein fantastischer Anker«

Der deutsch-schweizerische Regisseur Marc Forster über seinen Film »White Bird« mit der britischen Oscar-Preisträgerin

von Patrick Heidmann  11.04.2024

Antilopen Gang

Oktober in Europa

Ein Raptrack gegen Antisemitismus mischt die linke Szene auf – und erntet Lob aus ungewöhnlicher Richtung

von Mascha Malburg  11.04.2024

Berlinale-Skandal

Ist etwa das ZDF an allem schuld?

Der Ausschuss für Kultur und Medien arbeitete den Antisemitismus-Eklat beim Filmfestival auf – oder auch nicht

von Michael Thaidigsmann  11.04.2024