Fernsehen

»Kommt ein Vogel geflogen«

»Kommt ein Vogel geflogen« läuft am Freitag auf ARTE. Foto: © SWR/Patricia Neligan

Kann ein Vogel eine falsche Gesinnung haben? Darf ein Mensch reden, wie ihm der Schnabel gewachsen ist? Kommt es bei beiden nur auf die inneren Werte an, oder muss alles Gesagte stets als bare Münze auf die Goldwaage gelegt werden?

Regisseur Christian Werner nimmt sich einige wunde Punkte im vergifteten sozialen Miteinander vor. Dass wir womöglich alle einen Vogel haben, bricht er auf eine Fabel herunter.

Ein Papagei steht vor Gericht. Weil er neben »Die Frisur sitzt«, »Raider heißt jetzt Twix« auch »SA marschiert« und »Heil Hitler« krächzt. Deshalb gilt der Vogel juristisch als verbotener Tonträger und darf nicht vermittelt werden. Für das, was er sagt, kann das Tier natürlich nichts, schließlich ist es ja nicht so vernunftbegabt wie sein verstorbener Besitzer, der ihm dies offenbar beigebracht hat.

Vegane links-ökologische Erzieherin

Birgit (Britta Hammelstein), engagierte Leiterin eines Tierheims, nimmt den Papagei also vorerst bei sich zuhause auf. Doch das rechte Parolen plappernde Tier löst einen Skandal aus, der vor Gericht endet und mit einer Verurteilung: Das Tier soll operativ seiner Stimme beraubt werden.

Das Richtige sagen, korrekt sprechen, Recht sprechen: Darum kreist der etwas struppige Film-Wolpertinger aus Gesellschaftssatire und tragikomischem Familiendrama. Im Zentrum aller Wirrnisse, flankiert von leicht wackeligen Landschaftsaufnahmen aus einem provinziellen Deutschland im Herbst, steht die zunehmend derangiert wirkende Tierheim-Chefin.

Sie will alles richtig machen, verschlimmert dadurch aber alles nur noch mehr. Beruflich steht Birgit unter Druck: Ein Lokalpolitiker will das Tierheim schließen und dort ein Spa errichten lassen. Vor der Bürgermeisterwahl versuchen obendrein alle Parteien, die Geschehnisse im kleinen Ort für sich zu instrumentalisieren, sei es die vegane links-ökologische Erzieherin oder die rechte Alice-Weidel-Wiedergängerin mit Hang zum Deutschen Schäferhund.

Jüdische Schwiegereltern

Auch über Birgits Privatleben erfährt man eine ganze Menge. Ehemann Nathan (Hans Löw) gibt vor, an der goldenen Zukunft der Familie zu arbeiten, lässt sich aber in Wahrheit als ewiger Bummel-Doktorand von seiner überarbeiteten Frau durchfüttern. Die kleine Tochter Sarah (Pola Friedrichs) stottert, weshalb das Jugendamt den Besuch einer Förderschule nahelegt. Und just, als Birgit den Nazi-Papagei zu sich holt, kündigen die jüdischen Schwiegereltern (Michael Wittenborn, Ulrike Krumbiegel) einen spontanen Besuch an.

Manche Erzählstränge und Situationen wirken bisweilen wie fehlerhaft aneinandergepappt, weshalb die Dramaturgie ein wenig holpert. Ein paar altbackene Figurenklischees wie der ranzige Lokaljournalist oder der staatstragende Amtsveterinär rücken den Film bisweilen in die Nähe eines Mumblecore-Kasperltheaters mit Klezmer-Einsprengseln.

Doch es hat echten Charme, wie der Film das alltägliche Gebaren der Menschen meist nur ganz gelinde übertreibt und dabei flugs zur Groteske findet. Dass ein geschmeidiger Tierheim-Mitarbeiter zunächst für das unschuldige Tier argumentiert, sich dann aber als Nazi entpuppt, während Birgits Schwiegervater das vor sich hergetragene Jüdischsein seiner konvertierten Gattin immer wieder ironisch kommentiert, lässt keine Seite gut dastehen.

Perfekt sitzende One-Liner

Perfekt sitzende One-Liner bewahren außerdem die Geschichte um Tochter Sarah vor allzu großer Rührseligkeit. Nicht einmal dann, wenn die Ameisenfreundin immer wieder klarzustellen versucht, dass alle Tiere »lie-, lie-, lie - benswert« seien, egal, was die anderen sagen.

Und gerade, als man denkt, der Film mache es sich mit seiner Gesellschaftsallegorie allzu einfach und lasse jedem politischen Tierchen sein Pläsierchen, nimmt der Vogel Sarahs »ka-ka« (sie versucht, »Kakao« zu sagen) in schönster materieller Eindeutigkeit beim Wort und platziert es mitten aufs Nazi-Plakat.

»Kommt ein Vogel geflogen«, Freitag, 29. November, 20.15 - 22.00 Uhr, Arte (TV-Erstausstrahlung)

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter, Imanuel Marcus  04.06.2026

POWER LIST – Germany’s Top 50

Hape Kerkeling bekommt Sonderpreis für Zivilcourage

Auch die Ärztin und Bestsellerautorin Yael Adler, Bildungsministerin Karin Prien (CDU) sowie JA-Chefredakteur Philipp Peyman Engel wurden ausgezeichnet

von Imanuel Marcus  04.06.2026

Kulturkolumne

Über Langzeitbeziehungen und Affären

Warum ich Esther Perel verehre

von Laura Cazés  04.06.2026

Frankfurt

Eher »OY« als »YO«

In »Mishpocha« thematisiert das Jüdische Museum Kernfamilie, Wahlverwandtschaft und popkulturelle Gemeinschaft in Bild und Sound

von Eugen El  04.06.2026

Diplomatie

Lebendiges Netzwerk

30.000 Euro für die deutsch-israelische Zusammenarbeit: Botschafter Ron Prosor zeichnet vier wegweisende Initiativen aus

 03.06.2026

Musik

Barry Manilow: Comeback mit neuem Album und Videoclip aus Schönefeld

Der legendäre Sänger hat eine Lungenkrebs-Operation hinter sich und Angst um seine Stimme. Einige seiner neuen Lieder sind melancholisch ausgefallen

von Imanuel Marcus  03.06.2026

Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen

Leipziger Fotoausstellung zu jüdischem Leben

Die Ausstellung »Momentaufnahme. Das Fotoarchiv Mittelmann« stellt u.a. die Familie des Fotografen vor

 03.06.2026

TV-Tipp

»Robert Lembke - Wer bin ich?« -Doku-Drama über die TV-Legende

»Robert Lembke - Wer bin ich« ist ein kluger Film über Verdrängung, Volksbildung und das Schweigen einer TV-Legende über die eigene Vergangenheit

von Jan Lehr  02.06.2026

Programm

Klang, Gang und Streisand: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 3. Juni bis zum 10. Juni

 02.06.2026